Frankenberg

Für Kästner ein gefundenes Fressen

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- Frankenberg (ahi). Sein doppeltes Lottchen ist vielen ein Begriff, für die aktuelle Spielzeit hat der Kulturring auch den doppelten Erich auf’s Programm gesetzt.

Über die Bühne der Ederberglandhalle ging am Donnerstagabend erst einmal Kästner für Erwachsene: Ein anspruchsvolles Programm und zugleich eine dankbare Aufgabe, denn Kästners Wortwitz und seine rhythmische Sprache zünden immer noch, auch wenn sich die Welt seitdem mehr als einmal gedreht hat.

„Die Welt ist rund“, lautet der Titel des Kästner-Programms, mit dem der Aachener Kabarettist Hans Georgi seit nunmehr zwölf Jahren unterwegs ist. In all den Jahren ist er bei seinem Autor längst beim Du angekommen. Und so stellte er seinen sprichwörtlich guten Draht zu Erich Kästner bei erster Gelegenheit unter Beweis. Denn zu Beginn der Vorstellung schaltete sich der Großmeister der Satire mittels eines Anrufs von oben ins Programm ein und gab dabei Auskunft über seine himmlischen Lebensverhältnisse und seine lebenden Lieblingskabarettisten.

Eine Liste, die mit Dieter Hildebrand beginnt und überraschenderweise mit Helmut Kohl und Norbert Blüm endet, deren schier endlose Amtszeit bekanntlich mit dem Beginn des Kästnerjubiläumsjahrs Geschichte wurde. Aus himmlischer Perspektive geht dem aktuell agierenden politischen Personal anscheinend etwas ab, nicht weiter tragisch, denn schließlich sollte es ja um Erich Kästner gehen, der ja ruhig weiterhin mit Herbert Wehner und Franz-Josef Strauss seinen himmlischen Skat dreschen kann.

Aber sobald Georgi vor „Hunger ist heilbar“ die Seehoferschen Reformen immer noch als das Ende der Grausamkeiten darstellt, wird deutlich, dass bei den Gegenwartsbezügen schon länger nicht mehr entrümpelt wurde. Zumal mit Philipp Rösler und Daniel Bahr als letzten Amtsinhabern viel dankbarere Kandidaten zum Thema betriebsblindes Kurieren an Symptomen bis zum bitteren Ende bereitstünden. Denn Kästners zu Tode therapierter Patient ist nur vor Hunger ganz schlecht und Chefarztbehandlung ist bei Fällen mit derartigem sozialen Hintergrund längst Utopie.

Am hoffnungslos überholten Zustand dieses Programms konnte auch der „Angie-Rettungsschirm“ nichts ändern. Zwischen Kästners seinerzeit zutreffender Zeitkritik und unserer Gegenwart liegen rund 80 Jahre, da kann nicht mehr jede Pointe sitzen. Zum Glück geht es nächste Woche schon weiter mit einem aktuellen Programm: Am 6. Oktober begibt sich Comedian Stephan Bauer auf die „Suche nach dem verlorenen Mann“.

Mehr lesen Sie in der FZ vom Samstag, 01. Oktober.

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