Totensonntag und Volkstrauertag verbinden die Völker im Gedenken

Kein Unterschied in Trauer um die Toten

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Ein alter deutscher Friedhof in Milkendorf in Tschechien wurde durch Privatinitiative zur Gedenkstätte. Aus der Nähe stammen viele Frankenberger, die einst vertrieben wurden.Foto: Werner Ebert

Frankenberg - An diesem Wochenende gehen viele Menschen auf den Friedhof und gedenken ihrer verstorbenen Verwandten und Freunde. In der einstigen Heimat vieler Frankenberger wurde ein alter deutscher Friedhof zu einer Gedenkstätte.

„Versöhnung über den Gräbern“ heißt das Motto des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Diese Versöhnung ist in Europa weitgehend realisiert: Die Soldatengräber werden in den meisten Ländern gepflegt und den Soldaten eine dauerhafte Ruhe gewährt. Am Volkstrauertag in der vergangenen Woche wurde die Aufmerksamkeit der Bevölkerung ganz besonders darauf gelenkt.

Aber wie sieht es mit den zivilen Gräbern aus? Zwei Begegnungen im Sudetenland - im heutigen Tschechien - geben Werner Ebert aus Frankenberg Anlass zu vorsichtigem Optimismus, dass auch dort Versöhnung nach Flucht und Vertreibung gelingen kann.

Viele Reisende, die Jahre oder Jahrzehnte danach nach Osten reisten, um ihre Elternhäuser und Familiengräber zu besuchen, fanden diese nicht mehr oder in verwahrlostem Zustand. Familie Ebert konnte diese Situation nachempfinden, als sie in den sechziger Jahren erstmals in die alte Heimat nach Jägerndorf, dem heutigen Krnov, reisten. In den folgenden Jahren beobachtete die Familie Ebert immer wieder Veränderungen.

Zahlreiche Menschen aus dem Altkreis Frankenberg stammen aus der Gegend um Jägerndorf und Troppau. Jägerndorf war bis zum Krieg eine prosperierende Stadt mit einer bekannten Textilindustrie. Auf dem dortigen Friedhof hatten die reichen deutschen, aber auch jüdischen Fabrikanten und Händler entlang der Mauer üppige Familiengruften wie kleine Mausoleen errichten lassen. Diese standen zum Teil zwanzig Jahre nach dem Krieg noch dort, wenn auch verwahrlost. „Man hätte ja auch annehmen können, dass die Vertreter des sozialistischen Regimes zuerst die Spuren der verhassten Kapitalisten hätten beseitigen lassen“, sagt Werner Ebert. Heute allerdings seien die meisten dieser Gräber aufgelassen.

Beim Friedhofsbesuch in diesem Jahr fiel ihm ein Ensemble auf: die Skulptur einer Trauernden an eine Mauer gelehnt, daneben der mächtige Stamm einer Blutbuche. „Offensichtlich eine alte Grabstelle, die wahrscheinlich auch einer deutschen Familie gehörte“, mutmaßt Ebert. Denn in der Nachbarschaft ist das Grab des größten deutschen Fabrikanten ebenfalls erhalten. Auch die Fabrik gibt es noch immer - als riesige Industrieruine mitten in der Stadt.

Beim Grab mit der Skulptur gibt es keine Namenstafel mehr, nur einige Bruchstücke aus Sandstein lassen noch die Grabeinfassung erahnen. „Es muss sehr alt sein“, sagt Ebert, „die riesige Buche, die darauf wächst, kann ohne weiteres hundert Jahre haben und sie wird schon vor dem Krieg ein stattlicher Baum gewesen sein.“

Am Sockel der Figur haben Menschen Grablichte angezündet. Ebert fragt sich: Hat ihnen die Schönheit des Ensembles gefallen? Haben sie verstanden, dass die Menschen aller Völker sterblich sind und dass auch die Trauer um die Toten sich nicht unterscheidet? (ww)

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