Frankenberg

Liebestolle Engländer mit Mordmotiven

- Frankenberg (rou). Wer hat gemordet? Zwei Akte lang rätseln die Zuschauer über diese Frage. Eine andere Denkaufgabe stellt sich vier Akte lang: Wer hat eigentlich wen und mit wem betrogen? Eines steht nach der Premiere am Samstag in der Ortenbergschule eindeutig fest: Die Aufführung der Komödie Frankenberg ist äußerst sehenswert.

Ob es am rauen englischen Wetter, oder doch am rauchigen, holzigen schottischen Whisky liegt? Von irgendetwas scheinen die Menschen in Mittelengland beeinflusst zu sein. Vielleicht ist es auch nur die Langeweile in diesem gottverlassenen Nest in der Grafschaft Devon, die die Menschen auf teils frivole Trampelpfade führt. Im Café „Globetrotter“ treffen jedenfalls sehr spezielle Charaktere aufeinander. Da ist die gutbürgerliche Hazel Graham (Sabine Eckel), die gemeinsam mit ihrem sechs Jahre jüngeren und vielleicht aus diesem Grund noch liebestollen Ehemann Steve Graham (Karl-Willi Hirth) das kleine Lokal führt. Auf einen Tee kommt das vom jahrzehntelange Zusammenleben gezeichnete Ehepaar Xantippe (Conny Buß) und John Paul William (Thomas Rampe) vorbei, das Lust nur noch beim gemeinsamen Golfen empfindet. Dieses Problem ist Charly Whalen (Holger Eckel) hingegen völlig fremd. Wenn er dürfte, wie er könnte, würde der Naturbursche seinem Urtrieb permanent freien Lauf lassen. Doch Hausmädchen Miriam (Rebekka Jilg) gibt sich genügsam: Ihr genügt das Techtelmechtel mit dem Hausherren. Und so bleibt dem Schwerenöter nichts anderes übrig, als seine selbstverliebte und mit Modelmaßen beschenkte Gespielin Penelope (Daniela Engelhardt) mit seinen animalischen Fähigkeiten zufriedenzustellen. Betrogener Dorfdoktor Glücklich, das ist Dr. Fitzpatrick (Harald Hörl) schon lange nicht mehr. Warum? Na, warum wohl? Auch seine Frau Ruth hat sich aus lauter Langeweile eine erotische Nebenbeschäftigung gesucht. Erst hat sie sich die Zeit mit dem noch jugendlichen Sohn von Mrs. Allen (Gabriele Heinz) vertrieben, dann Zuneigung von Steve Graham erfahren. Dafür soll der untreue Cafébesitzer bluten, hat der gehörnte Dorfarzt entschieden. Doch erwürgt wird plötzlich jemand anderes: Dr. Fitzpatricks Frau. Ein Fall für Kommissar William (Peter Höhl), der die Ermittlungen zur Chefsache erklärt und Inspektor Morgan (Harald Rudolph) und Bobby Grey (Karl Heinz Balz) zu Statisten degradiert. Doch die Aufklärung gestaltet sich schwieriger als zunächst gedacht, denn Grund oder Lust auf Morden hätten alle, die einen Fuß in das Café „Globetrotter“ setzen. Komödie ist gewachsen Fast zweieinhalb Stunden lang sind die Premierenzuschauer am Samstag in der Aula der Ortenbergschule Zeugen des erotischen Kriminalfalls, der Spannung und zugleich kurzweilige Unterhaltung bis zum Fall des Vorhangs bietet. Daran hat vor allem Regisseur Peter Höhl maßgeblichen Anteil. Denn der bekennende Freund des englischen Humors und des britischen Lebens hat bei der Stückauswahl und der Rollenbesetzung wieder einmal Sachverstand bewiesen. In der „Praxis der Liebe“ von Alexander Adkinson treten nur Figuren auf, die von den Darstellern der Komödie Frankenberg auch überzeugend gespielt werden können. Dies hat zur Folge, dass die Zuschauer eine geschlossene Mannschaftsleistung sehen – und dies trotz der unterschiedlich langen Bühnenerfahrung. Denn das Festspiel „Die Bürger von Frankenberg“ im vergangenen Jahr hat dem Ensemble weiteren Zuwachs beschert: