Landgraf Moritz ließ im Jahr 1607 in der Liebfrauenkirche die Handwerker anrücken

Mit Meißelschlägen bestraft

Bestrafte Musikantenengel: Während die Bildersturm-Handwerker ihnen in der Frankenberger Marienkapelle die Gesichter und Hände zerschlugen, blieb das lateinische geschriebene Marienlob, das Dr. Birgit Kümmel hier mit der linken Hand zeigt, unzerstört. Zum Glück konnten sie kein Latein.

Frankenberg. Was hatte der kleine Musikantenengel mit der Geige in der Marienkapelle verbrochen, dass man ihm Hände und Gesicht zerschlug? Und mit ihm wurden 1607 in der Liebfrauenkirche über 80 andere Figuren, Reliefs und Altäre „demoliert“, wie der reformierte Landgraf Moritz der Gelehrte, ein glühender Kämpfer gegen alle „abergläubischen und vom Papstthumb überbliebenen Bilder“ angeordnet hatte.

Schon 1605 hatte Moritz seine „drei Verbesserungspunkte“ erlassen und damit die später so genannte Zweite Reformation eingeleitet. Dazu zählte auch eine Neuordnung der zehn Gebote.

Wie sein Vorbild Jean Calvin, der alle Kultbilder in Kirchen schroff verworfen hatte, führte er das Bilderverbot als eigenes, zweites Gebot auf und leitete daraus mit der Kasseler Provinzialsynode von 1607 den Ikonoklasmus („Bildersturm“) der reformierten Kirche ab.

Während es früher anderswo schon zu unkontrollierten, tumultartigen Aktionen der kalvinistischen Bilderstürmer gekommen war, sorgte Landgraf Moritz in Hessen-Kassel für eine obrigkeitlich geregelte Entfernung der Bildwerke aus den Kirchen. Alle Spuren an Liebfrauenkirche und Marienkapelle deuten darauf hin, dass nach Entlassung der lutherischen Geistlichen der im Mai 1606 eingesetzte reformierte Pfarrer Daniel Angelocrator (Engelhardt) nach der Kasseler Provinzialsynode die Handwerker anrücken ließ.

Gezielt „mutilierten“ sie, das heißt: Sie setzten sie ihre Meißelschläge an Gesichtern, Gliedmaßen und Symbolen an, sie montierten Figuren ab, zerschlugen aber nicht bei allen die Köpfe, sodass Frankenberger Bürger einige Skulpturen bergen und in Sicherheit bringen konnten - zu sehen sind sie heute im Kreis-Heimatmuseum oder im Chorraum der Liebfrauenkirche.

„Die Angriffe auf die Sinnesorgane, Köpfe und Gliedmaßen entsprachen dem damals gebräuchlichen Strafvollzug - so bestrafte man Verbrecher“, sagt die Frankenberger Kunsthistorikerin Dr. Birgit Kümmel, die ihre Dissertation 1995 über den Landgrafen Moritz („Der Ikonoklast als Kunstliebhaber“) geschrieben hat. Da, wo noch Reste der Bilder wie auf der Altarwand der Marienkapelle an ihrem angestammten Platz verblieben sind, wirken die Merkmale der Zerstörung heute „wie Mahnmale“, meint die Kunsthistorikerin.

Bilderfeindliche Kirchenlehre

Mit den leeren Konsolen, den kahlen Wänden, den gezielt mit Hammer und Meißel angeschlagenen Bildruinen sowie den übertünchten Schlusssteinen stand den Kirchenbesuchern nach der mauritianischen Reform die neue, streng bilderfeindliche Kirchenlehre ab 1607 vor Augen. „Die mutilierten Bilder verdammten die katholische und lutherische Bildpraxis und warnten vor einem gegen die biblischen Aussagen gerichteten Bildgebrauch“, sagt Dr. Birgit Kümmel.

Liebfrauenkirche und Marienkapelle hatten nun ihre mittelalterliche Funktion als attraktiver Pilger- und Wallfahrtsort mit Altären und Heiligenbildern endgültig verloren.

Von Karl-Hermann Völker

Quelle: HNA

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