Baumbestattungen in Gemünden

Neue Bestattungen auf altem Friedhof

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Gemünden - Die Lebensumstände ändern sich - und mit ihr die Umstände, unter denen Menschen beerdigt sein wollen. Dem trägt die Stadt Gemünden Rechnung: Künftig sind Baumbestattungen an einem würdigen Ort möglich.

Still liegt der alte Friedhof im Schnee. Ab und an fährt ein Auto die Moischeider Straße entlang – Besuch aber erhalten die Gräber selten: Die letzte Bestattung auf dem kleinen Friedhof fand im Jahr 1953 statt. 60 Jahre sind viel Zeit – Zeit, in der die Toten der Stadt auf dem Friedhof in der Rosenthaler Straße ihre letzte Ruhe fanden. Doch schon bald könnte auch der Friedhof in der Moischeider Straße wieder Besuch von Trauergästen bekommen: Die Stadt führt das Gelände wieder seiner ursprünglichen Bestimmung zu.

Zwar sind noch einige kleinere Arbeiten nötig, doch faktisch können Gemündens Bürger nach dem Ableben ab sofort einen Platz unter einem Baum finden. „Die Nachfrage nach dieser Form der Bestattung steigt“, sagt Pfarrer Hermann Noll. Verantwortlich dafür macht er den demografischen Wandel und Veränderungen in der Gesellschaft: „Heute bleiben nicht mehr viele Kinder von Gemündenern in der Gegend“, beklagt der Pfarrer. Sei früher noch das Verweilen im Heimatort üblich gewesen, sei heute der Familienbesuch aus der Ferne die Regel. Dass sich in einer derartigen Situation kaum um ein Grab gekümmert werden könne, sei verständlich.

„Ich hatte bereits sieben Anfragen seit Veröffentlichung der amtlichen Bekanntmachung“, bestätigt Paul Mertke den Trend. Er ist in der Stadtverwaltung zuständig für das Friedhofswesen. Mertke schätzt, dass mehr als 50 Urnen unter den prächtig gewachsenen Bäumen auf dem alten Friedhof Platz finden, neun unter jedem Baum. „Das ist genug für zwei bis drei Generationen“, sagt Bürgermeister Frank Gleim. In dieser Zeit könnten einige weitere Bäumchen gepflanzt werden, sodass auch darüber hinausgehender Bedarf gedeckt werden könne.

„Das ideale Gelände“

Angestoßen hatte eine Debatte um die Bestattungsformen im Jahr 2010 eine Parlamentsvorlage der Bürgerliste. „Wir haben uns im Friedhofsausschuss ausgiebig mit dem Thema befasst“, sagt Noll, der Kraft Amtes Vorsitzender des Gremiums ist. Zuerst sei überlegt worden, auf dem Hauptfriedhof ein paar Bäumchen zu pflanzen. Es wären allerdings Jahre vergangen, bis diese für Bestattungen hätten genutzt werden können. Auch der Plan, größere Bäume zu pflanzen, wurde schnell verworfen – denn „das hätte leicht 200000 oder 30000 Euro gekostet“. So sei dann der Blick auf den stillgelegten Friedhof gefallen.

„Es ist das ideale Gelände“, sagt Noll: Nicht zu riesig, nicht so weit außerhalb wie ein neu ausgewiesenes Stück Stadtwald, zudem noch immer als Friedhof eingetragen. „Es gibt hier ein Soldatengrab“, erklärt Paul Mertke. Und die genießen ewiges Ruherecht. Er hat auch erfahren, dass besonders ältere Gemündener ihre Vorfahren – meist Großeltern – noch auf diesem Friedhof begraben haben und jetzt die Möglichkeit sehen, nach dem Tode wieder bei der Familie zu sein.

Noch fehlt ein Tor

Damit Trauergästen während des Abschieds nichts geschieht, wurden die Baumkronen bereits ausgedünnt, brüchige Äste entfernt. Dennoch sieht der Bürgermeister einen kleinen Investitionsbedarf: Rund 5000 bis 6000 Euro. Davon muss insbesondere ein Tor bezahlt werden: Nur eine Hecke trennt den Friedhof von der Moischeider Straße, ein Loch klafft dort, wo früher einmal ein Tor war. Zudem müsste an einigen Stellen ein Stückchen Zaun eingezogen werden.

Für die Angehörigen der Verstorbenen kostet die Bestattung auf dem neuen, alten Friedhof 690 Euro, einschließlich der Ruhegebühr und der Pflege der Anlage. „Die Angehörigen kommen nur für die Plakette auf“, erklärt Mertke. Die sei vergleichbar mit einem Grabstein, gebe Lebensdaten und Namen des Verstorbenen an und werde an dem Baum befestigt, unter dem sich die entsprechende Urne befindet.

Sollte die neue Bestattungsform so viel Anklang finden, dass an dem Friedhof gar ein Parkplatz nötig wird, sind Kirchengemeinde und Stadt auch darauf vorbereitet: Oberhalb des Geländes besitzt die Kirche ein Grundstück. „Das könnten wir auf 30 Jahre an die Stadt verpachten“, schlägt Noll vor.

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