Gedenken an Anschlag vor zehn Jahren

Krieg "in unsere Nachbarschaft gerückt"

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Anschlag in Kabul

Frankenberg - Heute jährt sich zum zehnten Mal der Anschlag auf das dritte Afghanistan-Kontingent des Frankenberger Bataillons.

Vier tote und 29 verletzte Soldaten. Das ist die Bilanz des 7. Juni 2003. Des Tages, an dem ein Selbstmordattentäter in der afghanischen Hauptstadt Kabul einen Bus der Bundeswehr in die Luft gejagt hat. Noch nie in ihrer fünf Jahrzehnte währenden Geschichte haben die in der Burgwald-Kaserne stationierten Fernmelder einen derartigen Blutzoll entrichten müssen. Und noch nie hatte die internationale Friedensmission ISAF bis dahin einen derartigen Rückschlag hinnehmen müssen.

Der Anschlag hat sich tief eingegraben ins kollektive Gedächtnis des Frankenberger Bataillons für Elektronische Kampfführung 932. Auch heute gedenken die Soldaten ihrer gefallenenund verletzten Kameraden.

Der Anschlag war aber auch fürdas gesamtdeutsche Bewusstsein prägend, er hat den Blick auf die Bundeswehr gewandelt: Aus den Landesverteidigern des „Kalten Krieges“ ist eine Truppeim permanenten Auslandsein­satz geworden. Die Worte „Krieg“und „Gefallene“ werden inzwischen wieder mit deutschen Soldaten in einen Zusammenhang gebracht. Erstmals seit 1945. Für die Briten, Franzosen oder Amerikaner mag es die Rückkehr zur „Normalität“ sein - für die bewusst friedfertige Bundesrepublik ist es ein grundlegender Wandel. Auch für das Selbstverständnis der Soldaten: Von „Brunnenbohrern“ sind sie zu Kämpfern geworden.

Opfer waren auf dem Weg nach Hause

Rückblick: Im ISAF-Camp „Warehouse“ am Ostrand Kabuls machen sich am Morgen des 7. Juni Soldaten fertig für die Abreise. 33 von ihnen sind dem Frankenberger Bataillon unterstellt. Nach ihrem 14-wöchigen Dienst wollten die Aufklärungs-Fachleute des dritten Afghanistan-Kontingents heimkehren. Die Ablösung ist eingetroffen.

Die Stimmung ist gut, eine deutsche Transall-Maschine wartet auf dem „Kabul International Airport“, der Rückflug nach Köln-Wahn steht an, von dort geht es in die Burgwald-Kaserne und dann endlich wieder zu den Lieben daheim. Aber die Soldaten wissen auch um die Gefahren, das Bürgerkriegsland ist längst nicht befriedet. Alle müssen im Bus ihre Splitterschutzwesten tragen. Zwei olivgrüne Reisebusse der Luftwaffe verlassen mit Begleitfahrzeugen das stark gesicherte Feldlager. Auf einer staubigen Ausfallstraße überholt ein Taxi den Konvoi, auf Höhe des Busses mit den Frankenbergern geschieht es: ein ohrenbetäubender Knall, Glassplitter fliegen, Metall verbiegt, Blut fließt. Die gewaltige Druckwelle reißt den voll besetzten Bus von der Straße und schleudert ihn in Gärten: Ein Selbstmordattentäter hat seinen Sprengsatz gezündet und versucht, möglichst viele der fremden Soldaten mit sich in den Tod zu reißen. Vier Soldaten sterben, alle anderen sind mehr oder weniger schwer verletzt.

Argloses Frankenberg feiert Pfingstmarkt

Auf der Frankenberger Wehrweide dreht sich indessen das Riesenrad. An jenem heißen Pfingstmarkt-Samstag ist die Tierschau die Attraktion. Niemand ahnt, welche Szenen sich gerade Tausende Kilometer entfernt im Osten abspielen: Ärzte und Sanitäter versorgen die Verwundeten und bringen sie eilig ins Camp zurück, Militärpolizisten sichern die Straße ab, später kommen zwei große Kräne, um das Buswrack zu bergen.

