Streit um Ausrichtung eines Grabsteins

"Pietät kennen die offensichtlich nicht"

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Herbert Schakel besteht darauf, dass der Stein auf dem Grab seiner Frau vom nahen Gehweg aus zu lesen ist. Die Stadt Frankenberg sah das anders. Der Kasseler Verwaltungsgerichtshof entschied zugunsten des Ernsthäusers.

Frankenberg/Ernsthausen - Wie ein Grabstein korrekt zu liegen hat, regeln die Friedhofsordnungen der Kommunen - oder auch nicht. In Frankenberg entbrannte darum ein Streit, der bis zum Verwaltungsgerichtshof ging.

Empörung. Wut. Trauer. Die unterschiedlichsten Gefühle bringt Herbert Schakel seit gut anderthalb Jahren der Stadt Frankenberg entgegen. Keines ist positiv. „Wenn ich vorher gewusst hätte, was das nach sich zieht, hätte ich diesen einen Wunsch meiner Frau wohl nicht erfüllt“, sagt Schakel verbittert.

Der Ernsthäuser steht vor dem Grab seiner Annemarie auf dem Frankenberger Friedhof. Vor ihrem Tod im März des vergangenen Jahres hatte sie deutlich gemacht: Sie möchte in Frankenberg begraben werden, in einem Urnengrab. Für Herbert Schakel bedeutet der Besuch des Grabes einen weiten Weg. Meist schafft er es nur samstags in die Ederstadt. Doch seine Ehefrau wollte vorsorgen: „Gleich neben dem Friedhof wohnen die Kinder“, sagt Schakel. Später einmal, wenn auch er nicht mehr ist, sollen sie die Grabflege übernehmen. Dass er einstmals neben seiner Frau ruhen will, steht für Schakel fest. Trotz des Ärgers, den er mit der Stadt Frankenberg hat und der ihn bis vor das Verwaltungsgericht in Kassel gebracht hat.

Nach der Bestattung Anfang März 2012 setzte Schakel auf das Urnengrab eine kleine Steinplatte mit den üblichen Lebensdaten. Annemarie Schakel wurde im ersten Grab einer frisch angelegten Viererreihe beerdigt. Es ist ein schöner Platz: In der Nähe steht eine Bank, die Friedhofs-Eingänge sind nicht weit entfernt und direkt am Grab entlang führt ein Fußweg. Schakel legte die kleine Tafel so, dass jeder Spaziergänger vom Weg aus lesen konnte, wer dort ruht. Im Oktober 2012 wurde schließlich der eigentliche Grabstein fertig - von der Stadt zur Kenntnis genommen und genehmigt. Schakels Steinmetz setzte den Stein so, wie auch die Platte gelegen hatte: mit Schrift zum Weg. Am nächsten Tag rief er seinen Auftraggeber an: „Er sagte mir, dass die Stadt untersage, dass der Stein so stehen bleibt“, erinnert sich Schakel an das Telefonat am 9. Oktober 2012.

Der Wille der Behörde: Schakel solle, um ein einheitliches Friedhofsbild zu schaffen, den Grabstein um 180 Grad vom Weg wegdrehen. Doch der weigerte sich, seinen Steinmetz damit zu beauftragen.

Nach vier Wochen erhielt er Post von der Stadt inklusive Fristsetzung und dem Hinweis, dass er im Falle einer Umsetzung durch die Stadt die Kosten zu tragen habe. Derweil beobachtete er auf dem zweiten zu diesem Zeitpunkt belegten Grab ein ähnliches Vorgehen: „Anfangs stand dort der Stein wie bei uns. Zwei Tage später war er plötzlich umgedreht“, erinnert er sich. Er wartete auf die Dame, die das Grab pflegt, und die erzählte: Ihr Stein sei versetzt worden, ohne sie darüber rechtzeitig in Kenntnis zu setzen.

Keine rechtliche Grundlage

„So kann man doch nicht mit den Menschen umspringen“, empört sich Schakel und spricht den Verantwortlichen jegliche Pietät ab. Er nahm sich einen Anwalt, der ihm bestätigte, was er ahnte: „Es gibt überhaupt keine rechtliche Grundlage, nach der die Stadt mich verpflichten kann, den Stein mit der Schrift weg vom Weg zu stellen.“ Die Stadt hingegen verwies schriftlich auf Paragraf 14, Absatz 4 der Friedhofsordnung. Wörtlich steht dort: „Die genauen Lagen der Grabfelder sind bei der Friedhofsverwaltung zu erfragen.“ Schakel sah diese Pflicht durch seinen Antrag, den Stein aufzustellen, als erledigt an: „Es war alles beantragt und genehmigt - nur wie der Stein stehen soll, steht nirgendwo.“

Schriftlich wurde Schakel darauf hingewiesen, dass er vom Steinmetz wie von Friedhofsmitarbeitern auf die korrekte Art, einen Stein zu stellen, aufmerksam gemacht worden sei - mehrfach sogar. „Das ist grundsätzlich falsch“, behauptet der Ernsthäuser: Hätte der Steinmetz den Stein sonst so gestellt?, fragt er rhetorisch. Und samstags, wenn er das Grab seiner Frau besuche, sei ihm noch nie auch nur ein Mitarbeiter der Stadt begegnet. Es stand Wort gegen Wort.

So lief der Streit auf ein Verfahren vor dem Hessischen Verwaltungsgerichtshof in Kassel hinaus. „Dass es so weit geht, zeigt doch nur, dass da Leute sitzen, die ihre eigenen Satzungen nicht kennen“, schimpft Schakel auf das Stadthaus - denn die Richter gaben ihm, nicht der Stadt recht.

Auch den Einwand, Gräber seien nach der übrigen Anordnung auszurichten, wischte das Gericht hinfort. Die Festlegung einer Ausrichtung nach „bisher geübter Praxis“ sei rechtlich ausgeschlossen, legten die Richter fest. Sie sprachen der Stadt für den Fall eines tatsächlichen Streits keine hohen Erfolgsaussichten zu - woraufhin diese den Streit mit Schakel niederlegte.

Im zuständigen Bauamt wird diese Episode als Chance gesehen: Es sei eine mögliche Lücke in der Friedhofsverordnung aufgezeigt worden. So soll geprüft werden, ob eine Anpassung notwendig ist.

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