Stadt Frankenberg überlässt Gemeinde Burgwald das Löschgruppenfahrzeug „LF 15“ aus dem Jahr 1943

Nach 64 Jahren zurück auf die „Muna“

Das „Diebesgut“ ist nach 64 Jahren wieder zurück in Burgwald: In einer Nacht-und-Nebel-Aktion klauten Frankenberger Feuerwehrleute 1948 das Löschgruppenfahrzeug, das in Burgwald stationiert war. Am Freitag nahmen die Burgwalder mit Bürgermeister Lothar Koch (Vierter von rechts) den „Opel Blitz“ wieder in Empfang. Künftig ist er im alten „Wasserhaus“ in der Hauptstraße zu sehen.

Burgwald - Wenn Feuerwehren neue Fahrzeuge in Empfang nehmen, ist die Freude immer groß. Die Burgwalder Feuerwehrleute freuten sich am Freitag nicht nur, sie jubelten sogar, obwohl das Löschgruppenfahrzeug bereits 64 Jahre alt ist. Doch seine Vergangenheit ist außergewöhnlich und steht für ein bedeutendes Kapitel in der Geschichte des Ortes.

Der Ortsteil Burgwald ist mit Abstand der jüngste in der Gemeinde - und doch ist die Geschichte ereignisreich. Hervorgegangen ist das Dorf aus einer Luftmunitionsanstalt, die ab Mai 1936 im Burgwald gebaut und bis März 1945 vom Luftgaukommando XII in Wiesbaden als Munitionslager genutzt wurde.

Der Kulturverein hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Vergangenheit zu erforschen, das Bewusstsein für die Geschichte zu bewahren und die nachfolgenden Generationen über die Entwicklung von der „Muna“ über den Industriehof bis zum heutigen Burgwald zu informieren.

Besondere Bedeutung kommt dabei dem Projekt „Bunker der Geschichte“ zu, der in sechs Wochen, am 26. August, feierlich eröffnet werden soll. Den ehemaligen Bunker hat der Verein um Vorsitzenden Klaus Rühl zu einem Museum umgebaut - mit finanzieller Unterstützung der Gemeinde und der Entwicklungsgruppe Region Burgwald-Ederbergland.

Regelmäßig bietet der Kulturverein Führungen durch Burgwald an: Bei dem Rundgang erläutert meist Bernhard Bock an den „steinernen Zeugen“ die Geschichte der „Muna“. Auf einem dieser Rundgänge mit Stopps an Gebäuden, die 1936 errichtet wurden, kam die Rede auch auf das Löschgruppenfahrzeug „LF 15“ aus dem Jahr 1943 - um das sich Legenden ranken.

Brandmeister Preckel

Das „LF 15“ gehörte zum Fuhrpark der Feuerschutzpolizei. Im Juli 1943 war Brandmeister Wilhelm Preckel von der Berufsfeuerwehr Dortmund zur Luftmunitionsanstalt 2/XII Frankenberg abkommandiert worden. Er richtete in den Hallen eine Feuerwache ein. Diese Feuerwache war tagsüber mit zwölf und nachts mit vier Feuerwehr-Soldaten besetzt. Die Feuerwache war sehr gut ausgerüstet. Es standen neben dem „LF 15“, das als Mannschafts- und Schlauchtransporter diente, ein weiterer Opel als Tanklöschfahrzeug mit eingebauter Pumpe und ein Anhänger zum Transport der insgesamt 50 Heeresatmer zur Verfügung.

Mit der Geschichte des alten „Opel Blitz“ hat sich anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Frankenberger Feuerwehr 1983 der heutige Ehren-Stadtbrandinspektor Manfred Trost befasst. Die Frankenberger Feuerwehr verfügte nur über einen Mannschaftswagen mit angehängter Tragkraftspritze. „Nach dem Einmarsch der US-Streitkräfte haben sich polnische Zwangsarbeiter den Mannschaftswagen unter den Nagel gerissen, um damit nach Hause zu fahren“, berichtet Trost auf FZ-Anfrage.

