WLZ-FZ-Wetterexperte Roland Schmidt über den Ursprung und die bevorstehende Ankunft des „Altweibersommers“

Auf die kleinen Baldachinspinnen ist Verlass

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Herbsttage wie im Bilderbuch: eine Aufnahme aus der Laisaer Gemarkung. Archivfoto: Mark Adel

Frankenberg - Dem ersten Gruß von „Väterchen Frost“ folgt in den nächsten Tagen im Frankenberger Land ein Herbst, wie ihn sich jeder wünscht.

Bis in die erste Septemberwoche konnten wir in diesem Jahr einen sehr sonnigen, trockenen und zeitweise auch heißen Sommer genießen. Doch seit knapp zwei Wochen scheint über Nacht der Herbst ausgebrochen zu sein: Immer neue Tiefdruckgebiete schicken vom Atlantik ihre dicken Wolkenpakete zu uns, gefüllt mit reichlich Regen und kühler Meeresluft. So hat der September bislang schon mehr Niederschlag gebracht als im langjährigen Mittel üblich.

Am Dienstag traute in den frühen Morgenstunden wohl so mancher seinen Augen nicht: Nach einer klaren Nacht überzog eine weiße Reifschicht die Wiesen in einigen Tallagen; Laternenparker mussten erstmals wieder die Eiskratzer zücken. Aber mit diesem ersten Gruß von Väterchen Frost war temperaturmäßig der Tiefpunkt dieser Woche erreicht, seitdem gab es zwar reichlich neue Wolken, Wind und Regen, aber es wurde wieder milder.

Doch gab es da in früheren Jahren nicht immer so etwas, das den schönen Namen „Altweibersommer“ trug? Schien da nicht an einer ganzen Reihe von Tagen hintereinander die Sonne von einem tiefblauen Himmel und ließ die Thermometer am Nachmittag sogar über 20 Grad ansteigen? Und trieben dann nicht in der milden Luft unzählige kleine Spinnfäden dahin, die sich irgendwo in Gräsern und Zweigen verfingen und morgens schwer mit Tautropfen beladen waren?

Das alles gehört zu einem meteorologischen Witterungsregelfall, der in den meisten Jahren in der dritten Septemberdekade auftritt und manchmal bis in die ersten Oktobertage hinein andauert. Sein Name leitet sich vom althochdeutschen „weiben“ ab, mit dem das Verweben von Fäden zu einem Garn oder Netz bezeichnet wurde. Die fleißigen Weberinnen dieser Tage sind junge Baldachinspinnen, die sich an einem Spinnfaden mit dem Wind in einen neuen Lebensraum tragen lassen, an dem sie dann ihre kunstvollen Netze knüpfen. Der Volksmund hat dieses Phänomen dann mit der Vorstellung vom silbrig schimmernden Haar alter Frauen verknüpft; auch das Bild der Nornen, der schicksalsbestimmenden Frauen, die für jeden Menschen den Schicksalsfaden spinnen, fand darin seinen Platz.

Licht und Wärme genießen

Für unser Empfinden aber ist diese Zeit vor allem eine des späten Sommerglücks. Die Morgen mit ihren Nebelfeldern und den frischen Temperaturen gehören schon ganz dem Herbst, doch ab den Mittagsstunden lässt die wärmende Sonne für einige Stunden nochmals den Sommer zurückkehren. Dann können durchaus Höchstwerte von 20 bis 25 Grad erreicht werden und zusammen mit der nun anstehenden Obsternte, den sich verfärbenden Blättern, den bunten Gärten und den sich sammelnden Zugvögeln entsteht eine einzigartige Stimmung von Fülle und Geborgenheit, versetzt mit ein paar Tropfen Wehmut.

Denn auch diese Wetterphase hält nicht ewig, schon bald werden neue Tiefdruckgebiete auftauchen und uns die weniger freundliche Seite des Herbstes präsentieren. Doch bevor es so weit ist, kommt nun erst mal der „Altweibersommer“ zu seinem Recht.

Schon ab Samstag schiebt sich ein kräftiger Ableger der Azorenhochs über Frankreich bis in den Westen Deutschlands vor und sorgt für Wetterberuhigung und Wolkenauflösung. Daraus entwickelt sich bis zum Wochenanfang ein eigenständiges Hoch, das über den Britischen Inseln und der Nordsee vor Anker geht. Damit ist der Nachschub feucht-kühler Atlantikluft unterbunden, lediglich über den Norden und Nordosten ziehen noch zeitweise ein paar Wolkenfelder. Sonst aber scheint nach Auflösung von Nebelfeldern, die sich in unserer Region in tiefen Tälern und rund um die Stauseen von Eder, Diemel und Twiste entwickeln, für viele Stunden die Sonne von einem nur leicht bewölkten oder wolkenlosen Himmel.

Da die Luft zunächst noch eher aus nördlichen Richtungen zu uns kommt, geht es mit den Temperaturen nur langsam aufwärts. Doch bis zum Montag kommen die 20 Grad allmählich in Reichweite und wenn sich die oft sehr zuverlässige Prognose des europäischen Wettermodells erfüllt, sind zur Mitte der nächsten Woche in günstigen Lagen auch 22 oder 23 Grad drin. Und ein Ende dieser recht stabilen Großwetterlage ist vorerst nicht abzusehen. Damit können wir die besondere Schönheit dieser Tage auf der Grenze zwischen Sommer und Herbst genießen und Licht und Wärme für die kommenden dunkleren Tage tanken.

Von Roland Schmidt

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