Erst nach Stunden kommen in Frankenberg die ersten Gerüchte auf, dann bestätigt das Berliner Verteidigungsministerium die Meldungen: Der Anschlag hat dem Frankenberger Kontingent gegolten. Und erst am Pfingstmontag berichtet es, die Toten gehörten zum Frankenberger Bataillon - zunächst wurden die Familienangehörigen verständigt.

Die Betroffenheit in der Stadt ist groß. Seit die Burgwald-Kaserne 1962 steht, fühlen sich die Frankenberger „ihren“ Soldaten eng verbunden. Und 13 der Verwundeten stammen aus dem Frankenberger Land. „Der Afghanistan-Konflikt spielt sich nicht länger im fremden Land ab, sondern ist in unsere direkte Nachbarschaft gerückt“, sagt Landrat Helmut Eichenlaub.

Das große Festzelt auf der Wehrweide ist am Sonntag ungewöhnlich gut gefüllt, rund 400 Besucher wollen den Gottesdienst in besonderer Atmosphäre trotz der Hitze nicht versäumen. Pfarrer Heiner Wittekindt spricht ein Gebet für die Soldaten. Am Dienstag folgt ein Feldgottesdienst in der Kaserne.

Zum ökumenischen Gottesdienst am Donnerstag versammeln sich rund 500 Trauernde in der Liebfrauenkirche. Auch neun Betroffene des Anschlags nehmen teil.

Einige Soldaten tragen noch Jahre später an den Folgen. Zu den körperlichen Verwundungen kommen die psychischen. Ein neues Krankheitsbild wird bekannt: posttraumatische Belastungsstörung. Es sollten nicht die einzigen Traumatisierten bleiben. Und die Zahl der getöteten deutschen Soldaten ist inzwischen auf 53 gestiegen.

Bis heute sind Frankenberger Soldaten in Afghanistan stationiert. Zumindest die Kampftruppen sollen bis Ende 2014 abgezogen werden.

Die Geschichte des Einsatzes beginnt am 11. September 2001. Terroristen des islamistischen Netzwerkes Al-Qaida steuern zwei amerikanische Passagierflugzeuge in die Zwillingstürme des New Yorker World Trade Centers, eine dritte Maschine zerschellt im Pentagon, dem Verteidigungsministerium in Washington. Eine vierte entführte Maschine stürzt in Pennsylvania ab beim Versuch der Passagiere, die Terroristen zu überwältigen. Etwa 3000 Menschen sterben. Umgehend ruft der US-Präsident George W. Bush den „War on Terror“ aus, den Krieg gegen den Terrorismus.

Schnell kommen Ermittler darauf, dass die Täter in Abstimmung mit Osama bin Laden gehandelt haben, dem Kopf von „Al-Qaida“, auf Deutsch „die Basis“. Er sitzt im zentralasiatischen Afghanistan, das seit 1979 im Bürgerkrieg steckt und verelendet. Staatliche Strukturen sind längst zerfallen. In Pakistan ausgebildete „Religionsschüler“, die Taliban, haben weite Teile des Landes erobert und drangsalieren die religiös an sich gemäßigten Einwohner mit ihrem brutalen Steinzeit-Islam. Frauen werden ins Haus geprügelt, auf Musik und Tanz stehen die Todesstrafe, Dieben wird die Hand abgehackt, Andersdenkende werden gehenkt.

Taliban befinden sich im Kampf gegen den Westen

Die Taliban mit ihrem Oberhaupt Mullah Omar haben bin Laden Asyl gewährt. Nachdem der saudische Millionär als Kämpfer bei der Vertreibung der Sowjets aus Afghanistan mitgewirkt hat, richtet er seinen Kampf gegen den „verderblichen“ Westen, den er aus der islamischen Welt, aus seiner Heimat Saudi Arabien herausbomben will. In Afghanistan unterhält er ein System von Ausbildungslagern, in denen auch die Hamburger Terror-Zelle um Mohammed Atta für ihre Anschlägeam 11. September trainiert hat.

Bush und seine Hardliner beschließen, die Taliban zu vertreiben und „Al-Qaida“ zu jagen, bin Laden wird „Staatsfeind Nummer 1“. Die Bilder der einstürzenden Hochhäuser haben die gesamte Welt bewegt, eine breite Welle der Solidarität schlägt den USA entgegen. Schnell hat Bush Unterstützer für seinen Feldzug zusammen.

