Frankenberg

Klasse statt Masse bei Nahrungsmitteln

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- Frankenberg (apa). Das Publikum war bunt gemischt: Gegner der geplanten Biogasanlage und des Schweinemastbetriebes, Landwirte und Naturschützer hatten sich ebenso eingefunden wie der Geschäftsführer des Kreisbauernverbandes.

Der Kreisverband des Bundes für Umwelt- und Naturschutz (BUND) hatte zu dem Vortrag mit dem Titel „Agrarfabrik oder Bauernhof – welche Form der Landwirtschaft wollen wir?“ eingeladen. Anlass waren unter anderem die anhaltenden Diskussionen über die geplante Ansiedlung eines Schweinemastbetriebes zwischen Frankenberg und Rodenbach, aber auch die geplante Biogasanlage am Frankenberger Stadtrand. Armin Bürgel vom Vorstand des BUND-Kreisverbandes begrüßte dazu rund 50 Interessierte in der Ederberglandhalle. Auch der Geschäftsführer des Frankenberger Kreisbauernverbandes, Matthias Eckel, saß im Publikum.

Eckehard Niemann ist Sprecher der „Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft“ – ein Verband von Landwirten, die sich vom Bauernverband gelöst haben, und der vor allem gegen sogenannte „Agrarfabriken“ und riesige Mastbetriebe kämpft. Niemann sprach sich zunächst für die bäuerliche Landwirtschaft aus, mit mittelständischen, gut strukturierten, unabhängigen Betrieben, die sich durch die Tätigkeit als Bauern definieren – und nicht als Kapitalunternehmen.

Niemann blickte zunächst auf globale Zusammenhänge in der Lebensmittelproduktion und sprach über Exporte, Gentechnik, Patente und Großkonzerne sowie über das sogenannte „Landgrabbing“; dabei kaufen Länder große Flächen in anderen Regionen der Erde, um sie landwirtschaftlich zu nutzen. Auch in der Tierzucht hätten wenige Unternehmen die Vorherrschaft: So gebe es weltweit nur zwei Anbieter für Legehennen. Nach einem Exkurs zur teilweise erschreckenden Situation in der Hühnerzucht und -haltung kam er auf die Schweinezucht zu sprechen, die sich in Deutschland noch größtenteils in bäuerlicher Hand befinde. Derzeit würden in Deutschland zehn Prozent mehr Schweinefleisch produziert als benötigt. Abnehmer sei aber neben der EU nur Russland. „Und Russland will in fünf Jahren selbst produzieren“, sagte Niemann. Somit sei der Bedarf an Schweinefleisch im Export in den nächsten 20 Jahren rückläufig, prognostizierte der Referent.

Zudem erhofft sich Niemann langfristig eine Rückkehr zur Schweinehaltung mit Stroh statt der heute üblichen Spaltenböden und bezeichnete dies als Segen für die Landwirte. „Nur wir Bauern können die Haltung mit Stroh praktizieren“, begründete er. Dies sei zwar zeitintensiv, aber durch neue Techniken problemlos umsetzbar. Weil die Haltung mit Stroh für Großbetriebe mit 3000 bis 10 000 Tieren nicht möglich sei, würde dann auch weniger Schweinefleisch produziert. „So werden wir die großen Konkurrenten los“, sagte der Referent. Außerdem beschrieb der Niedersachse die Folgen der Haltung auf Spaltenböden und verwies auf Verhaltensauffälligkeiten wie das gegenseitige Abbeißen der Ringelschwänze der Schweine. Bisher wird dies durch Kupieren der Schwänze vermieden. Doch das ist nach EU-Recht seit 2006 verboten. Sukzessive werden die europäischen Richtlinien auch auf nationaler Ebene umgesetzt, sodass dieses Verbot auch in Deutschland ein Thema wird. Niemann sprach das Privileg von Landwirten an, im Außenbereich bauen zu dürfen. Industriebetriebe, die das Futter für ihre Tiere nicht selbst produzierten, hätten dieses Privileg nicht verdient und gehörten demnach ins Gewerbegebiet. Industrie ab 1500 TierenUm einen industriellen Betrieb handele es sich laut Gesetz ab einer Größenordnung von 1500 Schweinen – der Landwirt, der bei Rodenbach bauen will, ist unterhalb dieser Grenze angesiedelt.

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