Frankenberg/Marburg

Kindesmissbrauch: Sexualstraftäter aus Frankenberger Land zu Sicherungsverwahrung verurteilt

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- Marburg (jos). Im Missbrauchs-Prozess vor dem Marburger Landgericht haben die Richter für den 31-jährigen Angeklagten aus dem Frankenberger Land die Sicherungsverwahrung veranlasst. Sie sei die einzige Möglichkeit, die Allgemeinheit vor dem gefährlichen Sexualstraftäter zu schützen.

Das Gericht sah es als erwiesen an, dass sich der Mann aus dem Frankenberger Land in insgesamt sieben Fällen des schweren sexuellen Missbrauchs an Kindern schuldig gemacht hat. Er hat demnach einen dreijährigen Jungen und dessen einjährige Schwester zu sexuellen Handlungen aufgefordert und diese gefilmt. Außerdem hat er selbst sexuelle Handlungen an den Kindern vorgenommen. Die Geschwister waren wie auch die weiteren Opfer Kinder von befreundeten Paaren des Mannes.

An vier weiteren Jungen und Mädchen im Alter zwischen sieben und neun Jahren hat sich der 31-Jährige in unterschiedlicher Weise vergangen. Außerdem hat der Angeklagte Kinderpornos besessen und gegen Auflagen verstoßen, nach denen er sich aufgrund einschlägiger Vorverurteilungen nicht mit Kindern alleine in einem Raum hätte aufhalten dürfen. Die Liste der Vorstrafen des Mannes ist lang: Bereits mit 16 Jahren soll er Intimkontakt zu einem zehnjährigen Mädchen gehabt haben. Mit 17 hatte er mehrfach Geschlechtsverkehr mit einem zehnjährigen Jungen. Nach Verbüßung einer Jugendstrafe hatte der gebürtige Biedenkopfer sich dann im Jahr 2001 erneut an einem kleinen Mädchen vergangen.

„Zurückhaltendes Strafmaß“

Die nun vor dem Marburger Landgericht verhandelten Taten hatten sich zwischen 2007 und 2009 abgespielt. Der Vorsitzende Richter Dr. Carsten Paul entschied mit zwei weiteren Richtern und zwei Schöffen, dass die Freiheitsstrafe für alle Straftaten zusammen fünf Jahre und acht Monate betragen soll. Damit blieb das Gericht unter den Forderungen von Staatsanwaltschaft und Nebenklage zurück. Selbst das aus Sicht des Verteidigers höchst denkbare Strafmaß von sechs Jahren und sechs Monaten unterschritt das Gericht. Richter Paul begründete das „zurückhaltende Strafmaß“ mit der Tatsache, dass das Gericht die Sicherungsverwahrung veranlasst.

Im Gegensatz zu der normalen Strafhaft knüpft die Sicherungsverwahrung einzig an die Gefährlichkeit des Straftäters für die Allgemeinheit an. Richter Paul betonte, dass die Sicherungsverwahrung die einzige Möglichkeit sei, die Allgemeinheit vor dem Sexualstraftäter zu schützen. Denn von dem 31-jährigen Mann seien gleichartige Taten zu erwarten. Und den Mann nach Verbüßung der Haftstrafe rund um die Uhr zu bewachen sei nun mal nicht möglich.

Nicht in Psychiatrie

Seine Haft wird der Sexualstraftäter zumindest vorerst in einer gewöhnlichen Justizvollzugsanstalt absitzen müssen, die Unterbringung in einer Psychiatrie wurde nicht veranlasst. Zum einen hatte sich der Mann bislang Therapien verweigert, zum anderen erklärte Richter Paul in seinem Urteil, dass die Pädophilie des Angeklagten kein „krankheitsgleiches Ausmaß“ habe. Dabei berief sich Paul auch auf das Urteil der psychiatrischen Gutachterin, die die Schwere der pädophilen Störung des Angeklagten untersucht hatte. Auch bei der Bewertung des hohen Risikos, das von dem Täter ausgehe, waren sich Gutachterin und Gericht einig. Für eine Erfolg versprechende Therapie sei die Einsicht von Schuld eine wichtige Bedingung, erklärte die Gutachterin. Doch Einsicht sei bei dem Angeklagten nicht zu erkennen.

Wiederholungstäter

Wie stark der Hang des Angeklagten zu Straftaten sei, machte Staatsanwalt Christian Laubach an einem Beispiel fest: Bei einer Wohnungsdurchsuchung im Haus des Angeklagten hatten Polizisten einen Computer sichergestellt, auf dessen Festplatte sich Kinderpornos befanden. Als die Beamten einige Monate später erneut die Wohnung des Angeklagten durchsuchten, hatte sich der Mann einen neuen Computer beschafft – und hatte sich wiederum auf einschlägige Seiten mit kinderpornografischen Inhalten im Internet eingeklickt.

Der Verteidiger ermahnte in seinem Plädoyer das Gericht, nicht Emotionen, sondern die Vernunft walten zu lassen. Das Schweigen des Angeklagten dürfe nicht zu dessen Nachteil gewertet werden. In Teilen hatte der 31-Jährige ein Geständnis abgelegt. Die Taten, die er einräumte, hatte er allerdings auch auf Video gefilmt. Weil der Angeklagte zu den weiteren sexuellen Übergriffen auf mehrere Jungen und Mädchen im Alter zwischen sieben und neun Jahren allerdings keine Angaben gemacht hatten, blieb den Kindern eine Aussage vor Gericht nicht erspart. In einem der vorgeworfenen Missbrauchs-Fälle hatte sich aus Sicht des Verteidigers ein rechtliches Problem ergeben: Denn das betroffene Mädchen habe die Handlungen des Angeklagten gar nicht als Missbrauch wahrgenommen. Erst die polizeilichen Ermittlungen hätten dazu geführt, dass sich das Mädchen überlegt habe, was überhaupt genau passiert war, erklärte der Anwalt des Angeklagten.

Diese Äußerungen des Verteidigers sorgten bei den Eltern auf der Bank der Nebenkläger und bei den Angehörigen im Zuschauerraum ebenso für Entsetzen wie die Tatsache, dass der Anwalt sagte, es könne nicht ausgeschlossen werden, dass eines der Mädchen bei seiner Zeugenaussage „das ein oder andere dazu gedichtet oder weggelassen hat“.

Gericht: Kinder glaubwürdig

Auf diese Bemerkungen reagierte Richter Paul in seiner Urteilsbegründung mit der wiederholten Feststellung, dass die Angaben der Kinder absolut glaubwürdig seien und es keinen Ansatz gebe, warum die Jungen und Mädchen die Unwahrheit hätten sagen sollen. Die Anwältin der Nebenkläger, Regina Ingenbleek, ging in ihrem Plädoyer auf die „besondere Skrupellosigkeit“ des Angeklagten ein und unterstrich, dass der Mann das Vertrauen seiner Freunde ausgenutzt habe, um sich an deren Kindern zu vergehen. Im Hinblick auf die Vorstrafen des 31-Jährigen betonte Ingenbleek: „Er kann das Risiko, das er für sich und andere darstellt, offenbar nicht erkennen. Er hat nichts unternommen, um irgend etwas zu ändern“. Nur durch die Anordnung der Sicherungsverwahrung könnten Kinder künftig vor dem Mann geschützt werden.

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