Hatzfeld

Kein gutes Jahr für die Vogelwelt

- Hatzfeld-Lindenhof (mba). Vogelschützer Ernst Peter Rade zieht Bilanz für 2010. Stacheldraht fordert viele Opfer unter Greifvögeln

Der zierliche Falke schreit aus voller Kehle – schrille, aufgebrachte Rufe. Wütend schnappt er mit seinem scharfen, gebogenen Schnabel nach den Fingern, die seine Fänge umfassen und ihn festhalten. Zwar empfiehlt die Redensart, nicht in die Hand zu beißen, die einen füttert, doch Falkner Ernst Peter Rade nimmt es dem kleinen Greifvogel nicht übel. Er versteht dessen Zorn: Statt sich aus luftiger Höhe auf seine Beute zu stürzen, ist er derzeit gezwungen, Rades Almosen anzunehmen: tote Küken und Mäuse.

Der junge Turmfalke ist Patient in Rades Krankenstation. Er hatte sich den Flügel gebrochen, vermutlich beim Zusammenstoß mit einem Weidezaun, und hätte in freier Wildbahn nicht überlebt. Doch der Falkner, der sich zusammen mit seiner Frau, der Tierärztin Hella Rade, der Pflege verletzter oder in Not geratener Vögel verschrieben hat, ist zuversichtlich, dass der Falke im nächsten Frühjahr wieder selbst für seinen Lebensunterhalt wird sorgen können. „Etwa 60 Prozent der Vögel können wieder ausgewildert werden“, nennt Rade ihre Erfolgsquote.

Greifvögel machen einen Schwerpunkt der Arbeit in der Wildvogelstation aus: In diesem Jahr kümmerten sich Rade und seine Frau um 15 Bussarde, neun Turmfalken, sieben Schleiereulen, drei Uhus, zwei Waldohreulen, zwei Waldkäuze, einen Baumfalken, einen Wanderfalken und einen Fischadler. Auch Mauersegler, Mehlschwalben, Blaumeisen, Rotschwänzchen, ein Eichelhäher, eine Ralle und zwei Graureiher kamen zur Pflege nach Lindenhof.

Ein junger Uhu, der sich in einem Stacheldraht verfangen hatte (FZ berichtete), war dagegen nicht zu retten: Der Nachtgreif hatte sich so schwer an der Schwinge verletzt, dass die Wunde auch in der Vogelklinik der Universität Gießen nicht geschlossen werden konnte. Der Uhu wurde eingeschläfert.

Tödlich endete auch das Unglück eines Fischadlers, der ebenfalls in einem Weidezaun hängen geblieben war und der dazu noch besonders großes Leid erdulden musste: Als er zu Rade kam, hatte er eine Angelschnur samt Hechtblinker im Kropf. Das gleiche Schicksal – Tod durch Stacheldraht – ereilte auch zwei Bussarde, eine Waldohreule, den Baumfalken und den Wanderfalken.

Die Pflege der Vögel ist sehr kostenintensiv, und die Rades finanzieren das Vogel-Lazarett allein. Allein die Wegstrecken, die Rade für die Vögel zurücklegt, summieren sich auf Hunderte Kilometer. Hinzu kommen die Kosten für Futter, Volierenhaltung und Medikamente. Besonders wenn ein Vogel für längere Zeit in Pflege ist, wie der junge Falke, geht das ins Geld: „Über einige Wochen kommen da schnell 300 bis 400 Euro für einen Vogel zusammen“, sagt Rade. Ein Falke bekommt dreimal am Tag Futter. Ein Küken oder eine Maus kosten rund 50 Cent, macht 1,50 Euro Futterkosten pro Tag pro Vogel.

Mehr lesen Sie in der FZ vom Donnerstag, 30. Dezember.

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