Angeblicher Kinderporno-Besitz

Lehrer vor Gericht

Frankenberg - Er wollte Kindern helfen. Sagt der Angeklagte - und begründet damit den Fund 147 kinderpornografischer Fotos auf zwei Computern. Seit Dienstag muss er sich deshalb vor dem Frankenberger Amtsgericht verantworten.

Es war ein geteiltes Bild, das der 48-jährige Angeklagte aus dem Frankenberger Land abgab. Auf der einen Seite gab er zu, mit einem Computer nach Fotos mit Kinderpornografie gesucht zu haben. Doch das habe er nur gemacht, weil er im Jahr 2000 einen Fernsehfilm und eine Dokumentation über Kindesmissbrauch gesehen habe - darin seien Internetnutzer aufgerufen worden, nach Bildern zweier bestimmter Kindern zu suchen und im Erfolgsfall der Polizei zu melden. Erst nachdem ihn ein Bekannter darauf hingewiesen habe, dass das strafbar sei, habe er mit der Suche aufgehört. Der Lehrer, der an einer Grundschule im Frankenberger Land unterrichtet hatte und derzeit suspendiert ist, ließ auch nichts unversucht, ein ihn belastendes Gutachten und Zeugen in Misskredit zu bringen. Eine Stunde lang stellte er seine Sicht der Dinge dar. Ihn entlastende Personen seien „ausgeschaltet oder stark eingeschüchtert“ worden - eine Angabe, die er auf spätere Rückfrage der Staatsanwältin aber nicht belegen konnte.

Ein Kernpunkt seiner Ausführungen: Auf dem zweiten Computer habe es gar keine Such­eingaben nach Kinderpornografie gegeben. Allerdings habe er „ganz normale“ legale Pornos mit durchweg erwachsenen Darstellerinnen geschaut. Da seien auch mal andere Seiten „aufgesprungen“, sagte er. Die in der Anklage aufgeführten Suchbegriffe habe er gar nicht gekannt, das sei eine „glatte Lüge. Und er habe „kein einziges Bild angeklickt, um es zu vergrößern“.

Ein Gutachten vom Familiengericht, das wegen des Sorgerechtsstreits um den Sohn in Auftrag gegeben worden war, schließe pädophile Neigungen aus. Schwere Anschuldigungen erhob er gegen das von der Staatsanwaltschaft beauftragte Gutachten. Das war in Auftrag gegeben worden, um Untersuchungen der Polizei zu überprüfen, berichtete der Staatsanwalt, der die Ermittlungen gegen den Lehrer eingeleitet hatte. Er war gestern als Zeuge geladen.

In den Computer des Angeklagten seien Hinweise auf Internetseiten gefunden worden, „auf die man nur kommt, wenn man gezielt nach Kinderpornografie sucht“, sagte der Jurist. „Kein Mensch kommt da fahrlässig drauf.“

Auch die Zeugen gaben eine andere Sicht auf den Angeklagten wider. Da war die ehemalige Lebensgefährtin, die seine Schülerin gewesen und mit 17 Jahren von ihm schwanger geworden war. Wegen häuslicher Gewalt hatte sie den heute 48-Jährigen angezeigt - und mit dem Hinweis, er schaue sich möglicherweise auch kinderpornografische Fotos an, weitere Ermittlungen ins Rollen gebracht. „Er war viel am Computer“, sagte die Frau. „Und ich habe gesehen, dass er Sexseiten draufhatte.“ Kinderpornografie habe sie nicht direkt gesehen, aber der Angeklagte habe bei ihr mit Bekanntschaften junger Frauen aus Thailand geprahlt.

„Anfangs war noch alles gut“, sagte die 30-Jährige. Dann sei es zu Gewalttätigkeiten gekommen. Der Polizei war das Paar, das seit 2008 getrennt lebt und einen gemeinsamen Sohn hat, deshalb damals schon bekannt. Es habe zwei Einsätze wegen häuslicher Gewalt gegeben, sagte ein Beamter der Frankenberger Polizeistation gestern aus. Bei der Vernehmung sei die Frau „äußerst verängstigt gewesen“, sagte der Polizist. Bei der Hausdurchsuchung sei der Mann den Ermittlern gegenüber „arrogant und hochnäsig“ gewesen und habe nicht kooperiert.

Vorwürfe wegen häuslicher Gewalt hatte die Frau auch gegen den Vater eines zweiten Kindes erhoben, sagte sie auf Nachfrage des Angeklagten. Auch dabei war es um Sorgerechtstreitigkeiten gegangen.

„Er hat offen erzählt, er wäre sexsüchtig“, sagte eine Zeugin, die das Paar näher kannte und deren Kind bei dem Angeklagten in die Schule ging. „Er hat allen alles erzählt. Er war jemand, der sich alles von der Seele geredet hat.“ Unter anderem sei er als Kind im Internat vergewaltigt worden. Er habe immer eine Unschuld beteuert „und gesagt, er wolle einen Kinderporno-Ring sprengen“.

Zwei Fortsetzungstermine

Das Verfahren erstreckt sich über Jahre: Schon 2007 war die Wohnung des Mannes durchsucht worden. Einen Strafbefehl akzeptierte der Angeklagte nicht: Er versucht, seine Unschuld zu beweisen. 2010 wurde eine Verhandlung kurzfristig abgesagt. Gegen eine Staatsanwältin war eine Dienstaufsichtsbeschwerde eingereicht worden. Außerdem soll der damalige Anwalt des Lehrers unerlaubt die Festplattendaten von sichergestellten Computern des Mannes kopiert haben, um eigene Gutachten in Auftrag geben zu können.

Wegen dieser langen Dauer beantragte der Pflichtverteidiger des Angeklagten gestern die Einstellung: Es widerspreche dem Recht des Angeklagten auf ein schnelles Verfahren. Richterin Hülshorst wies den Antrag zurück. Die Verzögerung sei aber im Falle einer Verurteilung in der Strafzumessung zu berücksichtigen. Zum Teil sei die Verzögerung aber auch dem Verhalten des Angeklagten zuzuordnen.

Ein Urteil wurde gestern nicht gesprochen. Es gibt zwei öffentliche Fortsetzungstermine am morgigen Donnerstag und am Freitag, 22. November, jeweils ab 9 Uhr. Dann soll der Gutachter ausführlich zu Wort kommen - unter anderem geht es um die Frage, ob die auf den Computer gefundenen Daten überhaupt angeschaut werden konnten.

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