Interessante Hintergründe zum Weihnachtsoratorium

Recycling à la Johann Sebastian Bach

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Frankenberg - Für sein berühmtes Weihnachtsoratorium hat Johann Sebastian Bach bei sich selbst geklaut: Einige ältere, weltliche Stücke finden sich in den Melodien der musikalischen Weihnachtsgeschichte wieder.

Warum Bach dies getan haben könnte und viele andere Hintergründe zum Weihnachtsoratorium erläuterte Kantor Daniel Gárdonyi in einem Vortrag mit einer Power-Point-Präsentation in der Kirche. Die musikalischen Beiträge kamen nicht nur von CDs, sondern auch von der Kantorei.

Am dritten Adventswochenende führt der große Chor der Liebfrauenkirche die Kantaten I, II und VI aus Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium auf. Als Vorbereitung auf die beiden Konzerte beleuchtete Kantor Daniel Gárdonyi Bachs monumentales Werk in verständlicher Form.

Statt musikwissenschaftlich auf die Kantaten, Texte oder den Aufbau einzugehen, gab Daniel Gárdonyi interessante Einblicke in die Entstehungsgeschichte und die Arbeitsweise Johann Sebastian Bachs.

Dieser schrieb das Oratorium für die Weihnachtszeit des Jahres 1734. Damals war der Komponist knapp 50 Jahre alt und als Kantor und Organist der Thomaskirche und musikalischer Direktor der vier Leipziger Stadtkirchen tätig. Er hatte sich für seine Arbeit ein großes Ziel gesetzt, wie Gárdonyi berichtete: Für jeden Sonntag komponierte er eine neue, 20 Minuten lange Kantate, passend zur jeweiligen Lesung. Gesungen wurden diese von den Schülern der Thomasschule. Die etwa 50 Jungen waren auf vier Chöre aufgeteilt, wobei die zwölf besten in der Thomaskirche sangen.

Die wöchentlich neuen Kantaten bedeuteten eine Menge Fleißarbeit für Bach, erläuterte Gárdonyi. Für das Weihnachtsfest 1734 und die ersten Sonntage des Jahres 1735 schrieb er nicht für jeden Tag eine einzelne Kantate, sondern entwickelte ein Gesamtkonzept - das Oratorium, basierend auf den Evangelien nach Lukas und Matthäus.

Zum Einstieg sang die Kantorei „Wie soll ich dich empfangen?“, den ersten Choral aus dem Weihnachtsoratorium. Die Melodie kannten die Zuhörer aus dem Gesangbuch: Sie findet sich dort unter dem Titel „O Haupt voll Blut und Wunden“ wieder - und bildete so für Gárdonyi einen Einstieg in ein Thema zum Weihnachtsoratorium, der: Hat Bach sich dafür an vorhandenen Stücken bedient?

Die Gerüchte, dass er bei sich selbst „geklaut“ haben soll, stimmen, bestätigte Daniel Gárdonyi und nannte Beispiele für weltliche Stücke, die im Oratorium zu geistlichen wurden: Aus „Tönet ihr Pauken“ machte Bach „Jauchzet, frohlocket!“, aus einem Teil des Werks „Herkules auf dem Scheidewege“ wurde „Bereite dich Zion“. „Das war nichts anderes als ‚copy and paste‘“, sagte Gárdonyi schmunzelnd. Für den sechsten Teil des Oratoriums habe Bach eine komplette Kantate „wiederverwertet“, deren ursprünglicher Text als verschollen gilt. Als Beispiel für eine solche wiederverwendete Melodie sang die Kantorei „Ich steh an deiner Krippen hier“.

Dieses Vorgehen Bachs habe viele, die sich später mit seinem Werk beschäftigten, irritiert, berichtete der Kantor: Es entsprach nicht dem üblichen Bemühen des Komponisten um das Tonverhältnis - also dem Versuch, die Bedeutung der Worte auch durch die Musik zu transportieren. Gárdonyi betonte jedoch, dass Bach sich sehr große Mühe gegeben habe, die vorhandenen Melodien in das Oratorium einzupassen: Es seien keine Brüche zu spüren. Zeitersparnis sei vermutlich nicht Bachs einziger Grund für dieses „Recycling“ gewesen, ergänzte er: „Bei mancher Umarbeitung hat er sich so viel Mühe gegeben, dass eine Neukomposition auch nicht länger gedauert hätte.“

Gárdonyi machte deutlich, unter welchen Verhältnissen Bach das Oratorium erstmals umsetzte: Ihm standen weder ein Orchester noch berühmte Solisten oder ein Chor mit 70 Mitgliedern zur Verfügung, sondern lediglich zwölf Thomaner - alles Jungen, die die vier Gesangsstimmen übernehmen mussten, - und die Stadtpfeifer als ins­trumentale Begleitung.

Der Kantor der Liebfrauenkirche erläuterte, in welchen Formen welche Bestandteile aufgeführt werden: Der Bibeltext wird von einem sogenannten Evangelisten als Secco Rezitativ gesungen, frei übersetzt: trocken aufgesagt. Dabei wird er lediglich von einem Kontrabass begleitet. Diese Bibelzitate tauchen immer wieder verstreut über das ganze Oratorium auf. Weitere Bestandteile sind die freie Dichtung, bei der die Solisten von langen Streicherakkorden begleitet werden, und die Kirchenlieder, also die Choräle. Aber auch ein wenig Interpretation gehörte zum Einführungsvortrag von Gárdonyi: Er gliederte die Kantaten, die die Kantorei aufführen wird, in Themen auf: In der ersten gehe es um Niedrigkeit und Majestät, was sich etwa in dem Stück „Ach mein herzliebes Jesulein“ widerspiegele: Darin wird der Text über das neugeborene Kind in der Krippe von Pauken und Trompeten - den Instrumenten der Herrschaft - untermalt.

Im dritten Teil sieht er vor allem die Themen „Gott und Mensch in Christus vereint“ und „Die Liebe zwischen Gott und Mensch“. In der sechsten Kantate geht es einerseits um die „Feinde des Glaubens“, aber auch um „Geborgenheit und Sicherheit in Christus“, erläuterte der Kantor.

Im sechsten Teil findet sich auch die Melodie aus dem ersten Choral wieder, die die Zuhörer auch aus dem Gesangbuch kennen. Ob dieser Verweis auf „O Haupt voll Blut und Wunden“ ein absichtlicher Hinweis Bachs auf Jesu Tod am Kreuz war, sei nicht festzustellen.

Die Kantorei führt die Kantaten I, III und VI aus dem Weihnachtsoratorium am Samstag, 15. Dezember, ab 19 Uhr und am Sonntag, 16. Dezember, ab 17 Uhr in der Liebfrauenkirche auf. Karten gibt es im Vorverkauf für 10, 15 und 20 Euro in der Buchhandlung Jakobi in Frankenberg.

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