Sternengucken für Laien

Den Himmel mit anderen Augen sehen

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Im „Sternencamp“ bei Hertingshausen untersuchen Hobby-Astronomen und absolute Astronomie-Laien gemeinsam den Himmel. Fotos: Katharina Beule

Wohratal-Hertingshausen - Die kleine Gruppe steht in völliger Dunkelheit, während die Kälte langsam die Hosenbeine hinaufkriecht. Noch haben sich die Augen nicht an die völlige Dunkelheit gewöhnt.

Gespannt wartet die Gruppe auf Manfred Velte, während die Finsternis dem weiten Sternenhimmel weicht. Alle haben die Köpfe in den Nacken gelegt und schauen in den Nachthimmel, der sich in Hertingshausen über ihnen auftut. Die hell leuchtenden Sterne lassen die Besucher staunen. „In den Städten sieht man selten so viele Sterne“, sagt jemand in die Stille. Die Milchstraße zeichnet sich am Himmel ab. Manfred Velte kommt mit einem grünen Laser, die „Sternenführung“ kann beginnen.

Warum die völlige Dunkelheit und die Abgeschiedenheit? Die Amateur-Astronomen, die jedes Jahr für eine Woche in Hertingshausen ihr Lager aufschlagen, brauchen einen dunklen Himmel zur Sternenbeobachtung. „Der wird in Deutschland durch die Stadtbeleuchtungen immer seltener“, erklärt Velte, Vorsitzender der Astronomie-Gruppe Lahn/Eder. Daher seien viele Amateure auf solche Treffen im „Hinterland“ angewiesen. Dort wird der Blick zu den Sternen kaum getrübt.

Seit einer Woche campieren die 60 Hobby-Astronomen aus allen Ecken Deutschlands beim Amateur-Teleskop-Treffen Burgwald (ATB) - und das schon zum zehnten Mal. Eine Woche, in der sie nicht nur allabendlich gemeinsam in die Sterne schauen. Auch Ausflüge in die nähere Umgebung des „Sternencamps“ stehen auf dem Terminplan, denn die meisten Astronomen haben neben der Vorliebe zu den Gestirnen auch einen Hang zur Naturbeobachtung. Auch zum Fachsimpeln über die neusten Geräte, zum Umbauen von Teleskopen und zum Austauschen von Astrofotos sind sie gekommen - und das mit allerlei Gerätschaften, die die 16 Vereinsmitglieder auf dem Zeltplatz aufgebaut haben.

Davon bekommen die Besucher, die an der Sternenführung teilnehmen, nicht viel mit. Gespannt lauschen sie den Erklärungen von Velte. Der große Wagen, der kleine Wagen, die Kassiopeia - alles Sternenbilder, von denen alle schon gehört haben, aber vermutlich nie so deutlich vor sich sahen. „Die meisten Menschen kennen nicht mehr als drei Sternenbilder“, sagt Velte. Mit seinem grünen Laser deutet er auf den Großen Wagen: Das wohl bekannteste Sternenbild. „Anhand dieses Sternenbildes kann man die meisten anderen Bilder bestimmen“, erklärt er und findet durch die Verlängerung der hinteren Achse des Wagens um das Fünffache schnell den Nordstern und die Kassiopeia. Die Besucher sind verblüfft.

Mit solchen Tricks lassen sich die Teleskop-Amateure kaum noch hinterm Ofen hervorlocken, steht ihre Ausrüstung der der Profis doch in nichts nach. „Wozu die Amateure heute in der Lage sind, ist einfach Wahnsinn“, erzählt Reiner Boulnois, ein langjähriges Mitglied des Vereins. „Noch vor 15 Jahren war das nur den Profis vorbehalten.“ So beobachten die Amateure am Nachmittag die rot glühende Sonnenkugel durch das H-Alpha-Teleskop, ein spezielles Teleskop zur Sonnenbeobachtung. Doch obwohl sie auf hohem Niveau arbeiten, ist das Treffen ganz ungezwungen. „Astronomie ist nicht nur was für Akademiker“, erklärt Velte. Im Camp seien alle Berufsstände vertreten, vom Handwerker bis zum Anwalt. „Wichtig ist nicht die Ausbildung oder die Ausrüstung. Was zählt, ist das Herzblut.“

