Fragen und Antworten

NS-Arzt Loderhose: Noch kein Beschluss über neuen Straßennamen

Darum geht es: Nach dem früheren Frankenberger Arzt Dr. August Loderhose ist seit 1982 eine Straße in Frankenberg benannt. Foto/  Völker

Frankenberg. Darf die Dr.-Loderhose-Straße in Frankenberg weiter den Namen des früheren Frankenberger Internisten und Lungenfacharztes Dr. August Loderhose (1908-1982) tragen?

Mit dieser Frage beschäftigt sich derzeit das Stadtparlament. Im Haupt- und Finanzausschuss am Montagabend ist - als Empfehlung für das Parlament - noch keine Entscheidung über den Straßennamen gefallen. Wir fassen den Fall zusammen:

Was wird Dr. August Loderhose vorgeworfen? 

Der frühere Frankenberger Internist und Lungenfacharzt war, wie Forschungen der Medizinhistorikerin Dr. Christine Wolters (Uni Hannover) ergeben haben, nicht nur ein hoch dekoriertes, zugleich intern wegen „Charakterschwäche“ aktenkundiges Mitglied der Waffen-SS, sondern er war auch im NS-Konzentrationslager Sachsenhausen beteiligt, als an Häftlingen Menschenversuche mit Tuberkulose vorgenommen wurden. Und: Ein SS-Feldgericht warf dem SS-Hauptsturmführer 1944 die Vergewaltigung einer Krankenschwester vor, die danach einen Selbstmordversuch unternahm.

Wie und wann ist es zur Benennung der Straße nach Dr. Loderhose gekommen? 

Wie Bürgermeister Rüdiger Heß am Montag berichtete, hatte der Bauausschuss des Stadtparlaments am 11. Mai 1982 mit 3:2 Stimmen den Beschluss gefasst, die neue Straße im Neubaugebiet „Auf dem Umkreis“ nach Dr. Loderhose zu benennen. Begründung laut Protokoll: Loderhose, der am 31. Januar 1982 mit 73 Jahren starb, sei ein „namhafter Frankenberger Bürger“ gewesen. Die Anregung, die Straße nach ihm zu benennen, habe im Februar 1982 der Erste Stadtrat Heinz-Wilhelm Roth gegeben, berichtete Heß. Die Straße sollte zunächst „Auf dem Umkreis“ heißen. Heute müsste das gesamte Parlament über die Benennung einer Straße nach einer Person entscheiden.

Gibt es neue Fakten im Fall Loderhose? 

In einem Leserbrief an die HNA weist die frühere Frankenbergerin Dr. Sabine Reyer (Hamburg) auf mögliche Hintergründe zu der Straßenbenennung hin:

In dem 1983 veröffentlichten Buch „Erlebnisse in Frankenberg“ von Prof. Dr. Hans Grebe widme dieser ein ganzes Kapitel Loderhose. Hier schreibt der frühere Frankenberger Sportarzt Grebe über seine Beziehung zu Loderhose: „In vielen gemeinsamen Sauna-Sitzungen haben wir uns gegenseitig das Herz erleichtert“. Und weiter: „In der Stadtverordnetenversammlung ist erst kürzlich der Antrag gestellt worden, nach ihm (Loderhose) eine Straße in Frankenberg zu benennen. Ich würde dies sehr begrüßen“, zitiert Reyer Grebe. Und auch dieser habe eine NS-Vergangenheit: „Grebe fertigte nicht nur Rassen- und Abstammungsgutachten im Rahmen der NS-Rassengesetze an, sondern war tief in die NS-Medizin involviert“, schreibt Reyer und weist auch darauf hin, dass 1982, im Jahr der Straßenbenennung, Sepp Waller Bürgermeister in Frankenberg war. Waller sei seit 1938 Mitglied der Allgemeinen SS gewesen und habe einer SS-Totenkopfdivision angehört.

Sind Reyers Fakten belastbar? 

Ja, sagt Dr. Horst Hecker. Und: „Was Grebe über Loderhose schreibt, ist nochmal eine Bestätigung“, sagte der Stadtarchivar im Ausschuss. Sabine Reyer selbst hat ihren Leserbrief mit Quellenangaben untermauert. Und sie verweist auf einen Wikipedia-Eintrag im Internet über Dr. Hans Grebe, in dem seine NS-Vergangenheit nachzulesen ist.

Was sagen die Frankenberger Geschichtsexperten zum Fall Loderhose? 

„Die Akten aus Berlin reichen aus, um Loderhose zu belasten“, sagt Karl-Hermann Völker. „Er hat in diesem System tragend mitgearbeitet und war aus Überzeugung in der SS. Ein Arzt, der den hippokratischen Eid geleistet hat, darf sich so etwas nicht leisten.“ Und Loderhose habe selbst in einem Frankenberger Film aus dem Jahr 1968 keinen Ansatz von Reue gezeigt.

Dr. Horst Hecker hält Loderhose „charakterlich nicht geeignet, um eine Straße nach ihm zu benennen“. „Die Vergewaltigung an der Krankenschwester wäre strafrechtlich verjährt, aber es gibt eine moralische Schuld, die nicht verjährt“, sagt Hecker.

Welche Meinung vertritt der Parlamentsausschuss? 

Die Taten Loderhoses in der NS-Zeit seien „durch nichts zu entschuldigen“, sagte Ausschussvorsitzender Uwe Patzer. „Hier sprechen wir über Dinge, die nicht verjähren.“ Es sei Wahnsinn, so Patzer wörtlich, „dass man das jetzt nach 70 Jahren rausbekommt und vor 30 Jahren nicht in der Lage war, das vernünftig zu recherchieren“. In der Generation damals, sagte Karl-Hermann Völker, habe sich kaum jemand dazu bekannt, auch in Frankenberg nicht. „Das schlägt jetzt zurück“, so Völker. Und: „Es gibt noch mehr solche Fälle, nach denen ist aber keine Straße benannt.“

Wenn der Fall Loderhose so klar ist, warum hat der Ausschuss noch nicht über den Straßennamen abgestimmt? 

Die ehrenamtlichen Kommunalpolitiker warten noch auf eine Akte über Loderhose aus dem Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden. Dabei geht es um einen möglichen Spruchkammer-Bescheid zur Entnazifizierung Loderhoses. Allerdings seien die Spruchkammer-Urteile nach 1948 - dem Jahr, als Loderhose aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrte - ohnehin milder geworden, sagte Dr. Hecker.

In der Sitzung am Montag lagen auch noch nicht allen Ausschussmitgliedern alle bisherigen Unterlagen zu dem Fall vor, zudem seien Kopien nicht lesbar gewesen. Wenn alle Akten da sind, soll in der nächsten (14. Dezember) oder übernächsten Sitzung weiter beraten werden. Auf Empfehlung des Ausschusses wird dann das Parlament entscheiden.

Quelle: HNA

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