Fachtagung zum Thema Berufsorientierung und Ausbildungsreife

Für jeden Auszubildenden 1,4 Stellen frei

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Frankenberg - Über "Ausbildungsreife zwischen Wunsch und Wirklichkeit" haben gestern rund 40 Schulkoordinatoren, Berufsberater und Geschäftsführer diskutiert. Anlass war das erste "Olov"-Fachforum in Waldeck-Frankenberg.

"In erster Linie befassen wir uns mit Berufsorientierung", fasste Thomas Müller von der Kreishandwerkerschaft Waldeck-Frankenberg gestern bei der Fachtagung zusammen. Müller koordiniert die praktische Umsetzung von "Olov" (siehe Kasten) in der Region. An dem gestrigen Forum in Frankenberg nahmen rund 40 Vertreter aus Wirtschaft und Schule teil.

Ralph Kersten vom Regionalen Übergangsmanagement in Offenbach gab zunächst ein Impulsreferat, um Informationen für die Podiumsdiskussion zu vermitteln. Der Fachmann, der seit fast 40 Jahren in der Lehrerfortbildung arbeitet, stieg mit einer augenzwinkernden Beschreibung einer Ausbildung vor 30 Jahren ein: Da habe der Tag eines Lehrlings damit angefangen, dass er die Essenbestellungen der Kollegen aufnahm und zum Metzger ging.

Mindestens einmal im Quartal wurde der "Stift" auf die Schippe genommen und losgeschickt, um "Siemens-Lufthaken" zu holen - die es in Wirklichkeit gar nicht gab. Stattdessen gab es im Lager einen Sack mit schwerem Eisenschrott, den der junge Auszubildende schleppen durfte.

Bis heute habe sich auf dem Ausbildungsmarkt einiges geändert: Früher gab es Lehrstellenmangel, heute ist es der Lehrlingsmangel - das verändere auch die Anforderungen an die "Ausbildungsreife" der Jugendlichen und an die Ausbildung in den Betrieben.

Die Ausbildungsreife sei grundlegend für die berufliche Zukunft eines jungen Menschen, wie Kersten deutlich machte. Unter dem Begriff verstehe man die schulische Basis und die Belastbarkeit. Darauf baue dann die Berufseignung auf: Wie zufrieden ist ein Auszubildender in seinem Beruf und entspricht er dessen Fähigkeiten?

Auch sei die Vermittelbarkeit wichtig: Der Bedarf in einer Region, das Alter und das Geschlecht des Arbeitssuchenden, ebenso dessen Verhalten und Erscheinungsbild.

Bei 360 anerkannten dualen Ausbildungberufen sei laut Kersten die Berufseignung ein wichtiger Faktor: "Wer eine Mehlstauballergie hat, der sollte nicht ins Bäckerhandwerk gehen." Und wer an Autos schrauben will, der kann kein Kfz-Mechaniker mehr werden - wegen der modernen Elektronik muss er Mechatroniker werden.

Die Möglichkeit, wirklich einen Beruf auszuwählen, gebe es für Jugendliche erst, wenn mehr Ausbildungsplätze als Suchende da sind. Im Landkreis war dies im vergangenen Jahr der Fall: Auf einen Bewerber kamen etwa 1,4 Ausbildungsstellen. Zum Vergleich: In Offenbach kamen auf eine Ausbildungsstelle zwei Bewerber.

"Man kann aber nicht sagen, dass tausend Lehrstellen unbesetzt sind - also genug da sind", gab der Referent zu bedenken. Man müsse betrachten, in welchen Bereichen Stellen unbesetzt bleiben. Das seien etwa die Gastronomie und das Hotelgewerbe. Die Arbeitszeiten, die Bezahlung und die oftmals geringen Entfaltungsmöglichkeiten seien für viele unattraktiv.

Aufgetrennt nach Geschlechtern habe sich in den vergangenen 20 Jahren wenig geändert: Es gebe nach wie vor Berufe, die Frauen eher ergreifen, ebenso klassische Männerberufe. "Da wurden Millionen investiert für Werbekampagnen, damit Frauen in Männerberufe gehen und trotzdem hat das Berufswahlverhalten sich kaum geändert", zeigte Kersten anhand von Statistiken.

Der Referent gab auch Anregungen für eine Verbesserung der Ausbildungslage mit auf den Weg: Schulen sollten selbstständiger arbeiten dürfen, um sich den regionalen Gegebenheiten anzupassen. Wichtig sei eine Kooperation zwischen Wirtschaft und Schule. Und: Nicht jeder Betrieb biete eine gute Ausbildung, viele Arbeitgeber hätten überzogene Ansprüche an den künftigen Lehrling.

In der anschließenden Podiumsdiskussion sagte Ulrich Mütze vom Frankenberger Bauunternehmen Mütze, dass er seine Auszubildenden weniger über die Schulnoten aussuche. "In der Regel finde ich meine Auszubildenden über Schulpraktika", berichtete er. So lerne er die jungen Menschen kennen und könne entscheiden, ob sie zum Unternehmen und in den Beruf passen - umgekehrt können die Jugendlichen bereits vor einer Ausbildung in verschiedene Berufe reinschnuppern und dann bewusst entscheiden, welchen sie ergreifen wollen.

Das Essen-holen für Kollegen gehöre aber auch noch dazu: "Da lernt man Kopfrechnen, Kommunikation und Zusammenarbeit mit den Kollegen."

Ausbildungsplätze frei sind bei "Freund Hotel und Spa-Resort" in Oberorke. "Wir lassen die Auszubildenden nie alleine", sagte Sarah Opitz. Immer sei ein Ansprechpartner in der Nähe, falls der Lehrling in einer Situation nicht klar komme.

"Wir vergeben Paten und reden viel mit den Azubis über Ängste und Probleme - und die muss man ernst nehmen." Schlimm sei es, wenn die Ängste zu groß werden: "Dann nimmt der Mensch sich zurück, wird demotiviert und bekommt noch mehr Ängste vor ähnlichen Situationen."

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