Frankenberger Immobilienmakler äußert sich zur Diskussion über Siedlungsflächen

Jung: „Brauchen keine Baugebiete mehr“

+

Frankenberg - Während sich die Kommunalpolitiker darüber streiten, ob sie sich mit ihren Beschlüssen zur Bauleitplanung „Auf der Schnöde“ von potenziellen Siedlungsflächen verabschiedet haben oder nicht, nimmt der Frankenberger Immobilienexperte Rudolf Jung den Befürwortern weiterer Baugebiete den Wind aus den Segeln: „Dafür gibt es gar keinen Bedarf.“

Wenn es in dieser Stadt Experten gibt, die die Marktlage im Immobiliengeschäft im Blick haben, dann dürften das wohl diejenigen sein, die damit ihr Geld verdienen. Rudolf Jung ist seit 1975 in Frankenberg als Immobilienmakler tätig. Er ist überzeugt davon, dass es schon jetzt mehr als genug Flächen für Wohnbebauung gibt. „Wir brauchen keine weitere Zersiedelung“, warnt der Experte. Stattdessen werde die Sanierung bestehender Gebäude in Zukunft oberste Priorität haben. „Wenn wir weniger Bevölkerung haben, dann brauchen wir auch weniger Siedlungsgebiete“, betont Jung.

Schon die Erschließung des Baugebiets Bockental ist aus Sicht von Jung ein „großer Fehler“ gewesen. „Frankenberg hat sich in die falsche Richtung entwickelt“, meint der Immobilienexperte. Anstelle des Bockentals hätte seiner Meinung nach das Wohngebiet Ortsgrund weiterentwickelt werden sollen in Richtung Bottendorf.

Grundsätzlich ist Jung der festen Überzeugung, dass schon heute genug Wohnraum vorhanden ist. „Auf dem Wohnungsmarkt in Frankenberg halten sich Angebot und Nachfrage die Waage“, erläutert der Makler und ergänzt: „Wenn Sie eine Wohnung suchen, kann ich Ihnen sofort eine besorgen.“

Ist die aktuelle Debatte also nur eine Schein-Diskussion? Wer den Argumenten von Rudolf Jung folgt, wird diese Frage eindeutig mit „Ja“ beantworten. Und im Grunde sind sich ja auch die Stadtverordneten einig darüber, dass sie keine weiteren Neubaugebiete mehr schaffen wollen. Stattdessen herrscht im Parlament breiter Konsens darüber, dass die Stadt Konzepte entwickeln sollte, wie man die Ortskerne erhalten kann. Außerdem gibt es nach wie vor Baulücken, sowohl in der Kernstadt als auch in einigen Stadtteilen.

Wie durch Abriss von nicht mehr genutzten Gebäuden neue Bauplätze entstehen können, hat jüngst der Fertighaushersteller FingerHaus gezeigt: An der Geismarer Straße hat das Unternehmen eine alte Scheune abgerissen und dort Platz für sechs neue Einfamilienhäuser geschaffen. Ähnliche Planungen gibt es auch für ein weiträumiges Grundstück im Ederdorf, auf dem FingerHaus eine alte Bauhaus-Villa abgerissen hat. Dort sollen ebenfalls mehrere Einfamilienhäuser entstehen.

Ein weiteres privates Vorhaben zur Baulanderschließung ist in der Nähe des Bahnhofs in Planung: Die Firma Thonet hat angekündigt, einen Projektentwickler damit zu beauftragen, nicht mehr benötigtes Firmengelände als Bauland zu vermarkten. Auch aus Sicht von Rudolf Jung ist das der richtige Weg. „Wenn schon Baugebiete erschlossen werden, dann sollten das private Investoren tun“, meint der Makler. Denn die Stadt finanziere die Flächenbevorratung ja nur „auf Pump“. Und außerdem sei bei der Vermarktung der Flächen durch Privatunternehmen „ein anderer Zug dahinter“, als wenn die Stadt Bauplätze verkauft.

Wie zäh sich die Vermarktung der Bauplätze im Bockental gestaltet, zeigt sich anhand der Zahlen der Stadt: Im gesamten Jahr 2011 sind sieben Plätze verkauft wurden, ein weiterer Verkauf folgte im Februar. Derzeit stehen im zweiten Abschnitt noch 17 Bauplätze zur Verfügung. Für die Erschließung des dritten Abschnittes ist bereits Geld im Etat der Stadt für 2012 eingestellt. Dafür gab es bei der Haushaltsdebatte im Dezember Kritik von Henning Scheele. Der Fraktionschef der Bürgerliste hatte die Erweiterung um zusätzliche sechs bis sieben Bauplätze abgelehnt – auch im Hinblick auf die Bevölkerungsentwicklung. Laut Prognosen der Bertelsmann-Stiftung wird die Einwohnerzahl weiter zurückgehen. Zwar ist Frankenberg nicht so stark betroffen wie umliegende Gemeinden. Trotzdem verliert die Ederstadt nach Schätzungen der Bertelsmann-Stiftung bis zum Jahr 2030 fast 10 Prozent seiner bis 2009 noch knapp 19 000 Einwohner. Das entspricht in etwa der Größe des einwohnerstärksten Frankenberg Stadtteils Röddenau.

Von Johannes Fuhr

Kommentare