Frankenberg

Hirsch mit „Migrationshintergrund“

+

- Frankenberg (rou). Nicht der von Jagdpächter Wolfgang Schulte bei Bringhausen geschossene 32-Ender-Hirsch, sondern die Reaktionen der Wal­deck-Frankenberger auf den Abschuss des Tieres vor zweieinhalb Wochen sind in Jägerkreisen bis heute das Gesprächsthema Nummer eins.

In etlichen Leserbriefen in WLZ und FZ sowie in Kommentaren auf der Internetseite der Heimatzeitung haben Waldeck-Frankenberger den Abschuss des kapitalen Hirsches am 1. August kritisiert – zum Teil in drastischer Wortwahl. „Die Diskussion wird natürlich ideologisch geführt“, weiß Matthias Eckel, Geschäftsführer des Verbandes der Jagdgenossenschaften im Altkreis Frankenberg.

Ein Konsens sei bei diesem Thema vermutlich nicht zu erzielen. „Vor 30 oder 40 Jahren wäre der Jäger, der einen solchen Hirsch zur Strecke gebracht hat, auch in der öffentlichen Wahrnehmung ein Held gewesen. Heute entspricht dies in den Augen vieler Menschen nicht mehr dem Zeitgeist“, sagt Eckel. Dennoch sei es ihm wichtig, über die Arbeit der Rotwildhegegemeinschaften aufzuklären und damit „vielleicht zur Versachlichung der Diskussion beizutragen“, sagt er im Gespräch mit WLZ-FZ. Und diesen Standpunkt nimmt auch Kreisjagdberater Heinrich Engelhard ein. Nach seiner Auskunft lebt Rotwild in Wal­deck-Frankenberg auf einer Fläche von 80 000 Hektar. Dies entspricht 43 Prozent der Gesamtfläche des Landkreises. Der Bestand beläuft sich auf etwa 1200 Tiere. Um ihn nicht weiter anwachsen zu lassen, werden jedes Jahr 400 Tiere geschossen. „Würde dies nicht geschehen, wären Schäden in der Land- und Forstwirtschaft die Folge“, erläutert Engelhard. Der „Haupteingriff“ erfolgt in der sogenannten Jugendklasse: 75 Prozent der erlegten Tiere sind maximal vier Jahre alt. Dies entspricht in etwa den natürlichen Bedingungen, wo Beutegreifer den Bestand regulieren. Erst mit sieben Jahren ist ein Hirsch körperlich ausgereift und in der Lage, den „Paarungssprung punktgenau durchzuführen“, erläutert Engelhard. Falls der Beschlag nicht zum Erfolg führe, werde das weibliche Tier nach 18 Tagen wieder brünftig, beschreibt der Fachmann. „Die Brunft verschiebt sich bis in den Dezember, allerdings werden auch die Kälber entsprechend später gesetzt und gehen schwächer in den Winter.“ Mit etwa 13 Jahren habe ein Hirsch seinen Zenit erreicht. In den Folgejahren werde er unbeweglicher und nehme nicht mehr aktiv an der Brunft teil. „Mit 18 Jahren ist sein natürliches Ende gekommen.“

Der bei Bringhausen erlegte­ 32-Ender-Hirsch gehörte mit seinen 14 Jahren zu diesen reifen Hirschen. „Da wir nicht unbeschränkt Rotwild halten können, werden diese Hirsche der Wildbahn entnommen“, erklärt der Kreisjagdberater. „Für jeden Hirsch, den wir älter werden lassen, müssen wir einen mehr in der Jugendklasse erlegen: Die Hirschbasis wird somit enger.“ Das Ziel der Bemühungen der Rotwildhegegemeinschaften sei jedoch der Erhalt eines an die Belange der Land- und Forstwirtschaft angepassten Wildbestandes mit einer gesunden Altersstruktur. „Die Erlegung reifer Hirsche gehört dazu.“

Mehr lesen Sie in der FZ vom Freitag, 17. August

Kommentare