Gedenken an Pogrom

"Mut und Zivilcourage sind gefragt"

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Mit Bildern und Textdokumenten erinnerten in einem ökumenischen Gottesdienst in der Liebfrauenkirche Pater Norbert Rasim (links) und Pfarrer Christoph Holland-Letz an die Novemberpogrome 1938 in Frankenberg.

Frankenberg - Die Synagoge wird geschändet, Familien belästigt, Eigentum zerstört: Die Pogromnacht hinterließ Spuren in der Region. Der Opfer wurde bei einem Gottesdienst gedacht.

Erschütternde Berichte von Zeitzeugen und Opfern, mahnende Zitate von Martin Niemöller und Richard von Weizsäcker richteten am 10. November in der Liebfrauenkirche die gespannte Aufmerksamkeit von evangelischen und katholischen Christen auf die Ereignisse der Novemberpogrome vor 75 Jahren. „Wir wollen nicht den Mantel des Schweigens und Vergessens über das Unrecht hängen, das damals auch hier in Frankenberg und überall in Deutschland begangen wurde“, erklärte Pfarrer Christoph Holland-Letz, als er gemeinsam mit Pater Norbert Rasim von der katholischen Kirchengemeinde St. Mariae Himmelfahrt einen ökumenischen Gottesdienst eröffnete.

Mehr als 100 Besucher versammelten sich zum gemeinsamen Gedenken in dem Gotteshaus. Eine Tafel mit Dokumentarfotos neben dem Altar, dazu Bildblätter, die jeder Gottesdienstbesucher in den Händen hielt, erinnerten daran, wie in der Nacht vom 9. auf den 10. November von NS-Horden auch die Frankenberger Synagoge im Scharwinkel geschändet, das Schulhaus verwüstet, jüdische Familien misshandelt und bedroht wurden. Mitglieder des Frankenberger Geschichtsvereins und der katholischen Kirchengemeinde lasen dazu beklemmende Schilderungen und Zeugenaussagen vor, die Stadtarchivar Dr. Horst Hecker in seinem Buch „Jüdisches Leben in Frankenberg“ dokumentiert hat.

Dabei wurden die von der NSDAP mit „spontanem Volkszorn“ begründeten Szenen als von langer Hand staatlich organisierte Zerstörungswut entlarvt, Vandalismus und Ausschreitungen gegen jüdische Bürger sowie die Massenverhaftungen der jüdischen Männer am 10. November als politische Machtdemonstration beschrieben. Die über 60-jährigen verschleppten Frankenberger Juden kamen, wie Pater Norbert aus Dokumenten zitierte, „beschleunigt“ aus dem KZ Buchenwald zurück, sobald ihre Angehörigen das Reisegeld bezahlt hatten. Lehrer Ferdinand Stern, der bereits im Frankenberger Amtsgerichtsgefängnis geschlagen worden war, starb in Buchenwald.

Wegschauen oder Widerstand, warum schritt niemand ein? Pfarrer Holland-Letz schilderte das Beispiel des Frankenauer Pfarrers Adolf Kraft, der in der nächsten Konfirmandenstunde nach der Pogromnacht die Geschichte vom barmherzigen Samariter mit einem verunglückten Arier und einem helfenden Juden, der in pflegte, umformuliert hatte. Er wurde in Schutzhaft genommen und musste Frankenau verlassen. Ja, es habe auch Bürger gegeben, die bis zum Schluss heimlich ihre jüdischen Nachbarn unterstützt hätten. „Aber niemand protestierte öffentlich, alle schauten weg, alle schwiegen.“

„Das gute Deutschland“

Verlesen wurde aber auch ein Brief der aus Gemünden mit 13 Jahren vertriebenen Jüdin Ruth Zur, die bei aller Verbitterung die enge Freundschaft mit ihrer Nachbarfamilie Möbus, besonders zwischen ihren Großvätern, „die sich Treue bewahrt hatten in schwerster Zeit“, beschrieb. Das „gute, das wertvolle Deutschland“ sei für sie in diesem Haus lebendig geworden und habe sie den Weg zurück aus Israel nach Gemünden finden lassen. Ruth Zur sprach 1986 bei der Einweihung der Gedenktafel für die Opfer von Gewalt und Terror im Frankenberger Rathaus das Kaddish-Gebet. Sie starb 2009 in Tel Aviv.

In ihr ökumenisches Fürbittengebet bezogen die beiden Geistlichen die Überlebenden dieser Gräueltaten und ihre Familien ein, aber auch jene Menschen und Gruppen, „die sich hier in Deutschland dafür einsetzen, dass die Erinnerung an damals lebendig bleibt, sodass wir heute wachsam auf Antisemitismus reagieren“. Mut und Zivilcourage seien gefragt, „wenn Fremde bei uns beleidigt, angepöbelt oder gar körperlich verletzt werden“.

Mit Improvisationen auf der Böttner-Orgel zwischen den Lesungen reflektierte Kantor Daniel Gárdonyi die bedrückende Atmosphäre der Pogromnächte in aufrüttelnder, tonschöpferischer Intensität. Ruth Piro-Klein vom Frankenberger Geschichtsverein, der den Gedenkgottesdienst mit vorbereitet hatte, überreichte anschließend Pater Norbert für die katholische Pfarrgemeinde das Buch „Jüdisches Leben in Frankenberg“. (vk)

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