Hatzfelder Wildvogelauffangstation

Aus der kleinen Box in die große Freiheit

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Auf einer Anhöhe über dem Hatzfelder Lindenhof entlässt der Falkner Ernst Peter Rade junge Turmfalken in die Freiheit. Die Tiere sind in Frankenberg, Dodenau und Battenfeld aus ihren Nestern auf dem Kirchturm gefallen.Fotos: Patricia Kutsch

Hatzfeld-Lindenhof - Ernst Peter Rade hat gestern zwei Mehlschwalben und drei jungen Turmfalken die Freiheit geschenkt - auch ihre Leben haben die Vögel ihm zu verdanken. Rade kümmert sich seit mehr als 30 Jahren um verletzte und verlassene Wildvögel. Doch nicht alle Tiere überleben.

Eine kleine Pappkiste steht auf dem Schrank, darüber liegt ein kariertes Geschirrtuch. Aus der Kiste dringen leise Piepser. Als Ernst Peter Rade das Tuch zurückschlägt, werden die Piepser sofort laut und fordernd: Eine junge Elster reißt den Schnabel auf und verlangt lautstark nach Futter. Das Tier ist schon drei oder vier Wochen alt. So genau weiß Rade das nicht. Aber großen Hunger hat sie. Deswegen stopft er ihr mit einer Pinzette eine Mischung aus Fleisch und Beo-Futter in den Schnabel.

Wenn der Hunger gestillt ist, gibt die Elster Ruhe und lässt sich von Ernst Peter Rade in die Hand nehmen. „Sie wurde von Kindern gefunden und mit nach Hause genommen“, erzählt der Tierfreund und zeigt auf das verletzte Bein des Vogels. Das ist passiert, als sich der Vogel bei den Kindern daheim in einer Gardine verfing. „Wir werden sehen, ob wir das wieder hinbekommen.“ Dann setzt er die Elster zurück in ihr Nest im Pappkarton und legt das Tuch darüber - damit das Tier nicht versucht zu fliegen.

Neben der Elster wohnen zwei Mauersegler und zwei Mehlschwalben in einer kleinen Kiste. Sie waren noch sehr klein, als sie Rade gebracht wurden. Auch diese Vögel hat er mit der Pinzette gefüttert und aufgepäppelt. Ansonsten bleiben sie - wie die Elster - in dem Raum, der eigens als Auffangstation und zur Untersuchung der Vögel eingerichtet wurde. „Beim Aufpäppeln sollen Dohlen, Krähen und Elstern möglichst wenig mit dem Menschen in Berührung kommen“, erklärt Rade. Sie gewöhnen sich sonst zu sehr an Menschen und das Auswildern wird schwer.

Bei Rade bleiben keine Tiere ewig. Er hat keine Vogelhaltung oder pflegt kranke Tiere ihr Leben lang. Bei ihm herrscht ein Kommen und Gehen: „Es sind bestimmt hundert Vögel im Jahr.“ Sobald sie gesund sind und aufgepäppelt, entlässt der Tierschützer die Vögel in die Freiheit.

Für einige seiner geflügelten Schützlinge ist es jetzt soweit: Rade packt die beiden Mehlschwalben ein, gibt ihnen noch ein letztes Häppchen und fährt sie zu einem nahegelegenen Stall. Über den Köpfen der Kühe wohnen dort schon viele Mehlschwalben. Deswegen lässt Rade seine beiden einfach fliegen. Die testen sofort die neue Freiheit aus, fliegen einige Runden um das Gebäude und durch den Stall und setzen sich dann zu ihren Artgenossen. „Sie werden schnell aufgenommen“, erklärt der Vogelfreund.

Kurz danach steht der nächste Abschied ins Haus: Für drei der sechs jungen Turmfalken, die in einer Voliere im Garten leben, ist es ebenfalls an der Zeit, zu gehen. Und Rade hat sich schon ganz genau überlegt, wo er diese jungen Tiere aussetzt. Etwas außerhalb von Lindenhof steht ein kleines Gebäude auf einer Anhöhe. An der Außenwand hat ein älteres Turmfalkenpaar sein Zuhause. „In diesem Jahr haben die beiden keinen eigenen Nachwuchs“, das hat Rade schon beobachtet. Deswegen lässt er dort seine jungen Vögel frei - Turmfalken sind gesellige Tiere, sie werden sofort von dem älteren Pärchen aufgenommen. „Die Jungen können zwar ihr Futter selbst besorgen, aber die älteren werden sich trotzdem um sie kümmern.“

Aber nicht immer läuft es mit einem so guten Ende: Oft schaffen die Vögel es nicht und erliegen ihren Verletzungen. In der vergangenen Woche verstarben bei Rade ein Grünspecht, der von einer Katze angefallen wurde und eine Waldohreule, die vor ein Auto geflogen ist und am Kopf verletzt wurde. Seine Frau musste jetzt erst einen Fischreiher einschläfern. Er ist von der Frankenberger Polizei gebracht worden. Das Tier war auch mit einem Auto zusammengestoßen. „Seine Beine waren gelähmt und das war nicht mehr in Ordnung zu bringen“, sagt Rade.

Wenn etwas nicht heilbar ist, dann schläfert Hella Rade die Vögel ein. Sie ist Tierärztin und führt mit ihrem Mann - einem Falkner - die Wildvogelauffangstation. Sie arbeiten ehrenamtlich für das Kasseler Regierungspräsidium. Hauptsächlich landen bei ihnen Greifvögel. Weil es aber so wenige Pflegestationen gibt, bekommt Rade immer häufiger auch Singvögel gebracht.

Das Ehepaar darf Vögel nicht nur auffangen und auf der „Krankenstation“ halten, sondern sie auch auswildern. Über jedes Tier führen sie genau Buch: Wann es wo gefunden wurde, welche Verletzungen es hatte, wer es gefunden hatte - und ob es am Ende gesund wurde oder starb. Mehrere tausend Einträge finden sich bereits in dicken Aktenordnern, denn seit den 70er Jahren betreibt das Paar die Auffangstation.

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