Auch der deutsche Kanzler Gerhard Schröder sagt dem Präsidenten eine Beteiligung der Bundeswehr zu - nachdem er sich Bushs für viele Juristen völkerrechtswidrigem Krieg gegen den Irak verweigert hat. Aus Afghanistan soll mit deutscher Hilfe ein demokratischer Staat mit Frauenrechten werden.

Am Hindukusch vollzieht sich ein rasanter Wandel: Mit Unterstützung amerikanischer und britischer Kampfjets und Spezialeinheiten am Boden drängen Kämpfer der afghanischen Nord­allianz die Taliban zurück, mit Millionenzahlungen machen sich amerikanische Geheimdienstler Stammesfürsten gewogen - das Reich der Taliban zerfällt, am 12. November 2001 wird Kabul befreit, bin Laden flieht ins Berggebiet zu Pakistan.

Die Staatengemeinschaft beschließt, den afghanischen Staat wieder aufzubauen, mit UNO-Mandat entsteht die International Security Assistance Force gebildet, kurz ISAF. Die Truppe soll die Sicherheit gewährleisten, zunächst nur in Kabul, später im gesamten Land.

Neuer Einsatz für das EloKa-Bataillon

Mitte November wird auch für die Aufklärungs-Fachleute in der Burgwald-Kaserne klar, dass sie demnächst ein neues Einsatzgebiet haben würden: Afghanistan. Bei einer Besprechung in Daun kommt die Order, ein Kontingent für Kabul zusammenzustellen.

Noch vor Weihnachten beginnt für acht Fernmelder eine dreitägige Vorbereitung, am 17. Januar 2002 fliegen die ersten drei Soldaten nach Kabul, bis zum 9. März ist das Kontingent komplett vor Ort. Bei ihrer Rückkehr berichten die Soldaten von einer Aufbruchstimmung, viele seien froh, die Taliban los zu sein, Frauen legten die stickige Burka ab, Geschäfte mit einst „verbotenen“ Waren wie CD-Spielern öffneten.

Doch die Gefährdungslage nimmt wieder zu. Die Islamisten sind nicht vertrieben, manche sind untergetaucht, sie formieren sich neu und versuchen, die Soldaten mit Anschlägen zu treffen. Für die ISAF-Truppen wird die Sicherheitsstufe erhöht - einfach über den Basar zu schlendern ist nicht mehr möglich. Die Vorsicht ist gerechtfertigt. Am Morgen des 7. Juni 2003 steigt ein Fanatiker in ein mit Sprengstoff gefülltes Taxi. Sein Auftrag: möglichst viele der„ungläubigen Besatzer“ zu töten.

Er trifft die Frankenberger.

von Dr. Karl Schilling

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„Es fühlt sich an, als wäre es gestern gewesen“ Bernd Siebert, CDU, Mitglied des Verteidigungsausschusses, spricht über den Anschlag

- Wie haben Sie persönlich vom Anschlag erfahren und wie haben sich die folgenden Stunden für Sie dargestellt?Ich wurde durch den damaligen verteidigungspolitischen Sprecher unserer Fraktion informiert, dass es einen Anschlag mit Toten gegeben hatte. Danach habe ich in vielen Telefonaten und Gesprächen versucht, Näheres herauszufinden. Es waren bange Stunden, bis sich leider herauskristallisierte, dass Soldaten aus meiner Heimat betroffen waren. Wenn ich heute an diesen Anschlag denke, fühlt es sich an, als wäre es erst gestern gewesen, obwohl es schon zehn Jahre her ist. Die Belastungen für unsere Soldaten und ihre Familien sind wirklich enorm. Manche der Betroffenen leiden bis heute unter den Folgen.

