Nach sexuellen Missbrauchs einer Mitpatientin muss psychisch Kranker in die Forensik

Landgericht ordnet Unterbringung an

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Haina / Marburg - Nachdem er eine Mitpatientin in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Haina sexuell missbraucht hat, muss ein 38-Jähriger in der Klinik für Forensik behandelt werden. Das ordnete das Landgericht am Freitag an. Der Anwalt des Beschuldigten übte Kritik an der Gesellschaft – und an der Hainaer Klinik.

Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der 38-Jährige im Juni 2012 eine geistig behinderte und psychisch kranke Frau auf einer Toilette sexuell missbraucht hatte. Beide waren zu diesem Zeitpunkt Patienten der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie (KPP) in Haina (FZ berichtete). Dass der Mann künftig in einer forensischen Psychiatrie behandelt wird, forderten sowohl die Verteidigung als auch die Staatsanwaltschaft. Dem entsprach die Große Kammer unter Vorsitz von Dr. Carsten Paul. Allerdings übte Pflichtverteidiger Bernhard Schroer auch Kritik: Das bisherige „Setting“ sei für seinen Mandanten eine Katastrophe gewesen. Der 38-Jährige hatte jahrelang in einem Wohnheim in Homberg/Ohm gelebt. Dort nahm er seine Medikamente nur unregelmäßig oder gar nicht, zudem hatte er leichten Zugang zu Alkohol. Über Jahre hinweg war der Mann immer wieder durch Aggressionen, sexuelle Anzüglichkeiten und Übergriffe aufgefallen. Mehrfach hatte er vor Gericht gestanden, jedes Mal war er wegen Schuldunfähigkeit auf freien Fuß gelassen worden. Für eine Unterbringung in einer Forensik waren die Delikte bisher nicht schwer genug gewesen. Erst jetzt werde sei der Mann in einer angemessenen Einrichtung behandelt, betonte Verteidiger Bernhard Schroer. „Es ist ein Armutszeugnis für diese Gesellschaft, dass erst so etwas passieren muss“, ergänzte er. Die gesetzliche Betreuerin des 38-Jährigen, die ebenfalls vor Gericht ausgesagt hatte, habe „ganz allein dagestanden“, weil keine Einrichtung den Patienten habe aufnehmen wollen. Und auch die Hainaer Klinik habe eine Verantwortung an dem, was geschehen ist, betonte Schroer. Der Beschuldigte hatte bereits am ersten Verhandlungstag eingeräumt, dass es zwischen ihm und der 42-Jährigen zum Geschlechtsverkehr gekommen war; allerdings sei dies mit deren Einwilligung passiert. Dagegen spricht das Gutachten einer Fachärztin: Sie erklärte, das Opfer habe weniger Sprachverständnis als ein eineinhalbjähriges Kind, sei allein „absolut hilflos“ und schwer bis schwerst behindert. Zudem reagiere die Patientin mit Missfallen auf Berührungen. Eine zielgerichtete Handlung sei „sehr, sehr unwahrscheinlich“. Auch eine nonverbale Zustimmung über Mimik und Gestik, wie der Beschuldigte sie dargestellt hatte, sei der Patientin nicht möglich. Ein weiterer Facharzt, der den Beschuldigten untersucht hatte, stellte dessen Wahrnehmung als eine auf das Selbst ausgerichtete Innenwelt dar, in der kein Platz für die reale Außenwelt sei. Schon die unverschlossene Toilettentür könne der 38-Jährige als Zeichen gewertet haben, dass die Frau „mehr“ von ihm gewollt habe. Nach Angaben des Facharztes leidet der Beschuldigte nicht nur unter einer paranoiden Schizophrenie, sondern sein Zustand wurde durch eine Hirnentzündung und eine hirnorganische Störung nach einem Suizidversuch noch verschlimmert. Weitere Faktoren seien schwere Krisen in der Lebensgeschichte des Mannes und dessen zeitweiliger Konsum von Alkohol, Kokain, Haschisch und Crack gewesen. Der Arzt zeigte sich überzeugt davon, dass die Symptome der schizophrenen Erkrankung einen erheblichen Einfluss während des Vorfalls in der Klinik gehabt hätten. So sei der Homberger nicht in der Lage gewesen, die Situation zu erkennen und die Umstände zu hinterfragen. „Er handelte in der subjektiven Meinung, nichts Unrichtiges zu tun.“

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