Löhlbach

Leinen – die weiße „Seide des Nordens“

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- Haina-Löhlbach (gf). Noch vor 100 Jahren trugen die Nordhessen überwiegend Kleidung aus handgewobenen Leinen, die aus Stoffballen geschnitten wurde. Elke Landau bewahrt einen elf Meter langen Leinenballen aus dieser Zeit auf.

Den imposanten Ballen hat Landau von ihrer 87-jährigen Mutter bekommen, die ihn wiederum als junge Frau von ihrer Schwiegermutter erhielt. „Gewebt habe ich in meiner Jugend nicht mehr, aber ich habe viele Handarbeiten gemacht. Im Winter war mir nie langweilig“ erinnert sich die betagte Seniorin. Schon in ihrer Kindheit wurde das Leinen immer mehr von Baumwolle verdrängt und verlor seine einstige Bedeutung. Schließlich war mit der Herstellung des Leinens aus Flachs ein ungeheurer Arbeitsaufwand verbunden.

An die verwendeten Rohstoff erinnert noch heute die hellgraue Farbe des alten Ballens – er besteht aus den Stängeln der Flachspflanze, die seit Jahrtausende in Europa angebaut wurde. Dessen zarte Blüte verwandelten damals die Äcker in blaue Blütenteppiche. Erst nach vielen Arbeitsgängen konnte aus der Faser ein Faden versponnen werden, der dann verwoben werden konnte. Diesen Aufwand will Elke Landau mit dem noch vorhandenen Ballen nicht fortführen. Sie zeigt eine der weißen Tischdecken, den ihre Mutter aus einem ähnlichen Ballen gefertigt hat und sagt: „Wenn ich mich irgendwann entschließe, aus meinem Leinenballen etwas herzustellen, kommt er ein paar mal in die Waschmaschine, bis er weiß ist.“

Die Geschäftsfrau begeistert sich seit 20 Jahren für das alte Textil: „Beim Ortsjubiläum in Rennertehausen sah ich damals eine Ausstellung über Leinen. Da habe ich gemerkt, wie faszinierend der teils unregelmäßige, handgewobene Stoff doch ist und mit welchem Aufwand meine Vorfahren ihr Handwerk versahen. Ich erinnerte mich an die Ballen, die bei meiner Mutter noch im Schrank lagen.“ Von anderen Frauen im Dorf erlernte Emilie Wickert dann das Häkeln von Spitze.

Leinen gehörte noch im 19. Jahrhundert neben Holz, Ton und Eisen zu den vier wichtigsten Werkstoffen. Erst die Technisierung und der Import von Baumwolle verdrängte das Textil. Heute spielt der Flachsanbau zur Gewinnung von Leinen kaum noch eine Rolle. Doch die Eigenschaften der „Seide des Nordens“ werden noch immer geschätzt. So ist Leinen aufgrund seines typischen, etwas knittrigem Aussehens auch in der Modewelt wieder beliebt.

Mehr lesen Sie in der FZ vom Donnerstag, 27. Oktober

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