Literarischer Frühling

Reise in die weite Welt und die Küche nebenan

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Frankenberg - Frauen und Männer sind unterschiedlich - auch beim Essen? Die Ärztin Eva Gritzmann und der Literaturkritiker Denis Scheck haben sich literarisch und kulinarisch auf die Suche nach Beweisen gemacht. Die Ergebnisse präsentierten sie gelungen im Hotel „Die Sonne Frankenberg“.

Dieser Abend hätte ein trockener Gender-Vortrag über Frauen und Männer werden können, der in jeden zweiten Vorlesungssaal deutscher sozialwissenschaftlicher Institute passte. Dass er das nicht wurde, lag an der Herangehensweise der beiden kulinarischen Forscher auf ihrer durchaus empirischen, aber keinesfalls repräsentativen Suche nach dem kleinen, aber gar nicht so feinen Unterschied bei Tisch - und an dem Menü aus der Küche der „Sonne“.

Sie, Eva Gritzmann, Medizinerin, Betriebswirtin und mehr und Er, Denis Scheck, Literaturkritiker von ARD und Deutschlandfunk, haben sich für ihr Buch „Sie & Er“ in die Küchen und Restaurants dieser Welt begeben. Sie haben Vorlieben und Abneigungen erkundet und festgestellt, dass es bei Mama immer noch am besten schmeckt.

Sie präsentieren am Freitagabend zwischen Spitzmorchelsuppe und Spargel an Parmesanrisotto, zwischen Kalbsbrie und Battenberger Weide­ochse in Spätburgundersauce interessante Details und Fakten. Etwa diese: In Mitteleuropa essen Männer doppelt so viel Fleisch wie Frauen; in Deutschland trinken Männer viermal so viel Alkohol wie Frauen. Verständlich, dass ihre Ausführungen immer wieder überraschte Blicke in das Gesicht des Nachbarn und besonders auf den eigenen, mit Genuss verzehrten Zwischengang provozierten.

Die „Sonne“ hatte für diesen Abend gemeinsam mit dem Hobbykoch Scheck zwei Menüs kreiert, zwischen deren einzelnen Gängen die beiden Autoren lasen, Anekdoten erzählten und von ihren Recherchen für das Buch berichteten. Zum Essen setzten sie sich jeweils an einen der Tische und luden zum Plausch mit den Gästen ein - der manchmal offenbar so anregend war, dass spürbare Pausen entstanden. Doch die Besucher wurden dafür reich entlohnt, denn von den Tischen brachten Scheck und Gritzmann neue Ideen für ihre kurzweiligen Zwischenvorträge mit, die sie gekonnt in den vorgesehenen Kanon des Abends einflochten.

Die Autoren berichteten von der „identitätsstiftenden und -stabilisierenden Macht der Lebensmittel“, vom „sexistischen Theater des Essengehens“, das bereits beim Türaufhalten beginnt, und von der geschmacklichen Prägung der Krimi-Autorin Donna Leon. Sie erzählten von der geschmacksverwirrenden Wirkung von „Miracle Fruities“, die Saures süß werden lassen, und dem Hunger als treibende Kraft hinter den meisten Revolutionen.

Besonders authentisch aber wirkte der Blick in die gemeinsame Vergangenheit: Gritzmann und Scheck besuchten nicht nur die gleiche Schule, sondern die gleiche Klasse, „obwohl man das kaum glauben mag, wenn man uns sieht“, merkte der Literaturkritiker mit einem Lächeln an.

Ihre Vorliebe für das Kulinarische muss damals entstanden sein, als sie in Stuttgart unter dem Slogan „Pommery statt Pershings“ gegen die unreflektierten Proteste wider den Nato-Doppelbeschluss demonstrierten und mit Champagner und Brötchen Demonstrationen und Sit-Ins ihrer Mitschüler auflösten und dabei erkannten: Mit Essen lässt sich was erreichen.

Was Denis Scheck und Eva Gritzmann bei diesem Dinner erreichten, war eine besondere, gelöste Atmosphäre. Der Abend war ein Ausflug, ein Picknick: Er war eine Reise in die Geschichte, in die weite Welt und in die Küche von nebenan, ein Besuch der Literatur und der Labore der sogenannten Molekularküche gleichwohl. Er war auch ein Experiment des Geschmacks - ein geglücktes.

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