Literarischer Frühling: Hans Magnus Enzensberger und Jochen Bittner diskutierten in der Bärenmühle

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Zwei Generationen im Gespräch: Der aus Frankenberg stammende ZEIT-Redakteur Jochen Bittner (links) erörterte im Landhaus Bärenmühle beim „Literarischen Frühling“ mit dem zeitkritischen Schriftsteller Hans-Magnus Enzensberger die Luxusgüter der Zukunft. Foto: Völker

Ellershausen. Zwei Generationen trafen am letzten Tag des Festivals „Literarischer Frühling“ im Landhaus Bärenmühle zusammen, um gemeinsam über den „wahren Luxus des Lebens“ nachzudenken: Hans Magnus Enzensberger (geboren 1929 in Kaufbeuren), einer der herausragendsten Autoren und zeitkritischen Kommentatoren der deutschen Nachkriegszeit, und Jochen Bittner (geboren 1973 in Frankenberg), politischer ZEIT-Redakteur und anerkannter Sachbuchautor.

Es entspann sich, ungeachtet des Altersunterschiedes, zwischen ihnen ein ebenso gebildeter wie sympathischer Diskurs.

Jochen Bittner hatte sich auf seinen Gesprächspartner sehr genau vorbereitet, kannte dessen Vita, seine provokanten Schlagzeilen ebenso wie seine literarischen Verdienste, und er verstand es, ganz nebenbei auch ein paar persönliche Charaktermerkmale Enzensbergers sichtbar zu machen: seinen Humor, seine Arbeitsweise, sein Verhältnis zur Natur, seinen individuellen Umgang mit den Medien und dem digitalen Zeitalter. Der 84-jährige Lyriker stieg darauf sichtlich vergnügt und mit selbstironischer Reflexion ein.

„Wer ein Mobiltelefon besitzt, werfe es weg!“ hatte er vor ein paar Tagen in der FAZ unter der Überschrift „Wehrt euch!“ gefordert. Er selbst besitze gar keins, gestand Enzensberger, während ihm der ZEIT-Journalist seinen unverzichtbaren Umgang mit Handy und Kreditkarte beim kürzlichen Arbeitsbesuch in der Ukraine schilderte. Auf Bittners Frage nach persönlichem Luxus „Sammeln Sie Autos?“ antwortete Enzensberger: „Ich habe gar keinen Führerschein.“ Ihm gefalle es, mit Tram und Zug zu reisen und dabei die Gesellschaft zu beobachten. Seine E-Mails (er nennt sie „Strompost“) kontrolliere er auch nur alle drei Wochen.

Sehr ernsthaft machte Hans Magnus Enzensberger deutlich, dass er unter dem Luxus der Zukunft den Abschied vom Überflüssigen und die Hinwendung zu elementaren Lebensvoraussetzungen, die nicht künstlich herstellbar seien wie Zeit, Aufmerksamkeit, Raum, Ruhe und saubere Umwelt, verstehe. „Auch die Abwesenheit von Lärm ist ein Luxus.“ Darauf Jochen Bittner, vom stillen Lengeltal sichtlich beeindruckt: „Die Bärenmühle kommt da schon nah’ ran!“

Mit etwas Neid stellte der junge Redakteur fest: „Sie gehören zu der Generation, die nach dem Zweiten Weltkrieg den Luxus von Zeit und Raum noch hatte.“ Und der Senior zählte ihm sofort auf, dass es Worte wie „Klimawandel“ oder „Arbeitsmarkt“ damals noch nicht gab. Einfachheit und Zeitsouveränität hätten für ihn heute wieder luxuriöse Aspekte.

Nach einer Stunde erinnerte Hans Magnus Enzensberger daran, dass er „von Beruf ja eigentlich Dichter“ sei, zückte sein jüngstes Werk „Blauwärts“ und las, bei offener Balkontür und Amselschlag von draußen, drei Gedichte mit epischer Eleganz und sensibler Metaphorik vor. Seine Zuhörer applaudierten: Für sie der wahre Luxus.

Quelle: HNA

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