"Kalle Blomquist"

Kalle macht, was die Polizei verpasst

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Auch wenn Eva-Lotte und Anders die Vorliebe ihres Freundes Kalle für Schnüffelei erst einmal etwas seltsam finden, werden sie rasch zu einem eingespielten Trio. Gemeinsam klären sie einen Juwelenraub auf.

Frankenberg - Blut und Juwelen, Pistolen und Ganoven: Harter Stoff für Kinder, wären da nicht Astrid Lindgrens Erzählkunst und das Können von acht heimischen Schauspielern.

Wer es schafft, dass Dutzende Kinder wie auf Kommando zwei Stunden schweigen und die Füße still halten, wer es schafft, dass sogar sonst so sehr um Gelassenheit und Contenance bemühte 13- und 15-Jährige gebannt zur Bühne blicken, mitfiebern, lachen, der macht definitiv etwas richtig. In diesem Sinne hat die Komödie Frankenberg mit ihrem Kinderstück „Kalle Blomquist“ am Samstag und Sonntag wohl ihr Meisterstück abgeliefert: Auch wenn es in den kurzen Umbaupausen bei geschlossenem Vorhang im Zuschauerraum erwartungsgemäß laut und wuselig zuging, kam die Aula der Ortenbergschule umgehend zur Ruhe, sobald der Stoff auch nur wenige Zentimeter auseinanderglitt.

Dann nämlich entfaltete die einfallsreiche Geschichte rund um den jungen „Meisterdetektiv“ Blomquist (Karl-Willi Hirth) und seine beiden Freunde Eva-Lotte Lisander (Julia Balz) und Anders Bengtson (Karlheinz Balz) ihre volle Wirkung - viel besser als Kino, viel besser als Fernsehen oder ein Computerspiel. Das Achter-Ensemble erweckte die Figuren von Astrid Lindgren vom ersten gesprochenen Wort an zum Leben. Zu verdanken war das wohl auch der überzeugenden Maske: schließlich spielten dort erwachsene Menschen ein jugendliches Detektiv-Trio.

Der mysteriöse Einar

Das bekommt es im beschaulichen Kleinköping, in dem sonst wenig passiert, mit einem kniffeligen Fall zu tun - und ganz ungefährlich ist der auch nicht. In den Sommerferien taucht plötzlich Eva-Lottes Onkel Einar (Dirk Schäfer) auf, das „dicke, runde Stück Unglück“, wie Kalle schon nach dem ersten Auftreten des nervösen, gehetzten Mannes bemerkt. Denn Einar umgibt der Hauch des Mysteriums: Nachts schleicht er ums Haus, er zeigt sich sehr an der alten, verfallenen Schlossruine des kleinen Städtchens interessiert, besonders am Keller. Und er kann Schlösser knacken, „weil ich verschlossene Türen nicht mag“, wie er unumwunden zugibt.

Eifrig notiert Kalle alles, was in dem Städtchen passiert, und wird dafür anfangs noch von seinen Gefährten belächelt. Doch spätestens, als er bei einer kurzen Stippvisite im Schlosskeller eine Perle findet und in der Zeitung von einem schweren Juwelenraub in Stockholm liest, fügen sich seine Notizen zu einem Bild. Ihm beginnt es zu dämmern.

Und dann tauchen in Kleinköping auch noch die beiden Großstädter Ivar Redig (Siegfried Nakowsky) und Tore Krok (Thomas Rampe) auf - Ermittlungsbeamte oder doch nur zwei weitere, zwielichtige Gestalten? Die Jung-Detektive müssen es selbst herausfinden, denn die Polizei - in diesem Fall: Harald Rudolph als Schutzmann Björk - tut „wie immer“ nichts und Onkel Einar verkriecht sich inzwischen verängstigt im Haus seiner Cousine, Eva-Lottes Mutter Mia Lisander (Nadine Oberender).

Detaillierte Charaktere

Das Stück hielt sich nah an die Vorlage der großen schwedischen Kinderbuch-Autorin, klammerte aber geschickt aus, was nicht in die ohnehin schon gut gefüllten zwei Stunden gepasst hätte. Der „Krieg der Rosen“ und mit ihr die konkurrierende Jugendbande um Sixtus, Benka und Jonte, blendete die Bühnenfassung unter der Regie von Peter Höhl ebenso aus wie die Räubersprache, in der das Trio im Buch zuweilen miteinander kommuniziert. So blieb genug Raum, die Charaktere mit ihren Eigenheiten deutlich zu zeichnen, bisweilen sogar kindgerecht zu überzeichnen: Kalle als leicht verschrobener, aber sehr liebenswürdiger Rätselknacker, Einar als eigentlich sehr ängstlicher Schwerverbrecher, Björk als etwas einfältiger Polizist, dem seine Stelle im ruhigen Kleinköping sehr zupass kommt.

Ebenso detailliert: das liebenswerte Bühnenbild und die bonbonbunten Kostüme der Schauspieler. Bisweilen glich das Geschehen auf der Bühne einem Zirkus. So einen veranstalteten auch Eva-Lotte, Kalle und Anders. Eigentlich wollten sie so nur die Langeweile der Sommerferien vertreiben, dann aber kam dem Spektakel eine entscheidende Rolle bei der Aufklärung ihres Falles zu. Unterstützung erhielten sie dabei von Kindern der Ortenbergschule: Artistisch stellten diese unter der Leitung von Juliane Debus Szenen aus dem Zirkusprojekt vor - mit Leitern, Bällen, Stelzen und mehr. Junge Musiker unter Lehrerin Miriam Meyer untermalten die Aufführung.

Der Applaus - am Ende, zwischen den Bildern, während der Szenen - war verdient. Das wahre Lob aber war wohl die Ruhe, diese schweigende Begeisterung der härtesten Kritiker: Kinder.

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