HNA-Test im sozialen Netzwerk: Erdachte Person fand bei Facebook 153 Freunde

Waldeck-Frankenberg. Marco Schmitt muss ein beliebter junger Mann sein. Der 30-Jährige hat bei Facebook 153 Freunde. Warum die seine Freundschafts-Anfrage angenommen haben, ist allerdings fragwürdig.

Denn diesen Marco Schmitt gibt es in Wirklichkeit gar nicht. Er ist eine Phantasie-Figur, die nur im sozialen Netzwerk Facebook existiert.

Marco Schmitt ist ein Test der HNA: Wir haben unter diesem erdachten Namen ein Profil bei Facebook angelegt, allerdings ohne Profilbild: geboren am 11. Juni 1981, interessiert an Rock- und Pop-Musik, Krimis, Action- und Comedyfilmen. Diesen Marco Schmitt haben wir im Landkreis verortet, indem wir ihn zum Fan der HNA, des Bonkers-Clubs, des Tui-Reisecenters Frankenberg und der Philipps-Universität Marburg gemacht haben. Dann haben wir wahllos ausgewählten Menschen aus der Region Freundschaftsanfragen geschickt, die nahezu alle bestätigt wurden – meist innerhalb weniger Stunden. Nur sechs Nutzer haben zurückgefragt: „Woher kennen wir uns?“

Dieser kleine Test zeigt zwei Dinge

Erstens: Auch wenn viele Nutzer sozialer Netzwerke Informationen über sich nur ihren Freunden zugänglich machen, ist es auch für jeden anderen kinderleicht, an diese Informationen zu kommen, Urlaubs- und Partyfotos zu sehen und zu verfolgen, was derjenige zuletzt gemacht hat. Privatsphäre gibt es kaum.

In diesem Fall war das ein harmloser Test, in anderen Fällen könnten sich Personalchefs vor Bewerbungsgesprächen auf diesem Weg über ihre Kandidaten informieren. „Nutzer sind sich oft nicht bewusst, wie viele Leute ihr Profil tatsächlich lesen. Das Gefühl von Intimität unter digitalen Freunden führt oft zu unangebrachten oder schädlichen Enthüllungen“, zitierte der Spiegel eine EU-Studie zur Netzwerk-Sicherheit.

Zweitens: Der Begriff „Freunde“ hat in sozialen Netzwerken für viele Nutzer offenbar keine Bedeutung. Die Definition, was ein Freund oder guter Bekannter ist, ist hier so schwammig, dass selbst Phantasiefiguren wie Marco Schmitt zum Freund werden. Den meisten Nutzern geht es anscheinend nur noch darum, so viele Freunde wie möglich zu sammeln. Die Qualität dieser Freundschaften „mit den Menschen in deinem Leben“, wie Facebook wirbt, spielt keine Rolle mehr. Im Netz gilt: Je mehr Freunde ich habe, desto wichtiger und anerkannter bin ich. Das glauben zumindest viele.

Von Jörg Paulus

Kommentar: Das Profil überprüfen

Jörg Paulus über Freunde bei Facebook.

Vorneweg: Ich bin bei Facebook, und ich bin es gerne. Ich kann mit Freunden chatten und mich mit ihnen verabreden. Eine schöne Sache.

Ich will all diese Dinge aber nur mit meinen wirklichen Freunden teilen, also mit „den Menschen in meinem Leben“, wie es auf der Facebook-Startseite heißt. Die meisten Nutzer lassen aber die gesamte Internet-Öffentlichkeit an ihrem Leben teilhaben, an privaten Daten, Kommunikation mit Freunden und Urlaubsfotos zum Beispiel. Je vertrauter wir mit sozialen Netzwerken werden, desto weniger hinterfragen wir das, was dort stattfindet.

Und unser kleiner Test hat gezeigt, wie einfach man im Netz Zugang zu persönlichen Daten anderer bekommen kann. Im echten Leben wäre das nie so leicht.

Wohin das führen kann, wird meist nicht bedacht. Mittlerweile informieren sich sogar Einbrecher bei Facebook darüber, wann wer in Urlaub ist und das Haus leer steht.

Jeder sollte also sein Profil bei Facebook überprüfen: Welche Infos über mich stehen eigentlich auf meiner Seite? Wer kann diese Daten sehen? Und mit wem bin ich bei Facebook überhaupt befreundet? Wer sein Profil im Netz mit Bedacht pflegt, der wird viel mehr unbesorgte Freude an den Vorteilen sozialer Netzwerke haben.

jpa@hna.de

Quelle: HNA

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