Marburger Landestheater gastierte erfolgreich mit „Naked Short Selling“

Das Leben als Leerverkauf

Alexander Leiffheidt

Frankenberg. Auf der Bühne kühle Betonfassaden, dahinter die Treppe ins Private vor nachtblauem Halbrund, im Vordergrund kantige Designersessel, in denen später gekrümmte Frauenkörper vergeblich Schutz suchen - das ist angeblich die coole Welt von Menschen, die in einer Nacht an Finanzmärkten Millionen verzocken. Der Schweizer Regisseur und Autor Hansjörg Betschart schrieb für das Hessische Landestheater Marburg „Naked Short Selling - Leerverkauf ohne Deckung“, ein Stück, das mit seiner Thematik eine viel beachtete Uraufführung fand und am Dienstag auch beim Frankenberger Kulturring mit anerkennendem Beifall aufgenommen wurde.

Vielleicht war es das schwierige Thema der unkontrollierten Geldflüsse, Marktmechanismen und beim Zocken gescheiterten Existenzen, das manchen Zuschauer vom Theaterbesuch abhielt. Die Besucher aber, die gekommen waren, erlebten in der Ederberglandhalle eine atmosphärisch dichte, spannungsvolle Aufführung, in der sich stakkatoharte Dialoge mit ganz sensiblen, lyrischen Momenten ablösten, wo zwischen menschenverachtender Zockermentalität auch Anflüge von Trost und Traum zu spüren waren.

Spiel im Zentrum

Kevin und seine Frau Susan haben Frank und Fiona zum feinen Abendessen eingeladen, aber Fiona erscheint überraschend allein – ihr Mann hat sie wegen seiner 19-jährigen Assistentin Sarah, einer millionenschweren Valenberg-Erbin, verlassen. Kevin erfährt, dass eine Börsenspekulation schief gegangen ist, auch sein Freund Frank hat mit einem so genannten „Leerverkauf“ auf fallende Kurse gewettet – doch dann ist die Aktie gestiegen. Und immer mehr wird klar: Das Spiel im Zentrum des Wirtschaftssystems betrifft längst auch ganz private Bereiche, Menschenleben werden selbst wie Gegenstände getauscht, verschoben und verhandelt.

Das, was Hansjörg Betschart wie eine Boulevardkomödie beginnen lässt, entwickelt sich dramatisch, je mehr Rotweingläser leer sind und mit den abgelegten High Heels auch die makellosen Fassaden der Damen zerbröckeln. Die Schauspielerinnen des Marburger Theaters brillieren in ihren Rollen: Sonka Vogt verkörpert die Figur der Susan höchst wandlungsfähig zwischen Luxusweibchen und bemitleidenswertem Geschöpf, auch Victoria Schmidt als Fiona besticht durch ihre Ambivalenz zwischen mondäner Eleganz und zerbrochener Seele. Sebastian Muskalla als Kevin und Daniel Sempf als Frank meistern elegant die Gratwanderung zwischen Hybris, Kaltschnäuzigkeit und biederem Hausmannsgehabe. Ava Geralis sorgt in der kleinen Rolle der Sarah am Schluss für eine Wendung.

Finale mit viel Applaus

Das Frankenberger Publikum bedankte sich am Ende für eine starke schauspielerische Leistung mit anhaltendem Applaus.

Von Karl-Hermann Völker

Quelle: HNA

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