quantitativ und qualitativ. Die Neuen tun der Komödie jedenfalls gut: allen voran Daniela Engelhardt. Sie kann, das zeigte der Auftritt am Samstag, Rollen spielen, für die es bisher in der Gruppe keine Idealbesetzungen gab. Aber auch Thomas Rampe, Karl Heinz Balz und Harald Rudolph sind eine Bereicherung für die Komödie Frankenberg, die ihr schauspielerisches Niveau Jahr für Jahr weiter zu steigern vermögen. Aus der einstigen Theater-AG der Ortenbergschule ist inzwischen eine nahezu auf professionellem Niveau arbeitende Theatergruppe geworden, die ebenso viele gute Darstellerinnen wie Darsteller hat – und vermutlich deshalb eine große Fangemeinde, wie die ausverkaufte Premiere und der gestrige „High Tea“ beweisen. Ohne Frage, die Aufführung bringt Publikumslieblinge hervor. Dies liegt aber weniger an den Darstellern, weil alle ihre Aufgaben ausgesprochen gut erfüllen, als vielmehr an den Figuren, die das Stück bietet. Nur jeweils kurze Auftritte haben Conny Buß und Thomas Rampe als altes Ehepaar. Doch die beiden erhalten mit den meisten Applaus vom Publikum, dem der schwarze englischen Humor gefällt. Ein Beispiel: „Ist der Golfball gut getroffen, kannst du auf eine Leiche hoffen.“ Exzentrisches Liebespaar Bejubelt werden auch Holger Kraus und Daniela Engelhardt, die zu keiner Sekunde aus der Rollen des exzentrischen Liebespaares herausfallen. Wie aus der Vergangenheit gewohnt souverän sind die Auftritte von Karl-Willi Hirth und Harald Hörl. Sie verinnerlichen auch in der „Praxis der Liebe“ wieder die Charaktere ihre Figuren, was sich in einer Konstanz in ihrem Spiel ausdrückt. Keine Geste, keine Betonung ist zufällig, jede Aktion von Bedeutung für die Handlung. Und das im Fall von Harald Hörl als Dr. Fitzpatrick die gesamte Spieldauer über. In die Reihe der Stützen und damit zu Gabriele Heinz aufgestiegen ist Sabine Eckel. Ihre Figur der Hazel Graham ist permanent präsent, dafür fehlt es an Ecken und Kanten: feinfühlig und von Selbstzweifeln behaftet, so ist die Rolle angelegt. Doch diese komplexe Aufgabe, weil feine Gesten schwieriger zu spielen sind als exzentrische Ausbrüche, erfüllt sie perfekt. Das Hausmädchen Miriam stellt sich als Paraderolle von Rebekka Jilg heraus, die glaubhaft unschuldig daherkommt. Schuld sind in ihren Rollen als Polizisten auch Harald Rudolph und Karl Heinz Balz – und zwar an allem, was nicht so läuft, wie es sich der von Peter Höhl gespielte Kommissar William vorstellt. Vor allem der Dorfpolizist Grey ist so trottelig und unterwürfig, wie sich der Zuschauer einen „Bobby“ in einem englischen Krimi vorstellt. In jedem dieser Hitchcock-Filme könnte auch der schauspielende Regisseur der Komödie Frankenberg mitmischen, so gut war die Leistung am Samstag. Im dritten und vierten Akt mimt Höhl den Lollis lutschenden Chefermittler, der der einzige zu sein scheint, dem das raue englische Wetter oder der holzige Whiskey nicht zugesetzt haben. Ein sehenswerter Auftritt. Weitere Möglichkeiten, sich davon zu überzeugen, bestehen am Freitag und Samstag jeweils um 19.30 Uhr in der Aula der Ortenbergschule. Die Karte kostet neun Euro. Vorverkaufsstellen sind die Buchhandlung Jakobi, Foto Hörl, die Ortenbergschule und Edeka Wiskemann. Zum Ensemble gehören außerdem Souffleuse Larissa Blank, Techniker Thomas Beuermann, die für das Bühnenbild verantwortlich zeichnende Heike Höhl und Tatjana Müller-Röhse (Maske).

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