Frankenberg

Mann wegen Volksverhetzung vor Gericht

- Frankenberg (jos). Der 50-jährige Angeklagte gab vor Gericht zu, dass er die Kinder seines pakistanischen Nachbarn beschimpft hat. Ausländerfeindlichkeit lasse er sich aber nicht nachsagen.

Nach Aussage des Vaters der pakistanischen Familie währt der Konflikt mit dem Angeklagten schon länger. Am Abend des 10. Juli kommt es zur Eskalation: Nachdem die Fußballnationalmannschaft das WM-Spiel gegen Uruguay gewonnen hat, feiern die drei Töchter der pakistanischen Familie genau wie viele andere Menschen in Allendorf den Sieg des deutschen Teams. Ausgelassen toben und jubeln sie auf der Straße und im Hof. Bis der 50-jährige Nachbar gegen 22.50 Uhr nach draußen kommt und die Kinder so laut anschreit, dass es mehrere Anwohner hören können. Als „Kanaken“ und „scheiß Ausländer“ soll der Mann die Mädchen laut Anklage beschimpft haben. Außerdem soll er gesagt haben, sie alle seien Terroristen. Zum Schluss habe der Angeklagte die Familie bedroht: „Ihr seid alle tot“, soll der Mann gerufen haben.

Vor Gericht gibt der Angeklagte zu, dass er die Kinder beschimpft hat. An den Wortlaut könne er sich aber nicht mehr erinnern. Er habe in dieser Zeit täglich sieben bis zehn Liter Bier getrunken – auch an diesem Abend habe er „reichlich“ Alkohol konsumiert.„Lärmbelästigung“

Die Kinder seien eine „unheimliche Lärmbelästigung“ gewesen, sagt der Mann. Wegen der Ruhestörung sei er auf den Hof gegangen und habe die Mädchen beschimpft. „Meine Eltern gehen früh ins Bett“, erklärt der Angeklagte. Ausländerfeindlichkeit lasse er sich nicht nachsagen und Volksverhetzung auch nicht. „Ich bin doch kein Rechtsradikaler“, betont der gelernte Erzieher. Seinen letzten Job bei einem Handwerksbetrieb hat der Mann laut Richterin Andrea Hülshorst gekündigt, weil er nach Kanada auswandern wollte. Warum er dies nicht getan hat, wird in der Verhandlung nicht thematisiert. Der 50-Jährige gibt lediglich an, dass er bei seinen Eltern lebe und sich durch Taschengeld von seiner Mutter finanziere.

Stolz berichtet der 50-Jährige, dass er schon seit dem 28. Dezember keinen Tropfen Alkohol mehr getrunken habe. An diesem Tag ist ein Haftbefehl gegen den Mann ergangen, der sofort vollstreckt wurde. Bis zum 4. Januar hat der Arbeitslose daraufhin in der Krankenstation der Justizvollzugsanstalt Kassel eingesessen. Dort habe er an einem medikamentösen Alkoholentzug teilgenommen, berichtet der Mann. Lachend erklärt der Angeklagte dem Gericht, dass eine weitere Sucht- und Drogenberatung nicht nötig sei.

Das sehen Richterin Hülshorst und die Vertreterin der Staatsanwaltschaft anders. Hülshorst ordnet an, dass der Mann im nächsten halben Jahr mindestens drei Gespräche bei einer Beratungsstelle wahrnehmen muss. Das Verfahren gegen den 50-Jährigen stellt die Richterin allerdings vorläufig ein – mit der Auflage, dass der Angeklagte an einem Täter-Oper-Ausgleich mit der pakistanischen Familie teilnimmt. Das bedeutet, dass es mehrere Termine mit Sozialpädagogen der Marburger Jugendkonflikthilfe geben muss.

Die Vertreterin der Staatsanwaltschaft stimmt diesem Plan der Richterin nach eigener Aussage „nur mit Bauchschmerzen“ zu. Eigentlich hätte sie den Angeklagten wohl gerne verurteilt gesehen. Doch Richterin Hülshorst erklärt, ihr sei daran gelegen, dass das nachbarschaftliche Verhältnis wieder in Ordnung kommt. Vor allen Dingen nachdem der Familienvater erklärt hat, dass sich seine Kinder aus Angst vor dem Nachbarn nicht mehr nach draußen trauen. Im Dezember hatte der arbeitslose Erzieher die Familie nach Angaben des Vaters ein weiteres Mal mit dem Tode bedroht. Daraufhin ist der Haftbefehl erlassen worden – wegen des Versuchs, Einfluss auf Zeugen zu nehmen.

Nachdem Richterin Hülshorst die Verhandlung für beendet erklärt, steht der Angeklagte auf und reicht seinem pakistanischen Nachbarn die Hand. „Ich möchte mich bei Ihnen entschuldigen“, sagt der 50-Jährige. Dann umarmt er den Mann, der sichtlich verdutzt ist. Seine theatralische Geste kommentiert der 50-Jährige mit den Worten: „Es ist ernst gemeint.“ Zur Richterin gewendet sagt der Mann: „Nicht, dass Sie denken, das ist ein Schauspiel.“

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