Frankenberg -eine Stadt der Kontraste · Betriebshof hat große Probleme, den Erwartungen gerecht zu w

Kniehohes Unkraut und kurstädtische Anlagen

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Ferienjobber unterstützen dieser Tage die Mitarbeiter des Betriebshofs. Fotos: rou (2)/apa (2)/pr (4)

Frankenberg - Englischer Rasen vor dem Landratsamt, der Kreisel in der Röddenauer Straße, der so geschmackvoll bepflanzt ist, dass er sich als Motiv für jedes Gartenmagazin eignen würde: Das ist die eine Seite von Frankenberg. Die andere beschäftigt die Bürger ebenso: kniehohes Unkraut auf Verkehrsinseln, hinter Bäumen verschwindende Lampen, zugewucherte Ruhebänke. Nie war der Kontrast größer. Warum?

„Schreiben Sie doch mal was über die schön bepflanzten Kreisel.“ Dieser Aufforderung einer Leserin ist die Heimatzeitung vor einer Woche gerne nachgekommen. Denn in der Tat ist der Verkehrsplatz in der Röddenauer Straße ein wahres Schmuckstück geworden, ebenso wie die Beete in der neu gestalteten Bahnhofstraße. Zumindest all den Freunden schöner Blumen, Sträucher oder Gartenanlagen ist in den vergangenen Monaten aufgefallen, dass sich viel in Frankenberg getan hat: dass hinter der Bepflanzung ein Konzept steckt.

Doch diesen geschulten Augen der Frankenberger sind auch die Areale nicht verborgen geblieben, die dem farbenfrohen, modernen, kurstädtischen Bild ganz und gar nicht entsprechen. „Schreiben sie doch mal einen Text über den Friedhof: ,Nie war er so ungepflegt wie derzeit’“, fordert kürzlich eine Leserin die Redaktion auf. „Und gucken Sie sich mal die Verkehrsinsel in der Geismarer Straße an: 20 Zentimeter steht dort das Unkraut“, sagt ein anderer Frankenberger.

Ihre Namen tun hier jetzt nichts zur Sache. Denn in der Tat: Wer suchet, der findet aktuell in Frankenberg viele Ecken, die dringend der Aufmerksamkeit des Betriebshofs bedürften.

Davor verschließt auch die Stadt nicht die Augen und streitet das Defizit nicht ab. „Ja“, gibt Bauamtsleiter Karsten Dittmar unumwunden zu: „Der Kontrast wird immer größer.“ Beispiel Geismarer Straße: „Die Verkehrsinsel fällt gestalterisch gegenüber den neuen Flächen in der Bahnhofstraße einfach hinten runter.“ Doch schon in wenigen Wochen soll dieses Problem nicht mehr existieren. So wie die Verkehrsinsel an der Kreisstraße 117 und die Insel in der Ruhrstraße soll auch dieser Fahrbahnteiler kurz vor dem Finanzamt entsiegelt werden: statt Pflaster, durch das sich das Unkraut drückt, sollen Blumen in die Höhe sprießen. Ein extensives Grünkonzept.

Viele zusätzliche Aufgaben, aber nicht mehr Personal

Dittmar ist, vereinfacht gesprochen, für das Schöne in Frankenberg zuständig. Als Bauamtsleiter präsentiert er Ideen für die Gestaltung des Neuen. Die Pflege ist wiederum die Aufgabe von Martin Hecker, dem Leiter des Betriebshofs. Und doch sehen sich die beiden Abteilungschefs als Team: weil sie als Angestellte der Stadt das Schönste für Frankenberg wollen. Doch auch Hecker ist nicht entgangen, dass manches Grün besser nicht zu sehen wäre. In Wochen wie diesen gleicht die Aufgabe des Betriebshofes jedoch dem viel zitierten Kampf gegen die Windmühlen: Rasen mähen, Hecken schneiden, Ortsteile herausputzen, bevor sie ihre großen Feste feiern. „Ich habe einfach nicht mehr Personal zur Verfügung“, bittet er um Verständnis.

36 Personen zählt der Plan des Eigenbetriebs Betriebshof aktuell. „Arbeit hätte ich auch für viele, viele mehr“, sagt Hecker. Doch genau das Gegenteil ist momentan der Fall. Zwei Mitarbeiter haben zuletzt gekündigt: Des schlechten Betriebsklimas wegen, heißt es in Frankenberg. Hecker sieht andere Ursachen, ohne sie öffentlich diskutieren zu wollen. „Aber bei einem Betrieb dieser Größe gibt es auch Fluktuation.“

Die führt nach dem Willen der Stadtverordneten dazu, dass noch weniger Personal zur Verfügung steht als ohnehin. Im Zuge der Etatverabschiedung wurde eine dreimonatige Besetzungssperre für alle freien Stellen beschlossen. Bei zwei Kündigungen im Betriebshof fehlt somit rein rechnerisch die Arbeitsleistung eines Mitarbeiters über ein halbes Jahr. Und aus Heckers Sicht ist der Betriebshof ohnehin nicht üppig ausgestattet: Seit Jahren ist eine Stelle unbesetzt - eine noch von Bürgermeister Christian Engelhardt empfohlene Sparmaßnahme.

