Wettbewerb der Dichter

Poeten "slammen" sich nach Eschwege

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Fynn Held, Sandra Wilhelm und Manuel Cronau (von links) überzeugten das Publikum beim Poetry Slam in der Kulturhalle der Edertalschule am meisten. Sie dürfen die Region bei den mitteldeutschen Schulmeisterschaften vertreten.Fotos: Simone Schwalm

Frankenberg - Sozialkritische Töne, Jonglieren mit Zahlen und Gedanken über das Leben und Sterben: 21 Edertalschüler haben ihrem Publikum Einblicke in die Welt der Sprache und Reime gegeben.

„Was soll ich schreiben?“ fragt Lara - und hat erst mal eine kuriose Inspirationsquelle: das Gebiss der Großmutter. Schließlich ist beim sogenannten Poetry Slam alles erlaubt. Inhaltliche Vorgaben für die Texte - ob von Sprache oder Form her - gibt es nicht.

Dennoch ist die Umsetzung bedeutsam, schließlich ist ein Poetry Slam ein „Autoren-Wettstreit, bei dem Personen mit ihren selbst verfassten Texten auf die Bühne gehen und um die Gunst des Publikums buhlen“, erklärt Slam-Poet und Moderator Felix Römer dem Publikum in der Kulturhalle der Frankenberger Edertalschule.

In ihrem Text aber zweifelt Schülerin Lara an, dass ihre Meinung wichtig ist und jemanden interessieren könnte. Sie erklärt ihre Ansicht ganz rational: „Schließlich gibt es über sieben Milliarden Menschen auf der Welt - da kann nicht jede Meinung wichtig sein.“ In ihrem Fazit kommt sie jedoch zu einem Schluss, der in gewisser Hinsicht das Besondere des Poetry Slams beschreibt: „Es muss auch unwichtige Menschen geben - so wie mich - und trotzdem hört ihr mir zu.“

Unwichtig ist es allerdings keineswegs, was die Schüler ihrem Publikum zu sagen haben, denn mit ihren Texten und den unterschiedlichen Vortragsformen tragen sie zu einer rund dreistündigen, abwechslungsreichen und kurzweiligen Unterhaltung bei. Zwischendurch sorgt die Band „Thundernight“ für Abwechslung. Den Abend leiten die drei Musiker mit „Hier kommt Alex“ von den „Toten Hosen“ ein. „Vorhang auf für ein kleines bisschen Horrorshow“ lautet eine Liedzeile - doch eine Horrorshow ist es ganz und gar nicht, was die jungen Nachwuchs-Dichter ihrem Publikum bieten. Selbst als es auch einmal etwas eklig wird - etwa bei der Geschichte über „Klein Emily“ und den Pickel auf ihrer Stirn -, bringt der Piet Lukas das Publikum zum Lachen.

Kritisch und lustig

Sprichwörtlich im Halse stecken bleibt den Zuhörern das Lachen bei sozialkritischen Texten, etwa von Manuel und Faissal: Mit einer Mischung aus Aggressivität und Belustigung in der Stimme spricht Manuel über das Verhältnis von Wohlstand und Ausbeutung. Das selbe Thema klingt bei Faissal an, der jedoch statistische Zahlen zu Hilfe nimmt.

Ebenfalls ernste Themen beinhalten die Texte von Nils, Leon, Viktoria und Sandra: Teils humorvoll, teils aber auch auf bedrückende Weise setzen sie sich mit den Folgen von Drogen, Alkohol und Zigaretten auseinander. Um Leben und Sterben sowie Suizid geht es bei Isabel, Marvin und Sören.

Doch auch Szenen aus dem Alltag, besondere Ereignisse­ und persönliche Lebenslehren finden Einzug in die Texte. Äußerst unterhaltsam, textlich anspruchsvoll durchkomponiert und mit intelligentem Humor sinniert Anna über ihr Vorhaben, endlich zu lernen. Anrührend und zugleich humorvoll berichtet Sara über den Urlaub in ihrem Heimatland Afghanistan. Monika fasst mit warmer, sanfter und zugleich starker Stimme den Weg zu einem reinen, offenen und freien Herzen zusammen, an dessen Ende Frieden ist. Und Fynn übermittelt die Botschaft: „Nicht wieso fragen - fragen, wieso nicht! Was spricht denn dagegen, endlich neue Wege zu gehen?“

Neue Wege haben die Schüler sicherlich alle beschritten - und das mitunter schon sehr professionell. Poetry Slam lebt von Tempo-Wechsel, unterschiedlicher Intonation, dem Verstellen der Stimme - dem Spiel mit der Stimme. Einige Schüler stechen dabei besonders heraus und veranschaulichen, in welche Richtung sich die Wettbewerbe bewegen: Manuel Cronau, Fynn Held und Sandra Wilhelm wählt das Publikum als Sieger des Autoren-Wettstreits - durch den heftigsten Applaus. Die drei dürfen am Finale der „mitteldeutschen Poetry-Slam-Schulmeisterschaften“ in Eschwege teilnehmen. Eigentlich waren nur zwei Gewinner vorgesehen, aber der Zusatzplatz war eine Anerkennung für die Schüler.

„Wir haben knapp 40 tolle Leute kennengelernt, die unglaublich selbstständig und kreativ sind“, sagt Dominique Macri. Gemeinsam mit Felix Römer und mit Unterstützung der Lehrer Marco Böhnisch, Thorsten Jech, Andrea Weiß, Charlotte Meyer und Carola Quadt hatte sie die Schüler während eines zweitägigen Seminars beim Verfassen eigener Texte unterstützt und auf ihren Auftritt vorbereitet. 21 von ihnen haben sich schließlich getraut, auch öffentlich aufzutreten - und als Anerkennung für diesen Mut gab es einen dritten Startplatz im Finale.

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