Woher Ersatz nehmen, fragten sich die Frankenberger im Jahr 1948. „Da man nirgendwo Ausrüstungsgegenstände und Gerät bekam, die Amerikaner aber alles hatten, was man gebrauchen konnte, musste alles ,organisiert‘ werden“, schreibt Trost in der Chronik. „Alles, was man irgendwie gebrauchen konnte, ließ man mitgehen“, heißt es weiter in seinem Bericht. „Der Höhepunkt dieses ‚Organisationsrausches‘ war, dass man in einer Nacht-und-Nebel-Aktion die Siegermächte um ein Löschfahrzeug aus Wehrmachtsbeständen, allerdings ohne Bereifung, erleichterte.“

Nur auf Felgen durchs Feld

Die Frankenberger Feuerwehrleute „haben das Löschfahrzeug nachts einfach geklaut, und die Frankenberger Polizei hat mehr oder weniger weggeguckt“. Nur auf Felgen hätten die „Diebe“ das „LF 15“ durchs Feld nach Frankenberg gefahren und es in einer Halle der Lederfabrik Ortwein untergestellt. Um die Instandsetzung des „Beutefahrzeugs“ hätten sich dann die Gebrüder Heinrich und Hermann Loderhose verdient gemacht.

Berufsfeuerwehrmann Wilhelm Preckel, später Vorsteher der Frankenberger Stadtverordnetenversammlung, habe die Feuerwehrleute an dem „LF 15“ ausgebildet. „Der ,alte Opel‘ war bis 1956 das einzige Feuerwehrfahrzeug im Kreis. „Die Einsätze dieses Fahrzeugs und die Hilfe der Frankenberger Feuerwehr im Frankenberger Land begründen den guten Namen, den die Feuerwehr auch heute noch bei der Kreisbevölkerung hat“, heißt es ferner in der Chronik. Untergestellt war es lange Zeit im Brauhaus, dem heutigen Hotel „Die Sonne Frankenberg“. Erst 1978 wurde das Fahrzeug außer Dienst gestellt. Seinen nächsten großen Auftritt hatte des Löschfahrzeug dann 1989 beim Hessentag in Frankenberg.

Zurück zu dem Ursprung

An besagtem Rundgang mit Bernhard Bock nahm am langen Pfingstwochenende auch der Frankenberger Hauptamtsleiter Manfred Greif teil. Und der ließ die unglaubliche Geschichte des gestohlenen Löschgruppenfahrzeugs nicht unkommentiert - jedenfalls äußerte er „Verhandlungsbereitschaft“. Und Klaus Rühl, Bernhard Bock und Bürgermeister Lothar Koch machten kurzen Prozess, suchten das offizielle Gespräch mit der Stadt Frankenberg und vereinbarten, das „LF 15“ als Dauerleihgabe überlassen zu bekommen. Auch die Frage der Überführung war schnell geklärt. Bauunternehmer Ulrich Mütze erklärte sich bereit, das Fahrzeug auf einem Tieflader vom Katastrophenschutzzentrum nach Burgwald zu bringen. Und so wartete die Einsatzabteilung der Burgwalder Feuerwehr um Wehrführer Francesco Ayora-Escandell gestern Mittag sehnsüchtig auf die Ankunft. Nach einer kurzen Einweisung durch Frankenbergs Stadtbrandinspektor Martin Trost ließ es sich Ayora-Escandell nicht nehmen, den alten „Opel Blitz“ auf dem Hof vor dem ehemaligen „Wasserhaus“ an der Hauptstraße zumindest ein paar Meter zu bewegen. Und auch seine Kameraden waren begeistert. Binnen Sekunden war jeder Knopf mindestens einmal gedrückt: inklusive des Blaulichts und der Klingel, denn ein Martinshorn hat der „alte Opel“ noch nicht.

Und auch Bernhard Bock freute sich riesig über die Rückgabe des „Diebesgutes“. Bei den Führungen durch den Ort soll das Fahrzeug künftig gezeigt werden, kündigte er an und verwies auch auf die Jugendfeuerwehr. Der Nachwuchs hatte seinerzeit die Idee, einen „Bunker der Geschichte“ einzurichten. „Jetzt haben die Jugendlichen die Möglichkeit zu sehen, wie die alte Feuerwehr-Technik aussieht.“ Es sei eine gute Sache, dass der „Opel Blitz“ „zu seinem Ursprung zurückgekehrt ist“.

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