Sissiy Perlinger gastiert auf Einladung des Kulturrings in der Ederberglandhalle und sorgt für Beifallsstürme

Heiterer Burnout, komische Sinnsuche

Sissy Perlinger hatte das Frankenberger Publikum fest im Griff. Foto: Armin Hennig

Frankenberg - „Gönn dir ‚ne Auszeit“ lautet das Motto von Sissy Perlingers aktuellem Programm; in Sachen Lachen aus tiefster Seele gönnt die Comedian-Queen ihrem Publikum in der Ederberglandhalle allenfalls während der Pause eine Auszeit, sogar während der zahlreichen Umkleide-Intermezzi nimmt die Gagflut kein Ende.

Vom ersten Moment an hat Sissi Perlinger die Menschen in der voll besetzten Ederberglandhalle im Griff. Bereits der nur mal probeweise abgerufene Beifall zu Beginn erreicht in Frankenberg nur selten gehörte Dimensionen. Im weitere Verlauf kitzeln die Pointen der Entertainerin aber weitere Beifallsspitzen und abgrundtiefes Lachen aus den Zuschauern heraus, bis hin zum spontanem Trampeln beim Witz-Intermezzo im zweiten Teil, mit dem die Comedian-Queen eine technische Panne überbrückt, ehe der Tempeltanz zu allen Körperregionen im richtigen Tempo seinen Anfang nehmen kann.

Keine Chance zum „Zappen“

„Keine Chance zum Wegzappen für die nächsten zwei Stunden“, hatte die herzlich komisch zappelnde Entertainerin im Leopardenlook ihrem Publikum schon ganz zu Beginn gedroht. Das einzige Parallelprogramm während ihrer Show ist denn auch das Abrufen von eigenen Erfahrungswerten bei Themen wie Kindheitstrauma, Burn-Out-Syndrom, Fersehkonsum, Fitness-Wahn, Mutterfreuden und Väterleiden, Orangenhaut oder Tinitus.

Letzterer, oder das Erwachen mit einem Dauerklingelton am Morgen des 6.6.1998 geriet zum autobiographische Auslöser im Leben der auf mehreren medialen Hochzeiten zugleich tanzenden Allrounderin mit dem komischen Talent. „Kürzer treten, wann soll ich denn das noch machen?“, fragte die noch vollkommen betriebsblinde Komikerin ihren Agenten am Anfang der Suche nach den Ursachen. Ein Weg, der sie letztlich bis nach Indien und zum Moment vor der Geburt zurückführen wird, wo sie erstmals die Urangst der Rampensau schlechthin beschleicht: „Was mache ich bloß, wenn die Hebammen nicht klatschen und was, wenn sie zu viel klatschen, habe gar keine Zugabe vorbereitet.“ Die Vorstellung, den eigenen Vater im Alter von drei Jahren mit dem Beharren auf den Leopardenbärenanzug beim Krankenhausbesuch in die Flucht getrieben zu haben, dient zunächst als Roter Faden und Anlass und Aufhänger für die Karriere in allen Medien, bis zum Burn-out, allerdings ohne das erhoffte Echo seitens des Vaters.

Chirurg mit fettem Filzer

„Legen Sie sich Kinder zu, die übertönen das“, rät die Tinitus-Expertin, ein Rollenwechsel, den die Komödiantin aus Erfahrungen im Bekanntenkreis ableitet. Mit Seitenhieben auf den Beziehungstod durch von Glückshormonen gedopten Müttern und die auf kalten Entzug gesetzten Väter bis hin zu den Schrecken der Geburt in der selbst kreierten Gemüsesprache: „Gurke rein, das ist fein, Melone raus, das halt‘ ich nicht aus“, kommentiert sie die Geburt des ersten Kindes ihrer Schwester.

Drastisch bei der Wortwahl, krass im Outfit, mit dieser Kombination steuert Sissy Perlinger immer wieder neue Tabuzonen und Körperwelten an, mit dem Fat-Suit (Moppelchenanzug) im Wellness-Ressort in Oberbayern, wo der Dicken eine Stunde Extralauf vor der Minimalportion zum Mondpreis verordnet wird. „Ist der Balsamico von Prada?“, lautet die erboste Reaktion. Aufhänger für einen Exkurs über die Macht der Marken auf das Bewusstsein und den Krieg um die Köpfe, der in Sätzen wie „Wollt ihr den totalen Chic?“ oder „Heute gehört uns Prada und Morgen die ganze Welt“ gipfelt. Selbstverständlich im einschlägigen Tonfall und dem entsprechenden Akzent vorgetragen. Nicht viel später demonstriert sie anschaulich wie „Power-Jogging“ ohne BH zum „Hottentottentittentotal-K.O.“ führen kann, wenn einem die zwei besseren Hälften um die Ohren schlackern.

Diese grotesken Tänze sind in lebensnahe, aber nicht minder bizarre Alltagsreflexionen eingebettet, etwa über die den weiblichen Körper und seine allzu selbstkritische Wahrnehmung: „Was der Schönheitschirurg mit einem fetten Filzer markieren muss, das sehen Frauen mit dem bloßen Auge“, rät sie den Frauen zu mehr Selbstbewusstsein beim eigenen Körper und warnt eindringlich vor den nächsten überaus schmerzhaften Modetrend aus den USA, der Rosettenbleichung.

Männliche Fluktuation

Beim Indientrip nach der Pause nimmt Perlinger das geradezu halsbrecherischen Poententempo der erste Hälfte zurück, zumal die alltäglichen und gemeinsamen Stress- und Bezugspunkte wegfallen. Das Kernstück bilden eindrucksvoll kostümierten Guru-Portraits, bis zu den finalen Weisheiten der Oma Olga. Die Altachtundsechzigerin beißt nicht ins Gras, sondern raucht es lieber. Im Bett sorgt dagegen die männliche Fluktuation automatisch für Abwechslung: „Bis deine Tablette wirkt, habe ich auch meine Strumpfhose ausgezogen“, flüstert sie dem jüngsten Liebhaber beruhigend zu.

Von Armin Hennig

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