Beil Classic Open Air

Musikalischer Sturm der Lebensfreude

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Vor der beeindruckenden Kulisse des Autohauses Beil spielten beim achten Classic Open Air 122 Schüler der Edertalschule und der Christian-Rauch-Schule.

Frankenberg - Der Rhythmus war am Samstagabend bestimmendes Element im Autohaus Beil. Die Schüler der Gymnasien aus Bad Arolsen und Frankenberg glänzten, Solist Sebastian Etzold erntete Jubelstürme und Günter und Markus Beil durften ihren ganz eigenen Beitrag an einem gelungenen Konzert leisten.

Nach Hans Zimmers jungem Klassiker „Der Fluch der Karibik“ geht wohl jeder Konzertbesucher fasziniert nach Hause. Das Werk ist darauf angelegt, bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Als Schlussakkord ist es deshalb weise gewählt. Es macht aus einem mäßigen Konzert ein gutes. An einem so faszinierenden Abend wie dem achten Classic Open Air im Autohaus Beil ist die Melodie von Captain Jack Sparrow jedoch nur noch die Sahne auf der Torte.

Diese Torte bot tatsächlich für jeden Geschmack etwas: Klassik, Filmmusik, Percussion, Gesang – sogar Titelmelodien von Computerspielen. Die Chefkonditoren Rainer W. Böttcher von der Arolser Christian-Rauch-Schule und Markus Wagener von der Edertalschule taten das Ihre, um das Meisterstück zu garnieren. Nicht nur leiteten sie die 122 Schüler sicher durch den Abend: Hüpfend und eifernd wurden sie selbst Teil des Spektakels, das sich den gut 1000 Besuchern auf dem Gelände des Autohauses Beil bot.

Dass beide Orchester in Hessen zu den besten ihres Fachs gehören, ist bekannt. So war es auch kein Wunder, dass die Schüler die eingeübten Stücke bis auf seltene kleine Schnitzer brillant beherrschten. Böttchers Musiker markierten mit der Ilias den markanten, flammen­knisternden Beginn des Abends. Sie entdeckten Papier als neues Instrument – und erfuhren später beim Einsetzen eines leichten Regens, dass auch das gleichzeitige Überstreifen von 1000 wasserfesten Capes akustisch dem Inferno eines brennenden Troja sehr nahe kommen kann. Mit „Zorbas Tanz“, einem Sirtaki nach Mikis Theodorakis, nahmen sie erstmals den Titel des Abends, „Rhythm of Life“, auf. Im volkstümlichen Crescendo wippte das eine oder andere Bein im Publikum bereits mit.

Den Lebensrhythmus als roten Faden hatten die beiden Dirigenten Böttcher und Wagner geschickt in das Programm geflochten. Der Abend führte neben Griechenland nach Argentinien, Finnland, die „Neue Welt“, Russland und die Karibik. „Weltreise“ jedoch wäre als Thema zu kurz gefasst: Die gewählten Stücke erlaubten einen tiefen Blick in die Seele der Länder – selten melancholisch, meist voller Lebensfreude und Energie. Als Jean Sibelius „Finlandia“ sich aufbaute wie ein Gewitter, und zeitgleich der erste Windhauch des nahenden Schauers das Zeltdach blähte, äußerte sich diese Energie als Gänsehaut.

Die schuf auch der Chor der Edertalschule unter Matthias Müller. Erstmals Teil des Konzertes, gaben sie einen gelungenen Einstand – auch wenn bis zur Perfektion der Klangkörper von Wagener und Böttcher noch ein Stückchen fehlt. Die „One Tone Samba“ ließ an diesem lauen Abend vergessen, dass das Konzert in Nordhessen stattfand, bevor der namensgebende „Rhythm of Life“ erklang.

Das Fehlen eines Genius wie Justus Frantz fiel auf – nicht durch Mangel, sondern durch wohltuende Andersartigkeit. Der preisgekrönte 25-jährige Hannoveraner Simon Etzold ließ Sticks und Schlägel über alles fliegen, was klingt. Innerhalb von Sekundenbruchteilen wechselte der Schlagwerker in seinem Solo vom maschinengewehrartigen Stakkato in das sanfte Tröpfeln eines Wasserhahns. Das Marimbaphon bearbeitete er leichthändig mit vier Schlägeln zugleich – und ließ dabei Bratschistin Stephanie Horn den nötigen Raum, um ihre „Märchenbilder“ entstehen zu lassen. Bescheiden stellte er sich auch in den Dienst einer Percussion-Gruppe.

Den roten Faden des Lebensrhythmus verwob Rainer Böttcher schlussendlich zu einem dichten Knäul der Wonne – perfektioniert im zweitägigen Seminar vergangene Woche: Als mit Dvoráks „Aus der Neuen Welt“ erstmals alle 122 Schüler gemeinsam auf der Bühne standen, hätten die Lautsprecher ausgeschaltet werden können, soviel Druck erzeugten sie. Tschaikowskys „Trepak“ setzten die Schüler gekonnt als rasantes Zwischenstück ein, um dem Publikum schließlich mit Wucht und Elan Artúro Márquez’ „Danzon Nr. 2“ zu servieren.

Die Kirsche auf der Sahne waren die Gastgeber Günter und Markus Beil: Im einsetzenden Regen versuchten sie sich am „Marsch der Nussknacker“, kamen erwartungsgemäß dem Scheitern näher als dem Erfolg – und ernteten dafür viele verständnisvolle Lacher und verdienten Applaus.

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