Schreufa:

Rathaus aus Rinde des Eukalyptusbaums

- Frankenberg-Schreufa (gro). Rentner Dieter Hartwig erschafft mit Klebetechnik aus Australien außergewöhnliche Bilder.

Es ist kurz vor 7 Uhr abends. Leicht rieselt Schnee auf das Dachfenster des Arbeitszimmers. Im Licht der Schreibtischlampe sitzt Dieter Hartwig an seinem Tischchen, sein Blick pendelt ständig zwischen einem Foto des Frankenberger Rathauses und der Pappunterlage, auf der ein besonderes „Bild“ entsteht: Der Hobbykünstler verwendet eine außergewöhnliche Technik, er setzt seine filigranen Werke aus Eukalyptusbaumrinde zusammen. Behutsam schneidet er die hauchzarten und verschiedenfarbigen Scheiben der Baumrinde und klebt sie auf.

Wie ist der Rentner auf diese Idee gekommen? Er hat sie mitgebracht von seinen Reisen. Ungefähr 60 Länder hat der Weltenbummler bereist, der seit 33 Jahren im Frankenberger Land lebt und sich in Schreufa ein Haus gekauft hat. 5000 Kilometer sei er durch Asien getrampt, durch Indien, „in Eisenbahnen dritter Klasse – das war eine Sache für sich“, erzählt er schmunzelnd.

Elf Jahre lang hat es Hartwig immer wieder in verschieden langen Etappen nach Australien gezogen. Packend berichtet er vom Outback und den Ureinwohnern, den Aborigines. Er nahm verschiedene Jobs an, sogar Tellerwäscher war er – nur bis zum Millionär wie im Sprichwort habe er es nicht geschafft, sagt Hartwig und lacht.

1960 war er das erste Mal für zweieinhalb Jahre nach Australien ausgewandert. Später folgten weitere Reisen, mal kürzer, mal länger. Dort habe er auch seine spätere Frau kennengelernt, erzählt der 70-Jährige. „Wir sind unserem Traum vom Häuschen nachgelaufen.“ Doch letztlich kehrte das Paar nach Deutschland zurück. Dafür sprachen familiäre Gründe, außerdem missfielen den beiden das australische Erziehungswesen und die ständigen Streiks. In Australien seien ihm eines Tages Bilder aus Eukalyptusbaumrinde aufgefallen, die an Ständen und auf Märkten gern an Touristen verkauft werden, sagt der Schreufaer, und er dachte sich: „Na, das kannst du doch besser.“ Er legt ein Bild vom australischen Verkaufsstand neben eines seiner Werke – auf den ersten Blick ist zu erkennen, dass künstlerische Welten zwischen ihnen liegen.

Hartwig testete die Technik und begann mit Landschaftsdarstellungen. Seit einiger Zeit nimmt sich der Künstler aber auch heimischer Motive an: Frankenberger Fachwerkhäuser. Das Jubiläums-Rathaus zählt zu seinen schönsten Werken, es ist derzeit im Hotel „Sonne“ zu bewundern. Außerdem hat er in mühevoller Kleinarbeit den „Malerwinkel“ am Rande der Altstadt zusammengesetzt.

In Deutschland sei diese Kunst noch weitgehend unbekannt, erklärt Hartwig. Es handelt es sich um eine Klebetechnik: Die Rinde der „Paperbark Trees“ fühlt sich an wie Papier. Hartwig verarbeitet sie als hauchdünne Scheiben. Auch wenn er sie unterschiedlich dick zuschneidet, bleiben sie meist unter einem Millimeter.

„Zu Weihnachten will ich mir eine Mikrometerschraube besorgen“, um die genaue Dicke festzustellen, sagt Hartwig. Durch die Vielschichtigkeit des Holzes und die Verwitterung entstehen unterschiedliche Farbnuancen, die er für seine Bilder benötigt. „Das ist das Interessante an der ganzen Sache“, berichtet der 70-Jährige.

Sein wichtigstes Werkzeug ist die Pinzette, mit der er die einzelnen Schichten von der Rinde abzieht und die einzelnen Teile platziert. Mit einem Messer oder einer Rasierklinge schneidet er die Teile zurecht. Den Klebestift feuchtet Hartwig an, um die teilweise hauchdünnen Schichten überhaupt verarbeiten zu können.

Das erfordert nicht nur Fingerspitzengefühl, er benötigt auch Augenmaß, um die Teile in der richtigen Größe und Perspektive zu platzieren. Diese Kunstfertigkeit kommt nicht von ungefähr. Im Abendstudium hat Hartwig gut vier Jahre Kunst studiert bei Dozent Matthias Köppel und ein halbes Jahr die grafische Meisterschule durchlaufen – der Rentner war früher auch Maler.

Entsprechend detailgetreu und plastisch wirken seine Werke. „Ohne etwas künstlerische Freiheit geht es jedoch nicht, um die Motive lebendiger und interessanter darzustellen“, sagt Hartwig.

Einige seiner Arbeiten sind in der Frankenberger Fußgängerzone in der „Plattform Kunst & Stil“ ausgestellt. Er nimmt auch Aufträge für Arbeiten an. „Aber meine Kunst ist und bleibt ein Hobby“, sagt Hartwig. „Dementsprechend gestalte ich auch die Preise – wenn ich die Werke nach Stundenlohn abrechnenwürde, wären sie viel zu teuer.“ Allein 60 Stunden investiert er ins Bild des Rathauses.

Es sind Stunden, in denen er mit voller Konzentration arbeiten muss. Deshalb legt Hartwig regelmäßig längere Pausen ein, „wie man das als Maler auch macht“, sagt er. Nach zweieinhalb Stunden knipst er für heute die Schreibtischlampe an seinem Arbeitstischchen aus. Feierabend. Während draußen weiter der Schnee rieselt.

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