Im Gegensatz zum Stellenplan sind jedoch die Anforderungen an die städtischen Mitarbeiter mit den grünen Daumen gewachsen. Mittlerweile gebe es Pflichten, über die sich vor Jahren kaum jemand Gedanken gemacht habe. „Die Straßenbegleitgrünstreifen schneiden wir seit fünf Jahren immer in der ersten Juli-Woche, mit Unterstützung von Ferienjobbern“, erläutert Hecker. Früher seien diese Arbeiten zeitiger im Jahr erledigt worden. „Aber wenn Vogelköpfe rollen, ist niemandem geholfen.“ Der Artenschutz ist erste Prämisse. Das geht auch aus dem Bundesnaturschutzgesetz hervor. „Uns stehen für gewisse Arbeiten nur bestimmte Zeitfenster zur Verfügung.“ Und die sind nicht zwingend deckungsgleich mit den Vegetationsperioden. Und das führt dazu, dass die ein oder andere Hecke außer Form gerät.

Hecker und Dittmar zählen eine Reihe Beispiele auf: „Früher gab es keine vorgeschriebenen Baumkontrollen. Doch auch für die Arbeiten braucht man Kapazitäten.“ Hecker nennt die Auflagen für Spielplätze: eine Sichtkontrolle pro Woche, jeden Monat eine Hauptkontrolle, einmal im Jahr eine Überprüfung durch eine Sicherheitsfachkraft. „Für die neuen Aufgaben haben wir schon Zeitfenster in unseren Prozessen eingebucht, aber die sind nicht ausreichend.“ Hinzu kommen die Erwartungen der Vereine, für die der Betriebshof Dienstleistungen erbringt. Hier beim Aufbau helfen, dort Hand anlegen. Politisch ist das gewollt. Doch es bindet Personal.

Das wurde in zurückliegenden Jahren immer weniger von Ehrenamtlichen unterstützt. Schulklassen, andere Gruppen, „vor sieben, acht Jahren hatten wir noch 60, 70 Leute pro Jahr, die uns unentgeltlich geholfen haben: etwa beim Säubern des Stadtgebietes“, sagt Hecker. Solches Engagement sei zunehmend seltener geworden. Hecker hebt die Lebenshilfe heraus. „Eine Gruppe hat neulich die Wehrweide gesäubert. Und Müllberge zusammengetragen, obwohl wir täglich vor Ort sind.“ Doch keine zwei Tage später sei von diesem Sommerputz nichts mehr zu sehen gewesen.

Hinzu kommt die steigende Zahl an Beschädigungen. Erst am Donnerstag musste der Betriebshof in das Teichgelände ausrücken: Scherben im Tretbecken, etliche zerstörte Sicherungskästen. Die Polizei ermittelt. Zum Glück sei der botanische Garten unbeschädigt.

Dass die Vandalen ausgerechnet diesen Bereich unangetastet ließen, wundert Dittmar und Hecker nicht. Denn sie haben interessante Erfahrungen gesammelt: Je schöner, ansprechender, aufwendiger ein Platz, eine Bushaltestelle, ein Garten gestaltet ist, umso geringer sind die Probleme mit Beschädigungen. Offensichtlich steigt die Hemmschwelle.

„Für jeden Hinweis der Bürger dankbar“

Die ist bei Laternen kaum vorhanden: Hunderte Aufkleber oder Reste davon verschandeln die Optik. Ein nicht in den Griff zu bekommendes Problem. „Selbst wenn ich jemanden erwische, sind die Konsequenzen gering.“ Hoffnungen setzt Dittmar in einen neu entwickelten Lack, auf dem kein Kleber hält. „Ein Versuch ist es wert.“

Vor allem in der Fußgängerzone fallen diese Aufkleber auf Laternen auf. Doch zum ungepflegten Bild, zumindest an der ein oder anderen Stelle, trägt auch die Nachlässigkeit der Anlieger bei, deren Pflicht die Pflege der Nebenanlagen ist. Direkt vor der Hauswand wucherndes Unkraut fällt nicht in die Arbeitsgebiete des Betriebshofs.

Die Pflege der großen Grünflächen, etwa auf dem Friedhof oder dem alten Friedhof aber wohl. Dort gibt es immer wieder Beschwerden, dass rund um Bänke nicht gemäht wird. „Sollte nicht so sein“, sagt Hecker und erklärt das Procedere. Denn im Einsatz sind zwei Kolonnen. Ein städtischer Arbeiter schneidet mit einem Großmäher die großen Flächen, ein zweites zweiköpfiges Team zieht mit Klein- und Fadenmäher los und erledigt den Rest. „Allerdings kann es schon mal zu zwei- bis dreitägigen Verzögerungen kommen.“ Und in dieser Zeit sehen die Flächen dann besonders ungepflegt aus. Doch mit Faulheit, vom Aufsitzmäher abzusteigen, habe dies nichts zu tun.

Der Friedhof in der Kernstadt zählt zu den pflegeintensivsten Arealen überhaupt. Von früher fünf permanent präsenten Arbeitern ist jedoch nur noch einer übrig geblieben. Zwei weitere kümmern sich zudem um Bestattungen und Baumpflege. „Wir haben einfach das Problem, den von uns erwarteten Pflegestandard permanent zu halten“, sagt Dittmar.

Grundsätzlich setzt Hecker auch auf die Kooperation mit den Bürgern. „Wir sind ansprechbar, sowohl die Mitarbeiter direkt auf dem Friedhof als auch wir auf dem Betriebshof.“ Er könne nicht versprechen, dass Missstände sofort abgestellt würden. „Aber zumindest zeitnah.“ Ignorantes Verhalten wollen sich Hecker und Dittmar jedenfalls nicht vorwerfen lassen. Im Gegenteil. Sie fühlen sich auch beim Ehrgeiz gepackt: Nicht nur an den schönen Ecken Frankenbergs, sondern auch „an den Defiziten müssen wir uns messen lassen“, sagt der Bauamtsleiter.

Von Rouven Raatz

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