Lindenhof: Kapelle wurde vor 20 Jahren eingeweiht

Kleine Kirche ist der große Stolz

+
Der frühere Dekan Edgar Weigel hat sich zusammen mit Bezirkskonservator Michael Neumann (†) und Kirchenvorsteher Kurt Weber (†) für den Bau einer Kirche im Weiler Lindenhof eingesetzt.Fotos: Mark Adel

Lindenhof - „Ich habe nicht ernsthaft dran geglaubt, dass Lindenhof eine Kirche bekommt.“ Wenn Edgar Weigel an die Zeiten Ende der 80er Jahre denkt und auf das kleine Gotteshaus schaut, dann leuchten die Augen des früheren Dekans. Denn Lindenhof bekam ein Kirchlein, auf die die Bewohner des kleinen Weilers sehr stolz sind.

Seit 20 Jahren steht die Kirche im kleinen Ort an der Landesgrenze. Das Gotteshaus ist mit seinen 46 Sitzplätzen die kleinste Fachwerkkirche Hessens. Wer durch das idyllisch gelegene Dörfchen am Fuße der Sackpfeife fährt, kann die Kirche nicht übersehen.

Spätestens seit dem vergangenen Jahr ist die Kapelle mit dem besonderen Charme noch mehr in den Blickpunkt gerückt: das hr-Fernsehen hatte Hessens schönste Kirchen gesucht, und das Häuschen in Lindenhof belegte den zweiten Platz hinter dem Dom zu Limburg. Kaum eine Woche vergeht, in der keine Autos oder gar Busse in dem Örtchen halten. „Am morgen war schon eine Gruppe da, und heute Nachmittag kommen die nächsten – ich habe die Kirche gleich offen gelassen“, sagt Küsterin Hildegard Irle. Auch Radfahrer und Wanderer finden oft den Weg zum Kirchlein. Hildegard Irle wohnt nur wenige Meter weiter: „Wenn jemand davor steht und ich sehe das, komme ich rüber und schließe auf“, sagt sie.

Gottesdienste werden am ersten Sonntag im Monat um 9.25 Uhr gefeiert. Das Kirchlein mit seinen 25 Qudaratmetern Innenfläche wird aber gerne für Hochzeiten und Taufen genutzt – die Stadt Hatzfeld bietet darin auch standesamtliche Trauungen an.

So schmuck der einstige Getreidespeicher von außen ist, so schön ist er auch von innen. Eine Besonderheit ist die Altarbibel, die 1992 vom damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker gestiftet worden war. Er hat auch eine Widmung hinterlassen. Edgar Weigel war damals Dekan und betreute als Gemeindepfarrer zugleich das Kirchspiel Hatzfeld mit dem Weiler Lindenhof, in dem heute gerade mal knapp 100 Menschen leben. „Der Wunsch nach einer Kirche wurde in den 70er und 80er Jahren sehr groß“, erinnert er sich. Dabei hatte das Dorf fast 300 Jahre lang keine Kirche. Gottesdienste fanden in der alten Schule und – seit deren Schließung 1965 – in Privathäusern statt.

„Damals wurden eher Kirchen stillgelegt als neue gebaut“, sagt Weigel. Deshalb hat er auch nie an ein eigenes Gotteshaus für die Lindenhöfer geglaubt. Doch einen engagierten Unterstützer fand er in Bezirkskonservator Dr. Michael Neumann. Als im Lichtenfelser Ortsteil Neukirchen ein alter Getreidespeicher abgerissen werden sollte, hatte Neumann die zündende Idee: „Da können wir was draus machen“, habe er gesagt, erinnert sich Edgar Weigel. Der Kirchenvorstand in Hatzfeld entschied sich allerdings erst einmal gegen eine Kirche für Lindenhof. Doch während einer Gemeindeversammlung waren nur zwei Lindenhöfer skeptisch. „Das wäre schön für uns, haben die Bewohner gesagt“, berichtet Edgar Weigel. „Sie hatten sogar schon die Idee, wo die Kirche hingestellt wird.“

Schließlich freundete sich auch der Kirchenvorstand mit der Idee an. „Voraussetzung für die Zustimmung war, dass die Gemeinde nicht zu sehr belastet wird.“ Architekt Peter Dornseif aus Holzhausen wurde mit der Planung beauftragt.

1990 wurde geplant, 1991 gebaut und am 10. Mai 1992 eingeweiht. Die Balken waren zuvor in Neukirchen Stück für Stück abgebaut und nummeriert worden. Das Gebäude, 3,50 breit und 7,70 Meter hoch, sollte um zwei Seitenschiffe und einen Glockenturm erweitert werden – sonst wäre nur Platz für 20 Personen gewesen.

Auch die Finanzierung war bald gesichert: „Es war ein Miteinander von Kirche, Ämtern, Denkmalpflege und Kreis“, sagt Edgar Weigel. Auch die Bewohner vom Lindenhof und vom Nachbarweiler Hof Rhoda haben ihren Teil beigetragen und mehr als 30000 Mark gespendet – fast 16000 Euro: Ein deutliches Zeichen, „wie sehr die Menschen in dem kleinen Weiler eine Kirche inmitten ihres Ortes haben wollen“, sagt Altdekan Weigel. Die Stadt hat das Grundstück kostenlos zur Verfügung gestellt, und das Landesamt für Denkmalpflege laut Weigel „über das Normale hinaus“ Zuschüsse gewährt.

„Und dann haben auch viele Leute mit angepackt“, sagt der frühere Dekan. „Die waren begeistert.“ Jeder hat sich auf seine Weise eingebracht. Die Fenster und den Wetterhahn gestaltete Künstler Ernst Peter Rade, der seit den 70er Jahren auf dem Lindenhof lebt.

Ein Mann war damals neben Neumann und Weigel besonders engagiert: Es gab keinen Tag, an dem Kurt Weber nicht an der Baustelle war. Er war Kirchenvorsteher und später Küster. Wie auch Michael Neumann ist er bereits verstorben. Auch ihrer zum Gedenken wird morgen der Gottesdienst in Lindenhof gefeiert.

Wer die Kirche in Lindenhof an einem anderen Tag besichtigen möchte, meldet sich beim Pfarramt in Hatzfeld, Telefon 06467/320, oder bei Küsterin Hildegard Irle, Telefon 06467/446. (da)

Kommentare