Rengershäuser schreibt einen Roman

Mehr als ein Lehrer

Der ehemalige Rengershäuser Thomas Gersch hat mit „Die schützende Nacht“ einen Liebesroman geschrieben.Foto: Winterberg

Winterberg/Rengershausen - "Meinem geschätzten früheren Schüler mit besten Wünschen und schönen Erinnerungen an unsere gemeinsamen 80-er Jahre am Gymnasium Winterberg." Mein damaliger Philosophie-Lehrer Thomas Gersch, bis vor wenigen Wochen ein Rengershäuser, hat ein Buch geschrieben.

Winterberg/Rengershausen. Ein Exemplar mit persönlicher Widmung liegt in dem kleinen Päckchen, das mich einen Tag vor meinem Urlaub per Post erreicht und das im Reisekoffer landet. Thomas Gersch hat mir damit zwei unterhaltsame Lesenachmittage beschert.

Mit großer Erwartung, die nicht enttäuscht wurden, habe ich seinen philosophischen 160-seitigen Liebesroman „Die schützende Nacht“ gelesen. Ein Buch mit wohltuend leisen Tönen und einfühlsamer Sprache, die noch mit Worten Bilder malen kann. Eine Geschichte, die unspektakulär ist und doch zu Herzen geht. Eine Love-Story über eine verbotene Beziehung zwischen Lehrer und Schülerin. Ein philosophischer Schnell-Exkurs, der mehr Lust macht, über das Leben, seinen Sinn, das Wesentliche und die Kraft der Liebe nachzudenken.

Erzählt wird die Geschichte einer sich zart anbahnenden Freundschaft zwischen Philo-Lehrer Paul Eichner und der intelligenten und aufgeweckten Schülerin Dana Jannowitz. Aus dem gemeinsamen Interesse an der Philosophie wird mehr als eine platonische Liebe. Aber auch mehr als blankes körperliches Verlangen. Eindrucksvoll schildert Gersch die innere Zerrissenheit der beiden Charaktere mit hohen moralischen Selbstansprüchen, zwischen dem Wunsch nach dem Verbotenen, zwischen Gefühl und Verstand. „Liebe und Tod sind die großen Themen der Literatur. Eine Liebesgeschichte ist immer interessant. Wenn sie aber in einem schwierigen, heiklen Umfeld angesiedelt ist, ergibt das eine zusätzliche Dimension, die für Spannung sorgen kann“, argumentiert Thomas Gersch. Und das tut sie.

„Die schützende Nacht“ ist aber nicht nur ein fiktiver Roman. Nach 35 Jahren im Schuldienst muss der 62-jährige Philosophie- und Englischlehrer nicht lange recherchieren, um Einblicke in den Gymnasialalltag zu gewähren, die über das Klischeehafte hinausgehen. „Das Schulmilieu ist für mich wie ein Steinbruch, aus dem ich unermüdlich schöpfen kann“, sagt Gersch. Nicht nur zwischen den Zeilen spürt der Leser, dass der Roman auch eine leise Kritik an negativen Entwicklungen im Schulsystem ist. „Verkürzte Schulzeit, Zentralabitur, Kompetenzorientierung statt Vermittlung von Inhalten - durch all das verkommt der Unterricht oft zu einem Training für Prüfungen“, klagt Thomas Gersch an.

Viele autobiografische Züge

Verständlicherweise hat der Roman jede Menge autobiografischer Züge. Wer Schüler am Geschwister-Scholl-Gymnasium in Winterberg war, wo Gersch lehrt, wird in manchen Personen Eigenarten von Lehrern erkennen. Dort ist bekannt, dass Gersch - wie seine Hauptfigur im Roman - ein offenes und freundschaftliches Verhältnis zu seinen Schülern pflegt. Der Umgang, das Gespräch mit ihnen ist eine Art Lebenselixier für ihn.

Er trifft sich mit den jungen Menschen nach dem Unterricht zu philosophischen Arbeitsgemeinschaften, spielt Fußball mit ihnen, hat in einer Schüler-Lehrer-Rockband gesungen, macht im Winter gerne Langlauf und liebt die Schönheit der Sauerländer Landschaft. Aber: Nein, das Tabu habe er nie gebrochen. Im wirklichen Leben ist über Freundschaften hinaus nie etwas gelaufen zwischen Pädagoge und Pennälerin. „Ein Krimiautor kann doch auch über einen Serienkiller schreiben ohne selbst gemordet zu haben“, stellt er klar.

Acht Jahre - immer in den Sommerferien ein Kapitel - hat der 62-jährige Englisch- und Philosophielehrer an seinem Erstlingswerk geschrieben. Von Hand, denn sowohl der Protagonist als auch Gersch selbst sträuben sich gegen die Veränderungen des Lebens durch die digitale Revolution. Eine frühere Schülerin hat das Manuskript gegen Honorar eingetippt. Die spätere Korrespondenz zwischen Verlag und Autor lief via Mail über Gerschs Tochter Sarah.

40 Verlagen hatte er übrigens zuvor ein Exposé des Romans geschickt, 40 Absagen hatte er bekommen, was bei noch unbekannten Autoren nicht ungewöhnlich ist. „Eine romantische Liebesgeschichte passt nicht in unsere Zeit. So etwas sinkt heute in den Bereich des Trivialen ab“, hat ihn die Antwort eines Lektors maßlos geärgert und zugleich angespornt. „Ich wollte zeigen, dass das Unsinn ist.“ Ein Verlag in Österreich hat das Buch schließlich herausgebracht.

Und das ist gut. So ganz nebenbei vereint die kleine Geschichte auch sprachlich ganz unterschiedliche Stilformen wie Kurzgeschichte, Gedicht oder Wort-Collage. Wie geht die Beziehung der Protagonisten nun weiter? Hat die Liebe zwischen Lehrer und Abiturientin eine Zukunft? Jetzt im Herbst habe ich noch einmal Urlaub. In meinem Koffer wäre noch Platz für Teil zwei. Würde mich freuen...

Gersch liest am Samstag, 25. Oktober, ab 17 Uhr in der Buchhandlung Jakobi aus „Die schützende Nacht“.

von Thomas Winterberg

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