Vorteil: Kaum Verletzungsgefahr in enger Melkanlage

Oben ohne liegt im Trend: Landwirte züchten hornlose Rinder

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Dirk Wickert und Balthasar: Der aus Frankreich stammende Zuchtbulle sorgt in dem Löhlbacher Biobetrieb für Kälbchen-Nachwuchs ohne Hörner. Da die Hornlos-Genetik noch nicht so weit verbreitet ist, kann der Nebenerwerbslandwirt die weiblichen Tiere in Deutschland gut vermarkten. 

Frankenberger Land. Kühe mit Hörnerschmuck sind im Frankenberger Land im Stall oder auf der Weide kaum noch zu entdecken. 

Auch hier entwickelt sich der deutschlandweite Trend immer mehr zum „Oben-ohne-Rind“ – etwa 80 Prozent aller Kühe in landwirtschaftlicher Haltung gehen mittlerweile hornlos durch ihr kurzes Leben.

Vermeidung von Rangordnungs-Kämpfen im Laufstall, Platzsparen im Anbindestall, Verletzungsgefahr in engen Melkanlagen sind die Gründe dafür, dass die Landwirte Kälbchen schon in den ersten sechs Lebenswochen mit Hilfe eines Brennstabes enthornen, denn nur dann lässt das Tierschutzgesetz dies zu.

Weil das Enthornen ohne Narkose in Biobetrieben bereits gänzlich verboten ist, von anderen Landwirten in einer Vereinbarung mit dem hessischen Bauernverband vermehrt auch nur noch schmerz- und stressfrei durch Beruhigungsmittel praktiziert wird, richtet sich das Interesse immer mehr auf die Züchtung von hornlosen Tieren.

Bei einigen Fleischrinderrassen wie Angus oder Galloways ist natürliche Hornlosigkeit bereits verankert. „Bis 2019 werde ich im Stall nur noch hornlose Genetik haben“, sagt auch der Löhlbacher Dirk Wickert, im Hauptberuf Fachkrankenpfleger für Psychiatrie bei Vitos in Haina.

Er hat 2005 von seinen Eltern einen Milchviehbetrieb übernommen und als reinen Biobetrieb mittlerweile komplett auf Herdbuchtiere der französischen Robust-Rinderart „Limousin“ umgestellt. Sie genießen in dem 2012 neu gebauten Stall besonderen Komfort: Futter aus eigener Erzeugung, das ganze Jahr über Weidenutzung, extra Kratz- und Scheuermöglichkeiten, zehn Quadratmeter Fläche pro Tier.

Der „Star“ im Stall des Löhlbachers unter 35 Kühen, Kälbern und Rindern, ganz ohne Hörnerschmuck, ist der Zuchtbulle Balthasar, dessen Vater einer der besten Besamungsbullen in Frankreich gewesen ist. Er zeichnet sich durch Robustheit, rasche Gewichtszunahme, hohe Fleischqualität und einen gutmütigen Charakter aus und sorgt dafür, dass in Löhlbach fast nur noch Kälbchen ohne Hörner geboren werden. „Ich verkaufe meine hornlosen Limousin-Rinder zur Zucht mittlerweile in Hessen, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Bayern“, berichtet Dirk Wickert nicht ohne Stolz.

Ganz selten kommt doch noch mal ein Kälbchen mit Hörnern zur Welt, das dann aber nicht zur Zucht verwendet wird. Als Biobetrieb müsste der Nebenerwerbslandwirt beim Veterinäramt eine vom Tierarzt in Kurznarkose vollzogene Enthornung beantragen, für ihn ein Kostenfaktor von insgesamt etwa 250 Euro.

Der Trend zum „Oben-ohne-Rind“ ist nicht unumstritten. Für Umweltpfarrer Uwe Hesse aus Rengershausen etwa gehören Hörner dazu, und zwar „aus biologischer und kulturgeschichtlicher Tradition“. 

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Quelle: HNA

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