Willersdorfer Familien Eckel und Grauling nahmen mehr als 200 Kinder bei sich auf

Mit Liebe und Herzblut betreut

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Frankenberg-Willersdorf - Es ist zu ihrer Lebensaufgabe geworden: 199 Kinder aus Waldeck-Frankenberg hat Brigitte Eckel in 22 Jahren zur Pflege bei sich aufgenommen. Tochter Sabine Grauling führt diese Aufgabe weiter.

Immer wieder fragen Sozialarbeiterinnen des Jugendamts bei Brigitte Eckel telefonisch an, ob sie sofort ein Kind bei sich aufnehmen könne. Ihre Antwort lautet eigentlich immer „Ja“. Allerdings bittet sie noch um zehn Minuten Zeit - so lange braucht sie nämlich, um Waffeln zu backen. Die herzförmige Süßspeise bekommt das Kind gleich bei seiner Ankunft. Dies versinnbildlicht: Du bist willkommen.

„Ich gebe dem Kind eine Waffel in die Hand und lasse es erst einmal über den Hof laufen“, sagt Brigitte Eckel. So habe es die Möglichkeit, in seinem neuen Zuhause - auch emotional - erst einmal anzukommen. Dem Kind dieses Gefühl zu ermöglichen, sei immer wieder eine Herausforderung, berichtet die 66-Jährige. „Aber gerade diese Herausforderung reizt mich an meiner Aufgabe.“

Eckel bietet schon seit 22 Jahren eine sogenannte Vollzeitpflege und seit etwa 15 Jahren eine „Bereitschaftspflege“ an. Bereits 199 Kinder hat sie mit ihrem Ehemann Heinz bei sich aufgenommen, sie kommen fast ausschließlich aus dem Kreis. Sie können aus unterschiedlichen Gründen für eine bestimmte Zeit nicht bei ihren Eltern leben.

Fünf Kinder haben die Eckels in Vollzeitpflege großgezogen. Das bedeutet, dass die Mädchen und Jungen nicht in ihre Herkunftsfamilien zurückkehren konnten, sondern bei Eckels geblieben sind. Zwei von ihnen, die heute 18-jährige Betta und der 24-jährige Marcel, leben immer noch auf dem Hof in Willersdorf. Dort wohnt auch Eckels Tochter Sabine Grauling mit ihrem Ehemann Norman, ihrer zweieinhalbjährigen Tochter Jule und ihren Pflegekindern: dem zehnjährigen Adnane, der zweijährigen Alina, der achtjährigen Claudia und dem zwölfjährigen Lucas.

Betreuung ohne Dienstende

„Ich bin damit aufgewachsen, dass immer Pflegekinder bei uns gewohnt haben. Es ist auch die Lebensaufgabe für meinen Mann und mich geworden“, sagt die 34-jährige Heilpädagogin. Sie nimmt bereits seit zehn Jahren Pflegekinder in Vollzeit bei sich auf, die meisten mit sonderpädagogischen Bedürfnissen. Sie hat sich bewusst gegen eine Arbeit mit Dienstende entschieden: „Ich möchte für die Kinder komplett da sein.“

Die Familie Eckel traf vor 22 Jahren gemeinsam die Entscheidung, Kindern ein neues Zuhause zu bieten - Brigitte, Heinz, Sabine sowie die beiden Söhne Klaus und Ralf. Doch bereits acht Jahre zuvor hatte Brigitte Eckel schon einmal mit dem Gedanken gespielt. Damals wurde sie auf eine Annonce in der Frankenberger Zeitung aufmerksam, dass der Kreis Pflegeeltern suche. Doch die Zeit sei noch nicht reif gewesen, „es passte einfach noch nicht“.

1990 suchte Eckel nach einer beruflichen Tätigkeit. Beim Arbeitsamt erhielt sie die Empfehlung, Tagesmutter zu werden. Am 6. Dezember war es schließlich so weit: Vier Kinder im Alter zwischen einem Jahr und vier Jahren blieben tagsüber bei den Eckels - einer von ihnen war Marcel. Einmal begleitete Brigitte Eckel eines der Mädchen in ihre künftige Pflegefamilie - im Behördendeutsch „familienanaloge Kleinsteinrichtung“, genannt. Das war der entscheidende Punkt für sie: „Ich sah die neun Kinder auf der Treppe stehen, die das Mädchen in Empfang nahmen, da war mir klar: Das ist es!“

Für die Entscheidung, Pflegekinder aufzunehmen, habe es nur noch eines Anschubs bedurft, sagt Eckel und erinnert sich an die Worte der damals zuständigen Sozialarbeiterin beim Frankenberger Jugendamt, Renate Oberlies. „Sie hat die Familie entdeckt und wusste gleich, dass sie dafür geeignet sind“, ergänzt Carmen Debus-Schäfer, die heute als Sozialarbeiterin für Pflegekinder zuständig ist.

Konkurrenzlose Akzeptanz

Debus-Schäfer kennt die Familie und Brigitte Eckels Stärken schon seit 22 Jahren: „Sie ist mit Liebe, Leidenschaft und Herzblut dabei. Sie ist mütterlich, ohne eine Konkurrenz darzustellen.“ Eckel betont, dass es ihr wichtig sei, den leiblichen Eltern ihre Wertschätzung zu vermitteln. „Ich nehme sie so an, wie sie sind. Es gibt bei uns kein Abstempeln, nur Akzeptanz.“

Ihre Stärke sieht Brigitte Eckel auch darin, „dass alle Familienmitglieder dahinterstehen“ - etwa ein Onkel, der Nachhilfeunterricht gibt, oder eine Tante, die aushilfsweise wäscht oder Socken stopft. Die gute Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern des Jugendamts sei ebenfalls von großer Bedeutung - ebenso wie die große Akzeptanz der Willersdorfer, die ihre Pflegekinder in die Dorfgemeinschaft eingliedern. Sabine Grauling sagt begeistert: „Die Kinder gehören einfach dazu.“

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