Juilliard String Quartet in Frankenberg

Magie aus der Saite

+
Schönklang zum Schluss: Joseph Haydns Adagio e cantabile aus den russischen Quartetten Opus 33,5 rundete als Zugabe das Gastspiel des Juilliard Quartet ab.

Frankenberg - Mit konzentrierten Meisterwerken der Moderne und Franz Schuberts Streichquartett "Der Tod und das Mädchen" als romantisches Gipfelwerk gastierte das Juilliard String Quartet im Rahmen des Kultursommers Nordhessen in der Liebfrauenkirche.

Das mittlerweile dienstälteste Streichquartett, das sich traditionell der Moderne verpflichtet fühlt, widmete die erste Hälfte den frühen vom Aufbruch und Ausbruch aus der Romantik geprägten Jahren der zweiten Wiener Schule.

Zum Auftakt erklangen Anton von Weberns „Fünf Sätze für Streichquartett op. 5“, expressionistische Miniaturen mit zahlreichen nahtlosen Wechseln zwischen unterschiedlichen, seinerzeit experimentellen Stil- und Ausdrucksmitteln auf engstem Raum. Besonders eindrucksvoll wirkte diese Ballung in „Heftig bewegt“. Im ersten Satz folgten Presto-Pizzicato, starkes Vibrato und mulmig klingende Bogenstriche im Adagio-Tempo unmittelbar aufeinander binnen einer guten Minute, ehe die nächste Pizzicato-Partie folgte. Mit fahlem Strich eröffnete Bratschist Roger Tapping „Sehr langsam“, eine moderne Mondscheinmusik mit einem Hauch von Melodie für Primarius Joseph Lin über den Begleitstimmen seiner Kollegen, aus deren Reihen sich Cellist Joel Krosnick mit einem Pizzicato-Solo löst. Der Wechsel von schnellen Läufen für die erste Geige und Bratsche mit Pizzicato prägt den eingängigsten Satz „Sehr bewegt“, eine Art Scherzo, in seiner Einfachheit gewissermaßen das Gegenstück zum dritten Satz des Schubert-Quartetts. „Sehr langsam“ mit seiner Melodie für die erste Geige in Zeitlupe markiert dagegen mit dem Beinahestillstand den denkbar größten Gegensatz zum gerade Gehörten. Starke Binnenkontraste prägen die Eröffnung des Final-Satzes „In zarter Bewegung“, denn auf den satten Eröffnungsstrich des Cellos folgt die gehauchte Antwort des Trios als Anlauf zu einem gewaltigen Crescendo-Flirren. Rund zwanzig Minuten Musik, die dem Zuhörer so viel Aufmerksamkeit abforderte wie eine ganze Sinfonie von Gustav Mahler - dank der Erfahrung des Juilliard Quartet und seiner interpretatorischen Qualitäten blieb jeder noch so rasche Wechsel und jeder Schritt in der überaus dichten Komposition für die Zuhörer nachvollziehbar.

Das in freier Atonalität komponierte Streichquartett opus 3 von Alban Berg erwies sich anfangs dagegen als Hörerlebnis mit wenig Fluss mit einer eher vertikalen als linearen Entwicklung in „Langsam“. Der Strich der ersten Geige krönte das Klangmassiv mit Gipfeltürmen, ehe das Kratzen des Cellos, das nahtlos in einen satt ploppenden Zupfton überging, die nächste Phase einleitete, die von starken Spannungsfrequenzen bestimmt war. Im zweiten Satz „Mäßige Viertel“ bestimmte die Rivalität zwischen erster Geige mit ihrem Flirren und Trillern und der aufgeregten Bratsche beziehungsweise der musikalische Dialog zwischen Joseph Lin und Roger Tapping das musikalische Geschehen.

Sprach die erste Hälfte des Programms den Verstand an, so folgte nach der Pause mit Franz Schuberts „Der Tod und das Mädchen“ gewissermaßen die Herzensangelegenheit für viele Musikfreunde und Musiker im Publikum, die sich selbst schon einmal aktiv mit dem d-Moll-Quartett auseinander gesetzt haben. Das Juilliard Quartet setzte vom ersten Unisono-Einsatz des Kopfsatzes auf rein musikalische Werte und vermied jede Düsterkeit oder gar allzu viel Druck. Statt Metaphysik, Schwulst und allzu viel Drama boten die vier Musiker ein vergleichsweise agiles und mit positiver Spannung geladenes Allegro. Zart, beinahe schüchtern auch die Eröffnung des Andante con moto, das an Schuberts Vertonung des Gedichts von Matthias Claudius angelehnt ist. Bei vielen anderen Interpretationen des zweiten Satzes schwingt im Dialog der ersten Geige mit dem Resttrio ein mehr oder minder spürbarer Hauch von Verzweiflung im Dialog mit dem Unerbittlichen oder Unausweichlichen mit. Derartige Hörerwartungen enttäuschen Joseph Lin und seine Mitspieler, der Primarius spielt seinen Part eher schwelgerisch und kostet die lieblichen Wendungen scheinbar ahnungslos aus, erst ganz zuletzt mischt sich ein düsteres Cellogrummeln unter die eitlen Verzierungen der ersten Geige. Ein subtiles memento mori bei letzter Gelegenheit. Bietet das kurze „Scherzo Allegro molto“ den Musikern vergleichsweise wenig Gelegenheit, sich von anderen Interpreten abzusetzen, so erweist sich das Finale „Presto“ als große Herausforderung in Sachen Nuancierung, denn in seinen schier endlosen Schluss-Sätzen spielt Schubert gern sämtliche dynamischen Zustände durch, weniger versierte Interpreten produzieren da schon mal Leerlauf. Angesichts der hochgradig differenzierten ersten Hälfte des Programms gab es in diesem Punkt kaum Bedenken. In Sachen musikalischer Energiefluss geriet das „Presto“ zum ganz großen Finale, das bei den Zuhörern den lebhaften Wunsch nach mehr weckte.

Bei anderer Gelegenheit neckte oder stresste das Juilliard Quartet die Zuhörer mit einer ganzen Reihe von modernen Sätzen als Zugaben, in der Liebfrauenkirche gab es stattdessen mit Joseph Haydns Adagio e cantabile als älterer, komplett sorgenfreier Schwester des Mädchens eine Zugabe zum Zurücklehnen und Schwelgen für rundum begeisterte Zuhörer.

Kommentare