Gemünden

Im Petticoat zum Standesbeamten

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- Gemünden (gl). Gemünden, Rathaus, gestern um kurz vor 15 Uhr: Ein schicker Mercedes aus den 50er Jahren fährt vor, ein Mann im Smoking und eine junge Frau im Petticoat steigen aus – Anika Schnatz und Maik Mankel haben sich für ihre standesamtliche Hochzeit in die frühe Kindheit ihrer Eltern zurückversetzt.

Die 1950‘er Jahre: Deutschland ist auf dem Weg zum Wirtschaftswunderland, der Fernsehkoch Clemens Wilmenrod erfindet den Toast Hawaii, Amerika führt in Korea Krieg, Sepp Herberger hingegen führt die Nationalmannschaft zur ersten Weltmeisterschaft und der Army-Soldat Elvis Presley singt sich in das Herz der Deutschen Frauen und macht dadurch Rock‘n‘Roll und Petticoat salonfähig.

Einen Petticoat hat auch Anika Schnatz an – noch Schnatz, gleich Mankel. In wenigen Momenten heiratet die 28-jährige ihren Freund Maik stilecht im Dress der 1950‘er Jahre. So wie die Braut ausschaut, dürfte allerdings vor 60 Jahren kaum jemand das Standesamt betreten haben. Auch wenn die Jugend den neuen Trends aus Amerika aufgeschlossen gegenüberstand: die Hochzeit war wohl schon auf Bestreben der Eltern ein eher bürgerlicher Akt, der sicherlich nicht im Petticoat vollzogen wurde. – Anika tut‘s trotzdem: ihr Hochzeitskleid ist handgeschneidert in Haubern, weil die Qualität aus dem Internet für eine Hochzeit nicht ausreichend ist.

Ihr Bald-Schon-Ehemann Maik hingegen trägt einen Smoking mit Fliege und schwarz-weiße Schuhe. Seine Kotletten hat er über mehrere Wochen wachsen lassen – stilecht, wie es sich für einen Herren aus der Mitte des vergangenen Jahrhunderts gehört.

Warum heiraten junge Menschen im Stile der 1950‘er? Selbst die Eltern der Brautleute waren damals noch zu jung zum Heiraten. Maik hat eine überraschend einfache Erklärung: „Alles an den 1950‘ern macht gute Laune: Autos, Musik, Kleidung – das passt einfach alles“, sagt der Bräutigam. Er selbst, das gibt er zu, war allerdings zu Beginn gar nicht so angetan von diesem längst vergangenen Jahrzehnt. Ihren ersten Kontakt mit Jukebox, Heckflossenautos und dem King of Rock‘n‘Roll hatten Anika und Maik 2006.

Das frisch verliebte Paar wurde von den heutigen Brauteltern nach Wettenberg eingeladen. Die Gemeinde nahe Gießen ist bekannt für die „Golden Oldies“, die jedes Jahr am letzten Juli-Wochenende im Ortsteil Krofdorf-Gleiberg unter dem Motto „Musik & Motoren“ stattfinden. Auf mehreren Bühnen wird dort der Musik der 1950‘er und 1960‘er gefröhnt, viele Besucher sind in echter oder nachgeahmter Kleidung aus dieser Zeit unterwegs, Straßenkreuzer von besonderer Schönheit kurven durch die Straßen, Händler bieten ihre ebenfalls meist nachgemachte Ware feil. „Mein erster Eindruck war erst einmal – äähhh“, sagt Maik lautmalerisch. Gefahren sind sie 2006 dennoch, und seither immer wieder gekommen. Schnell setzte sich die Leidenschaft auch zu Hause durch: Zwar kommt die Musik noch immer aus dem Radio oder dem Computer, nicht aus der Jukebox – haben würde Anika so ein fast schon antikes Stück Kulturgeschichte aber dennoch gerne.

Mehr lesen Sie in der FZ vom Donnerstag, 28. Juli.

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