- Hatte der Anschlag direkte Auswirkungen auf die Arbeit im Verteidigungsausschuss und im Bundestag, zum Beispiel bei weiteren Entscheidungen über Auslandseinsätze oder Mandatsverlängerungen?Natürlich hatte dieses schreckliche Ereignis Auswirkungen auf den Verteidigungsausschuss: Aus den damaligen Erfahrungen speiste sich die Forderung nach mehr geschützten Fahrzeugen für den Einsatz. Moderne Fahrzeuge, die heute zum Alltag gehören, waren letztlich die Folge. Auch wurde manchem damals klar, dass dieser Einsatz alles andere war als Routine. Er war und ist gefährlich. Man darf auch nicht vergessen, dass es sich um den ersten tödlichen terroristischen Angriff auf die Bundeswehr in Afghanistan handelte. Einen Abbruch der Mission hatte allerdings niemand ernsthaft erwogen. Heute ist glücklicherweise kein Soldat mehr in zivilen Fahrzeugen völlig ungeschützt feindlichem Beschuss oder Sprengfallen ausgesetzt.

- Bemerken Sie in der Truppe Erleichterung über den geplanten Abzug im nächsten Jahr oder sehen die Soldaten ihre Arbeit noch nicht als beendet an?Ich denke, dass man das nicht pauschalieren kann. Einige Soldaten, mit denen ich gesprochen habe, sagen mir, dass es noch genug Aufgaben für die Bundeswehr in Afghanistan gäbe. Andere sind froh, diese Belastung künftig nicht mehr sich selbst und ihren Familien zumuten zu müssen.

von Mark Adelund Malte Glotz

Ein ausführliches Interview mit Betroffenen des Anschlags lesen Sie in der Frankenberger Zeitung vom Freitag, 7. Juni 2013.

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Chronik tödlicher Zwischenfälle in Afghanistan:

4. Mai 2013 : Nahe Baghlan fällt ein Soldat des Kommandos Spezialkräfte, ein weiterer wird verletzt, als die Einheit afghanische Soldaten bei einer Mission unterstützt.
2. Juni 2011 : Ein Soldat stirbt bei einem Anschlag nahe Kundus, fünf weitere werden verletzt.
28. Mai 2011 : In Taloqan sterben bei einem Anschlag zwei Soldaten, sechs werden verletzt.
25. Mai 2011 : Bei einem Sprengstoffanschlag nahe Kundus stirbt ein Soldat, ein weiterer wird verletzt.
18. Februar 2011 : In einem Außenposten in der Provinz Pol-e Khomri erschießt ein Afghane drei deutsche Soldaten und verwundet sechs.
7. Oktober 2010 : Ein Selbstmordattentäter sprengt sich nahe Pol-e Khomri in die Luft. Ein Soldat stirbt bei diesem Anschlag, drei werden verletzt.
15. April 2010 : Nahe Baghlan wird ein deutsches Eagle-Fahrzeug angesprengt. Drei Soldaten sterben dabei, fünf weitere werden verletzt. Wenige Kilometer entfernt fällt ein Soldat durch Mörserbeschuss.
2. April 2010 : Bei einem mehr als zehn Stunden andauernden Gefecht nahe Chahar Darreh mit Aufständischen fallen drei Soldaten, acht weitere werden zum Teil schwer verletzt.
23. Juni 2009 : Nach einem Feuergefecht nahe Kundus sterben drei Bundeswehrsoldaten. Sie sollen bei einem Ausweichmanöver mit ihrem Transporter umgekippt sein.
29. April 2009 : Nahe Kundus gerät eine Patrouille in einen Hinterhalt. Ein Soldat stirbt, vier weitere werden verletzt. Stunden zuvor waren bei einem Attentat nahe des Feldlagers fünf Soldaten leicht verletzt worden.
20. Oktober 2008 : Zwei Soldaten sterben bei einem Selbstmordanschlag nahe Kundus.
27. August 2008 : Eine Patrouille gerät bei Kundus in eine Sprengfalle. Ein Soldat stirbt, drei werden verletzt
19. Mai 2007 : Bei einem Selbstmordanschlag werden drei Soldaten getötet, zwei weitere verletzt.
14. November 2005 : In Kabul reißt ein Selbstmordattentäter einen Soldaten mit in den Tod, zwei weitere werden verletzt.
7. Juni 2003 : Beim Anschlag auf Soldaten der EloKa-Kompanie sterben vier Kameraden, 29 werden zum Teil schwer verletzt.
29. Mai 2003 : Ein Geländewagen fährt in Kabul auf eine Mine. Ein deutscher Soldat stirbt dabei.

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