Kassenärztliche Vereinigung plant Zusammenlegung der Bereitschaftsdienste

Ein Notdienst für den gesamten Altkreis

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Der Bereitschaftsdienst nach Praxisschluss soll die ärztliche Basisversorgung sichern. Im Jahr 2013 sollen die regionalen Bereitschaften aus dem Altkreis zusammengelegt werden.

Frankenberg - Während bisher verschiedene Ärzte parallel für den Notdienst nach Praxisschluss zuständig sind, sollen die Patienten aus dem gesamten Altkreis künftig von einer Zentrale am Krankenhaus versorgt werden. Die Reaktionen der Ärzte auf diesen Beschluss sind geteilt.

Die fünf bisherigen Notdienst-Gemeinschaften Frankenberg, Oberes Edertal, Gemünden/Haina/Löhlbach, Frankenau/Vöhl und Rosenthal werden zusammengeschlossen. Das hat der Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) entschieden, ebenso wie die Einrichtung einer Zentrale für den neuen Ärztlichen Bereitschaftsdienst (ÄBD) am Kreiskrankenhaus in Frankenberg. Die KV strebt für das Inkrafttreten der Änderung den 1. April an, spätestens aber den 1.Juli 2013.

Vorerst ist geplant, dass die neue Zentrale von einem Arzt besetzt ist, während ein zweiter Hausbesuche macht. Welche Patienten in die Zentrale fahren müssen und wo ein Hausbesuch notwendig ist, entscheidet eine Leitstelle. Dieses Modell ist bereits in bestehenden Zentralen eingeführt und auch für Frankenberg so vorgesehen, bestätigt Karl Roth, Pressesprecher der Kassenärztlichen Vereinigung in Hessen, auf Anfrage der Frankenberger Zeitung.

Die Zusammenlegung der Bereitschaftsdienste ist im Norden des Landkreises bereits geschehen: Dort haben sich Bad Arolsen, Volkmarsen und Adorf mit Wolfhagen und zehn weiteren Kommunen aus dem Landkreis Kassel zum 1. Oktober zusammengeschlossen. Nach anfänglich großen Bedenken hat sich mittlerweile gezeigt, dass die Nachfrage der Patienten geringer ist als erwartet: Dort kann ein Arzt allein den Bereitschaftsdienst abdecken.

Ziel: Neue Ärzte gewinnen

Ein wichtiger Aspekt für die Änderung der Struktur der Bereitschaftsdienste sei, dass diese entscheidend für die Niederlassung neuer Ärzte sein könne, sagt KV-Pressesprecher Roth. Teilweise bedeuteten „kollegial organisierte Bereitschaftsdienste“, wie sie bisher bestehen, dass ein Arzt mehrfach in der Woche nachts Dienst habe. „Das ist ein absolutes Killerargument für die Work-Life-Balance“, betont Roth. Eine solche Regelung mache eine Niederlassung auf dem Lande für Ärzte extrem unattraktiv.

Noch sind viele Fragen offen. So ist zum Beispiel noch nicht entschieden, zu welchen Zeiten der zentrale Bereitschaftsdienst in Frankenberg besetzt sein wird. „Das ist ein Thema, das einen starken Diskussionsbedarf aufwirft“, sagt Karl Roth.

Noch viele Details unklar

Unklar ist auch noch, ob die bisherige Notdienstgemeinschaft Frankenau/Vöhl künftig aufgeteilt wird: Die Patienten aus Frankenau und den Stadtteilen könnten der Zentrale in Frankenberg, die Patienten aus Vöhl jener in Korbach zugewiesen werden.

Exakte Zahlen bezüglich der Ärzte, die sich die Dienste in Frankenberg teilen sollen, sind laut Karl Roth noch nicht verfügbar. Für jede Zentrale sei aber ein Richtwert von 50 Ärzten vorgesehen. Dazu zählen auch die Fachärzte wie Orthopäden, Augenärzte oder Gynäkologen, die auch bisher Bereitschaftsdienste übernommen haben. Daran wird sich nichts ändern: „Ich gehe davon aus, dass sich Haus- wie auch Fachärzte beteiligen müssen“, sagte Roth. - Dr. Andreas See (Dodenau) gehört zur Notdienst-Gemeinschaft Oberes Edertal. Diese hatte, ebenso wie die Gemeinschaft Haina/Löhlbach/Gemünden, die Einrichtung der Zentrale bei der KV beantragt. Die derzeit sieben Kollegen, davon zwei Diabetologen, im oberen Edertal haben im Jahr jeweils 50 Dienste nach Praxisschluss und am Wochenende, sagt Dr. See. Geht es nach den Anhaltszahlen, die sich auf die Bevölkerungsstruktur beziehen, müssten eigentlich elf Ärzte das obere Edertal versorgen, ergänzt er.

