Gemünden liegt am Hugenottenpfad

Hugenottisches Erbe auch an der Wohra

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Wanderziel Gemünden: Die Stadt an der Wohra liegt ab sofort auf einer Schleife des Hugenotten- und Waldenserpfades.

Gemünden - Boucsein ist ein in Gemünden und Umgebung häufiger Name, der darauf hindeutet, dass die Stadt an der Wohra auch eine hugenottische Geschichte hat. Deshalb wurde sie mit Hertingshausen offiziell an den europäischen Hugenotten- und Waldenserpfad angeschlossen.

Genüssliches Wandern hatten die Hugenotten und Waldenser vor Jahrhunderten nicht im Sinn, als sie aus ihrer Heimat loszogen, ein Exil zu suchen. Sie waren Verfolgte: Die hugenottischen Protestanten durften ihren Glauben nicht offen leben. Fortziehen durften sie jedoch auch nicht - und taten es dennoch, oftmals inmitten nächtlicher, schützender Dunkelheit. Auf schweizerischem und deutschem Boden war das Bekenntnis zum reformierten Glauben einfacher. Die Flüchtlinge hinterließen eine Spur im Land, gerade auch in der Region.

Diese Spuren können heute gefahrlos nachverfolgt werden - bei einer genüsslichen Wanderung. Der Hugenotten- und Waldenserpfad führt von den französischen und italienischen Ursprungsgebieten bis nach Bad Karlshafen, in der Region entlang des Burgwaldpfades. Schleifen säumen diesen Pfad - etwa nach Schwabendorf, Louisendorf oder Wiesenfeld. Und seit gestern auch nach Gemünden und Hertingshausen. „Es gibt viele Verbindungen“, sagt Gerhard Badouin. Das Vorstandsmitglied des Vereins „Hugenotten- und Waldenserpfad“ meint damit die Verbindungen der beiden Orte über Kreisgrenzen hinweg, aber auch zwischen den Orten und den Hugenotten und Waldensern. Der Wohrataler Ortsteil Hertingshausen ist schon lange als Hugenottendorf bekannt. „In Gemünden gab es traditionell auch eine reformierte Gemeinde. Deren Gottesdienste haben die Hertingshäuser besucht, bevor sie eine eigene Kirche bekamen“, weiß Badouin. Der Schwabendorfer von Geburt und von Herzen ist seit einem Jahr Gemündener Neubürger.

Hugenottischer Pfarrer

Als Mitglied im Vorstand des deutschen Vereins für den Kulturpfad weiß er um die Geschichte der Hugenotten und Waldenser. Er selbst bereist regelmäßig Teile des Weges. Und er forscht in den Kirchenbüchern und Chroniken seiner Heimat nach hugenottischen Spuren. So weiß er etwa von einem Schwabendorfer Pfarrer, der im Jahre 1707 davon berichtet, wie er zum Pfarrer für Gemünden berufen wurde - um dort fortan auf Deutsch wie auf Französisch zu predigen. „Es gab auch viele Taufpaten aus Gemünden für die Hertingshäuser Hugenotten“, erinnert er.

Badouin kennt unzählige Beispiele für die Verbindungen der Wohrastadt zur hugenottischen Kultur und Tradition. Gerade recht kam ihm da die Initiative eines kleinen Dorfes: Die Hugenottenkolonie Frankenhain, heute Stadtteil von Treysa, bat um Anschluss an den Kulturwanderweg, der auf einer Stufe etwa mit dem Jakobswegsteht. „Erst war eine Route über den Kellerwaldsteig vorgesehen“, berichtet Badouin. Das konnte er nicht zulassen: Hertingshausen und Gemünden wollte er unbedingt auf der Schleife sehen.

Weg touristisch nutzen

„Das Ganze ist aus seiner Idee erwachsen“, freut sich Gemündens Bürgermeister Frank Gleim über die Initiative des Neubürgers. Er sei glücklich über so viel historischen Sachverstand in der kleinen Stadt - und über den Anschluss an den Wanderweg. Die Schleife im Osten des Weges ist die zweite neue innerhalb weniger Wochen: Erst kürzlich war der Frauenberg zwischen Marburg und dem Ebsdorfergrund angeschlossen worden (FZ berichtete). Die Route zweigt bei Schwabendorf ab und geht von dort weit in den Schwalm-Eder-Kreis nach Frankenhain. Dort schlägt sie eine scharfe Kurve und kommt über die Drei-Kaiser-Eichen zurück nach Gemünden. Am Stadtmuseum „Auf der Burg“ und der Kirche vorbei führt die Route auf die Extratour Galgenberg nach Hertingshausen. Von dort geht es über die Franzosenwiesen zum Christenberg - und damit zurück auf den Hauptweg Richtung Norden.

Gleim möchte den Anschluss an den Pfad auch touristisch nutzen: Der Trägerverein gibt im nächsten Jahr eine Kartensammlung heraus, in der auch die Gemündener Schleife verzeichnet ist - mitsamt touristischer Infrastruktur. „Die ist natürlich hervorragend“, lobt der Schwabendorfer Badouin - besser als in seinem Heimatdorf: Verpflegung, Rastmöglichkeiten, ein Schwimmbad. Diese Annehmlichkeiten hatten seine Vorfahren nicht. (gl)

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