Interview mit Dr. Jürgen Römer

Wie können unsere Dörfer attraktiver und zukunftsfähiger werden?

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Stärken und Schwächen: (von links) An der Breitbandversorgung „sind wir dran“, sagt Dr. Jürgen Römer; alte, leer stehende Häuser wie dieses in Dodenhausen (Mitte) sind ein Problem in vielen Orten; unser Landkreis hat aber auch viele positive Seiten – nicht nur die schöne Landschaft (links, bei Schreufa). 

Waldeck-Frankenberg. „Man kann auch ohne Geld etwas bewegen.“ Das ist eine der Botschaften, die Dr. Jürgen Römer für engagierte Menschen in unseren Dörfern ausgibt.

Der Leiter der Dorf- und Regionalentwicklung beim Landkreis spricht im HNA-Interview über die Probleme, mit denen viele Orte in der Region zu kämpfen haben, und gibt Anregungen, wie sie zu lösen sein könnten. Er sieht aber auch die Stärken und Vorteile unserer Dörfer gegenüber Ballungsgebieten: „Leben kann man bei uns besser“, sagt der 51-Jährige.

Herr Römer, Sie leiten die Dorf- und Regionalentwicklung beim Landkreis. In welchen Bereichen muss sich unsere Region entwickeln? 

Römer: Unser Landkreis hat eine ausgewogene Mischung aus einer naturnahen Kulturlandschaft und einer Wirtschaft, die vom großen Industriebetrieb über den Mittelstand bis zum Ein-Mann-Unternehmen reicht, dazu ein gutes Angebot an Fachkräften. Entwicklungsbedarf haben wir bei Breitbandausbau, Mobilität, Bildungsangeboten, Angeboten für junge Menschen. Darüber hinaus spielen zukünftig Zuwanderung und Integration eine große Rolle, Inklusion in der ganzen Gesellschaft, Fachkräftemangel und generationengerechter Umbau der Gesellschaft.

Und wo hat der Kreis Stärken – zum Beispiel gegenüber den Ballungsgebieten? 

Römer: Im insgesamt größeren Zusammenhalt der Menschen in ihren Wohnorten, in der Naturnähe, in der Ruhe, der intakteren Umwelt und den günstigeren Lebenshaltungskosten. Wir haben gut ausgebildete Fachkräfte, Vorteile bei den Sozialausgaben, ein höheres Maß an Identifikation mit dem eigenen Lebensumfeld und weniger Anonymität und Vereinzelung. Leben kann man hier besser.

Am 3. April findet in Adorf der Fachtag Regionalentwicklung statt, den ihre Abteilung organisiert. Es geht um Ehrenamt und Vereine. Haben wir nicht genug Vereine? 

Römer: Doch, aber wir haben leider etliche Vereine mit Problemen. Es wird immer schwerer, Nachwuchs für Vorstandsarbeit zu finden. Viele Vereine, denen es noch nicht gelungen ist, sich auf neue Zielgruppen und deren Wünsche einzurichten, überaltern und sterben aus. Viele Vereine wissen zu wenig über Geld, Steuern und Gemeinnützigkeit. Mit diesen Fragen, aber weit über die Vereine hinaus im gesamten Bereich ehrenamtliches Handeln, also auch Kommunalparlamente, Kirchenvorstände usw., werden wir uns beschäftigen und konkrete Vorschläge geben.

Ein Workshop bei dem Fachtag lautet „Neue Gruppen und Vereine im Dorf“. Sind unsere , Schützen-, Sport- und Gesangvereine nicht mehr zeitgemäß? 

Römer: Doch, das sind sie, wenn sie sich neuen Wünschen und Anregungen öffnen. Tradition ist etwas Ehrenwertes, aber man kann in Traditionen auch ersticken, wenn man frischen Wind immer aussperrt. Hier müssen manche Verantwortliche mehr Mut haben, und es müssen mehr junge Leute mitmachen. Leider wird lieber gemeckert als gearbeitet. Mit dem Fachtag wollen wir Anregungen geben für die Arbeit vor Ort.

Mehr über das Förderprogramm „Dorferneuerung“ des Landes, ob es Vorgaben gibt, was sinnvollerweise mit dem Geld umgesetzt wird, und über die Problematik, große Gebäudekomplexe alter Höfe an junge Familien zu verkaufen, lesen Sie in der gedruckten Freitagsausgabe der HNA Frankenberger Allgemeine.

Quelle: HNA

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