Für die Mediziner dort bedeute die geplante Umstrukturierung „mehr Freizeit und weniger Notdienstbelastung“, fasst Dr. Andreas See zusammen. „Statt jeden siebten Tag Bereitschaft sind es dann nur noch sieben Tage im Jahr.“ Auch er verweist auf die Bedeutung, die dies für zukünftige Niederlassungen haben könne.

Sein Kollege Dr. Jochen Keute aus Löhlbach teilt sich die Bereitschaftsdienste mit den Ärzten aus Haina und Gemünden. „Von uns aus sollte die Umstellung möglichst gestern erfolgen“, sagte er auf FZ-Nachfrage. „Wir haben flächenmäßig das größte Gebiet, aber die geringsten Einwohnerzahlen.“ Die Anzahl von Patienten sei im ländlichen Gebiet rückläufig. „Im Schnitt kommen in 24 Stunden Notdienst zehn Patienten“, berichtet Keute. Das sei frustrierend für Ärzte, die sich dafür das gesamte Wochenende bereithalten müssten. Bei einem zentralen Dienst gebe es weniger Dienste, dann aber eine höhere Auslastung.

Kritik aus Frankenberg

Dr. Axel Schinke, Frankenberger Obmann für den Bereitschaftsdienst, sieht die von der Kassenärztlichen Vereinigung geplante Umstrukturierung hingegen kritisch: „Wir sind durchweg nicht begeistert“, sagt der Gynäkologe. „Die Frankenberger sind alle unglücklich.“ Aus seiner Sicht entstehen den Patienten durch die Neuregelung Nachteile. So würden etwa die Wege teilweise sehr viel länger: Die Distanz reiche von Hatzfeld bis nach Herzhausen.

Zudem stiegen nicht nur die Dienstbelastung für die Frankenberger Ärzte, sondern auch die Kosten. „Die Praxen haben wir sowieso“, erläutert er. Für die zusätzlichen Räume im Krankenhaus fielen jedoch Kosten für Miete, Heizung, Personal und Einrichtung an. Hinzu kämen die Ausgaben für die langen Fahrtwege.

Schinke zweifelt an, dass sich der Zeitplan bis zum 1. April umsetzen lässt. „Das wird sehr schwer.“ Beispielsweise müssten die genauen Dienstregelungen und die vertraglichen Details noch geklärt werden.

Auch an die 50 Ärzte, die die KV als Richtwert für die Frankenberger Zentrale angibt, glaubt der Obmann für den Bereitschaftsdienst nicht: „Auf lange Sicht sind es maximal Ende 30“, sagt Schinke - und es würden sicherlich nicht mehr. Attraktivere Bereitschaftsdienst-Zeiten allein reichen seiner Ansicht nach nicht aus, um junge Ärzte aufs Land zu holen: Dafür seien Themen wie Verkehrsanbindung, kulturelle Angebote und Schulen entscheidend.

Ob die Frankenberger Ärzte sich gegen die Entscheidung der KV wehren wollen, ließ Dr. Axel Schinke offen: „Wir werden das besprechen und überlegen, wie es weitergeht.“ (apa)

Hintergrund

Das Frankenberger Krankenhaus wird für die Zentrale die Räume bereitstellen. Dafür müsse nicht umgebaut werden, sagt Manfred Bergener, stellvertretender Geschäftsführer: In der Nähe der Liegend-Aufnahme seien ein Behandlungszimmer und ein Büro mit Übernachtungsmöglichkeit vorgesehen.

Außerdem könnte die Zentrale jene Geräte des Krankenhauses nutzen, die nicht zur Ausstattung der Bereitschaftsärzte gehören. „Wir haben dieses Modell nicht aktiv vorangetrieben“, betont Bergener, „aber wir freuen uns über die Entscheidung“.

Denn wenn Patienten schon einmal im Krankenhaus sind, sei die Chance gegeben, dass sie auch Dienstleistungen in Anspruch nehmen oder bei einer nötigen stationären Behandlung gleich dort bleiben. „Im Grunde rundet dieses Modell die medizinische Versorgung bei uns ab“, sagt Bergener.

„Was bisher gemacht wurde, war für die Kernstadt Frankenberg von den niedergelassenen Ärzten gut zu leisten. Aber in der Peripherie haben die Ärzte sehr gelitten“, betont der stellvertretende Geschäftsführer und nennt als Beispiel das obere Edertal. „Das war auf Dauer nicht durchzuhalten.“ (apa)

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