Dieses Herzblut spüren auch die Teilnehmer der Sternenführung. Mit viel Geduld erklärt Velte die Sternenbilder und beantwortet Fragen. Immer wieder durchbricht sein Laser den dunklen Himmel, um abermals ein Sternbild nachzuzeichnen. Von der Kälte ist bei den Besuchern nichts mehr zu spüren. Zu spannend sind die Ausführungen, zu prachtvoll der Sternenhimmel.

Mittlerweile haben sich auch die Augen an die völlige Dunkelheit gewöhnt. „Wir nennen das Adaption“, erläutert Velte. „Es dauert etwa 30 Minuten, bis sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben. Darum ist bei uns auf dem Gelände weißes Licht absolut verboten.“ Warum das so ist, wird klar, als ein Auto auf den Parkplatz fährt. Dem hellen Scheinwerferlicht folgen ein paar Minuten völlige Blindheit. „Sofort umdrehen und nicht hinschauen, sonst sehen Sie die nächste halbe Stunde nichts“, ermahnt Velte. Als die Gefahr für die Augen gebannt ist und die kleine Gruppe wieder in der Dunkelheit steht, schlägt er vor: „Machen wir uns auf den Weg zum Beobachtungsplatz.“

Dort schwingt ATB-Hund Alex das Zepter. Er war schon bei allen zehn Treffen dabei und ist ein gern gesehener Gast an den Zelten der Camper. „Es ist alles ungezwungen hier“, betont Velte. Nicht nur Sterne haben die Amateure zu bieten. Für die Besucher haben sich die Vereinsmitglieder und ihre Gäste einiges einfallen lassen: Neben Sonnenbeobachtung und einem Vortrag von Udo Wittekind von der Marburger Volkssternwarte über kosmische Entfernungsmessung und einer Diashow auch die Sternenführung. Zudem ein Astroflohmarkt und natürlich das gemeinsame Sternegucken - der Höhepunkt jeden Abends. Die Faszination an den Sternen wird in der Familie weitergegeben. Mit Frauen und Kindern sind die Amateur-Astronomen teilweise aus Belgien, Frankreich und den Niederlanden angereist. „Man hat in der Astronomie ständig mit Dingen zu tun, die für uns unvorstellbar sind“, erklärt Boulnois und spricht damit beispielsweise die Temperaturen auf der Sonne an, die im inneren bis zu 50 Millionen Grad beträgt. „Genau das macht die Faszination aus. Dieses Unvorstellbare - das macht einen klein und andächtig.“ Aus diesem Grund gehen Menschen, die die Astronomie ernsthaft betreiben, auch bewusster mit der Natur um. „Im Sonnensystem ändert sich ständig etwas“, fügt Velte hinzu. „Man findet immer neue Dinge, die man beobachten kann.“

Diese Faszination steckt die Teilnehmer der Sternenführung an. Still folgen sie der roten Taschenlampe von Manfred Velte, der sie zum Beobachtungsplatz führt. Dort herrscht Dunkelheit, aber auch reges Treiben. Der Platz ist mit roten Lichtern beleuchtet - sie unterbrechen die Adaption der Augen nicht. Immer wieder sind Rufe der Astronomen zu hören - sie teilen Koordinaten mit. Astro-Fotographen warnen, nicht durchs Bild zu laufen.

Dazwischen stehen Teleskope - die Besucher können es kaum erwarten, selbst einen Blick hindurchzuwerfen. Dazu geben die Amateure ihnen auch Gelegenheit. Zu sehen gibt es Nebel, Galaxien und Sternenhaufen - sonst mit dem bloßen Auge nicht zu erkennen, im Teleskop aber ganz deutlich, fast schon zum Greifen nah. Staunend wandern die Besucher umher - und genießen in jedem Teleskop einen anderen atemberaubenden Blickfang.

von Katharina Beule

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