Erinnerungen an eine Kriegshochzeit in Frankenau 1943 - Zweiter Teil

Rehbraten am Freudentag

Bilder von der Kriegshochzeit: In Fotoalben bewahren die Frankenauer Kusinen Irmela Wassermann geb. Röhling (links) und Annemarie Ruhwedel geb. Scheerer Erinnerungen an das Jahr 1943 auf. Lehrer der Emdener Kinderlandverschickung schrieben damals Abschiedsgrüße auf die Blätter.

Frankenau. Für die Jungen aus dem Kinderlandverschickungs-Lager Frankenau war die Kriegshochzeit von Johannes Röhling und Elisabeth geb. Schäfer am 30. Januar 1943 ein besonderes Erlebnis.

Das zeigt der Schüleraufsatz von Hans-Rudolf Prange: „Die Tische waren gedeckt mit Kuchen, Torte und Wein. Wir tranken auch ein Glas Wein und sagten Gedichte auf. Ich lief schnell zu Bäcker Caspar und holte ein Buch, darin standen viele Sprüche für die Hochzeit… Am Abend wurden die Tische mit Gemüse, Kartoffeln und Rehbraten gedeckt. Später kamen noch Verwandte. Wir haben viele Gesellschaftsspiele gemacht. Am späten Abend brachte meine Patenschwester uns ins Lager zurück. Die prächtige Hochzeitsfeier war zu Ende.“

Rehbraten mitten im Krieg? Als Annemarie Ruhwedel geb. Scheerer vor Wochen hier im „Blick zurück“ diese Zeilen des Emdener KLV-Schülers las, war ihr sofort klar, dass es sich um die Hochzeit ihres Cousins Johannes handeln musste, denn sein Vater Moritz Röhling war passionierter Jäger, hatte auf Dülfershof die Jagd gepachtet und sorgte ab und zu für Wildbret. Den Winterpelz eines Fuchses tauschte er übrigens damals in Frankfurt bei einem Freund seines Sohnes für die Trauringe ein.

„Eigentlich musste Moritz Röhling im Krieg ja alles Wildbret melden und abliefern“, erzählt Host Wassermann, Schwiegersohn des damaligen Brautpaares. „Zusammen mit dem französischen Kriegsgefangenen Gaston Neel, der Familienanschluss gefunden hatte, machte er sich abends auf den Weg, schoss auch ein Reh und trug es, sorgsam verpackt, mit ihm im Schutz der Dunkelheit nach Hause.“ Zu diesem heute 95-jährigen Franzosen in der Normandie haben die Röhling-Nachfahren heute immer noch freundschaftlichen Kontakt.

Der Hochzeitsbraten wurde also heimlich „organisiert“, für Getränke musste die Familie eine Küchenwaage eintauschen. Alle anderen Lebensmittel waren dank eigener Landwirtschaft vorhanden.

Dass der Bräutigam im Januar 1943 überhaupt von der Ostfront mit zehntägigem Sonderurlaub heimkehren konnte, verdankt er einem Zufall: Auf dem russischen Bahnhof war der bereitstehende Zug bereits mit Verwundeten, Krankenschwestern und höheren Offizieren gefüllt. Johannes Röhling musste mit anderen gesunden „Fonturlaubern“ in ein paar ungeheizte Waggons am Ende einsteigen. Bei minus 30 Grad wickelte er sich in zwei Pferdedecken.

In Polen raste nach einem Sabotageakt seine Bahn gegen einen anderen Urlauberzug, wobei viele Menschen in den vorderen Zugteilen umkamen – Röhling im hinteren Waggon überlebte. „Nach fünf Tagen und Nächten traf ich endlich in Frankenberg ein“, schrieb er später auf.

Von Karl-Hermann Völker

Quelle: HNA

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