Lehrstunde in Sozialverhalten nach Fahrradkollision mit Unfallflucht und Anzeige bei der Polizei

Von Hilflosigkeit, Reue und Verzeihen

Frankenberg - Welche Wirkung hat es auf ein Kind, wenn es Verantwortungslosigkeit, Hilflosigkeit, aber auch eine Entschuldigung am eigenen Leib erfährt? Diese Frage stellt sich eine Mutter aus Frankenberg, nachdem ihre Tochter das Opfer einer Unfallflucht wurde.

Eine erwachsene Frau und ein elfjähriges Kind sind am Mittwochabend gegen 17.50 Uhr im Kreuzungsbereich der Rodenbacher Straße und der Straße Zum Frohndorf kollidiert. Die Frau flüchtete, ohne sich um das Mädchen zu kümmern - so lautete der Text einer Polizeimeldung in der Samstagsausgabe der Frankenberger Zeitung. Für die Eltern des Kindes steckt weit mehr dahinter als die Frage nach der Verursacherin, nämlich die Bedeutung von Werten und Verhalten.

Vom Freibad kommend war das Mädchen an jenem Tag die Rodenbacher Straße hinaufgefahren. Beim Überqueren der Seitenstraße hatte die erwachsene Fahrradfahrerin sie umgefahren. Das Mädchen erlitt Schürfwunden und Prellungen - doch die Frau fuhr einfach weiter.

„Meine Tochter war geschockt, verletzt, und das Fahrrad war auch kaputt und nicht mehr fahrbereit“, berichtet die Mutter. Die Kleine humpelte, das Fahrrad schiebend, ein Stück weiter und rief dann ihre Mutter an, die sie nach Hause holte. Weil das Kind Symptome einer Gehirnerschütterung beziehungsweise eines Schleudertraumas zeigte, brachte sie es ins Krankenhaus zur Untersuchung.

Für die Mutter stellten sich verschiedene Fragen: „Wieso hat sich die Frau nicht um mein Kind gekümmert, mich nicht angerufen, nicht gewartet, es nicht nach Hause gebracht?“ Für die Frankenbergerin geht es dabei um weit mehr als um unterlassene Hilfeleistung. „Ich lebe meinem Kind vor, für andere einzustehen, zu helfen, Rücksicht zu nehmen, Fehler zuzugeben, um Entschuldigung zu bitten.“ Werte zu pflegen, sei in einer so unpersönlichen Zeit wie der heutigen so wichtig. „An was soll mein Kind glauben, wie soll es lernen zu vertrauen, wenn sein Urvertrauen von einer Sekunde zur nächsten bis ins Mark erschüttert wird?“

Die Frankenbergerin meldete den Fall der Polizei. „Dieses nicht zu tun, hätte für mein Kind bedeutet, dass es etwas falsch gemacht hätte“, begründet sie. Obwohl alles so schnell ging, hatte sich das Mädchen Details gemerkt und konnte die andere Radfahrerin gut beschreiben. Die Beamten der Frankenberger Polizeidienststelle gaben die Suchmeldung an die Frankenberger Zeitung weiter.

„Ich hatte nicht viel Hoffnung, doch die Gewissheit, für meine Tochter ein Zeichen gesetzt zu haben. Auch wenn die Frau sich nicht melden würde, so sollte meine Kleine wissen, dass das, was sie erlebt hatte, nicht in Ordnung war“, sagt die Mutter.

Eine fremde Frau klingelt

Die Meldung in der FZ zeigte Wirkung: „Noch am selben Samstag klingelte eine mir fremde Frau bei uns, die sich beschämt als die Frau vorstellte, die meine Tochter umgefahren hatte“, berichtet die Frankenbergerin. Die Frau hatte den Artikel in der FZ gelesen und sofort gewusst, dass sie gemeint war. Sie hatte sich der Polizei gestellt und die Adresse der Familie bekommen. „Sie bat meine Tochter um Entschuldigung. Sie konnte sich selber nicht erklären, warum sie so handelte und sich nicht um die Kleine gekümmert, sie nach ihrem Namen gefragt und sie nach Hause begleitet hatte“, berichtet die mehrfache Mutter. Die Radfahrerin habe die Lage falsch eingeschätzt und auch nicht gesehen, dass das Fahrrad kaputt war. All das tue ihr unendlich leid und sie könne abermals nur um Entschuldigung bitten. Der Strafe werde sie sich stellen.

Für die Mutter der Elfjährigen bedeutete dieser Besuch die Wende: „Allein diesen Gang zu machen, zugeben zu können, einen Fehler gemacht zu haben, sich in die Augen zu sehen, sich die Hand zu geben und um Vergebung zu bitten, zeugt von menschlicher Größe“, sagt die Frankenbergerin.

Und so habe die Geschichte neben den verheilenden körperlichen Wunden auch ein psychisch heilsames Ende für ihr Kind gefunden: „Meine Tochter hat einen der wichtigsten Werte dazugelernt, nämlich den, eine Entschuldigung anzunehmen und zu vergeben. Es gibt sie doch noch, die Menschen, denen Werte noch etwas bedeuten.“ (apa/dwa)

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