FingerHaus in Ruanda: Wissen weitergegeben, Dachstuhl gerichtet, Handwerk als ehrbaren Beruf gezeigt

Richtfest mit Bananenbaum statt Fichte

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In Ruanda haben sie ihre handwerklichen Erfahrungen weitergegeben, doch die Mitarbeiter von FingerHaus haben während ihres Hilfseinsatzes auch Erfahrungen gesammelt, die sie ihr Leben lang nicht mehr vergessen werden, schilderten sie gestern bei der Proje

Frankenberg - Es ist eines der außergewöhnlichsten Hilfs- und Spendenprojekte, die es im Frankenberger Land jemals gegeben hat: Sieben Mitarbeiter des Fertighausherstellers FingerHaus sind nach Ruanda geflogen, um technisches Wissen zu vermitteln und beim Aufbau einer Lehrwerkstatt zu helfen.

Ruanda zählt zu den ärmsten Ländern der Welt. Mehr als 50 Prozent der Bevölkerung ist jünger als 18 Jahre, mit 460 Einwohnern pro Quadratkilometer zählt das „Land der tausend Hügel“ zu den bevölkerungsreichsten in Ostafrika. Der Völkermord 1994 sorgte weltweit für Entsetzen. Doch es gibt auch Hoffnung in Ruanda. Tim Bluthardt vom Deutschen Gemeinschafts-Diakonieverband (DGD) berichtete den Auszubildenden des Frankenberger Fertighausherstellers FingerHaus im November davon.

Die DGD-Förder-Stiftung mit Sitz in Marburg unterstützt in Rubengera am Kivu-See unweit der Grenze zu Kongo eine Diakonissen-Schwesternschaft beim Aufbau einer technischen „Berufsschule“, in der eine dreijährige technische Ausbildung mit Schwerpunkt Holztechnik angeboten wird. FingerHaus-Geschäftsführer Dr. Mathias Schäfer hatte den Kontakt zu Tim und Katja Bluthardt hergestellt, die in Ruanda arbeiten und beim fachlichen und organisatorischen Aufbau der Technical Secondary School helfen.

Soziale Verantwortung

„Auch hier vor Ort gibt es Not“, sagt Schäfer und betont, dass FingerHaus seit jeher versuche, seiner sozialen Verantwortung als Unternehmen gerecht zu werden und zu helfen. „Doch es gibt auch noch viel größere Not auf der Welt.“ Beispielsweise in Afrika. „Wenn es uns nicht gelingt, den Menschen vor Ort eine Perspektive zu bieten, werden die Menschen dorthin gehen, wo sie eine Perspektive finden.“ In der Hilfe zur Selbsthilfe sieht Schäfer den Schlüssel für eine bessere Zukunft.

Vor Ort helfen, dies sei die eine Dimension des Projekts gewesen. „Doch wir fanden es auch spannend, Mitarbeitern den Blick über den Tellerrand zu ermöglichen.“ Für Schäfer ist es nur allzu menschlich, dass „wir eigentlich kein Gefühl mehr dafür haben, was selbstverständlich ist und was nicht.“ Fließendes Wasser aus dem Hahn führt er als Beispiel an oder permanenten Strom. „Aber auch, was für gute Rahmenbedingungen Auszubildende in Deutschland haben.“

Tim Bluthardt begeisterte mit seinem Vortrag die jungen Mitarbeiter der technischen Ausbildungsberufe. „Am liebsten wären alle mitgereist“, sagt Schäfer. Zum Zuge bei diesem außergewöhnlichen Projekt kamen schließlich die fünf Azubis des dritten Lehrjahres sowie zwei Betreuer. Ungläubiges Kopfschütteln hätten sie in der Berufsschule geerntet, als sie von ihren Reiseplänen berichteten, erzählen die Auszubildenden zu Zimmermännern und Bauzeichnerinnen. Doch je mehr sie von dem Hilfsprojekt berichteten, umso größer sei bei den Klassenkameraden die Faszination gewesen.

Mitte Februar war es so weit, alle Impfungen waren erfolgt: Das siebenköpfige FingerHaus-Team flog nach Ostafrika und wurde dort von Geschäftsführer Schäfer in Empfang genommen. Keinen Hehl macht er daraus, dass sich die Unternehmensleitung viele Gedanken darüber gemacht habe, „ob wir das Risiko, das eine solche Reise mit sich bringt, verantworten können“. Doch in der DGD-Förder-Stiftung und besonders Tim Bluthardt hätten sie einen guten Partner gesehen. Und vor allem sei das konkrete Projekt passend gewesen: „Bauen mit Holz, das liegt uns fachlich ja sehr“, sagt Schäfer.

Arbeit und Unterricht

Auf dem Schulcampus in Rubengera sollen verschiedene Gebäude errichtet werden: außer der Lehrwerkstatt für Holztechnik unter anderem ein Pavillon, in dem „lebenslanges Lernen gefördert werden soll“, erläutert Bluthardt. „Über den eigentlichen Schulbetrieb hinaus versteht sich die Schule als Fortbildungsträger für die Bevölkerung.“ In Kurz-Seminaren sollen auch Nichtschüler Kenntnisse im Handwerk erlangen. Der Pavillon soll Platz bieten für eine Bibliothek, Computerarbeitsplätze, einen Raum für Lehrveranstaltungen.

Von Frankenberg aus hatten die FingerHaus-Mitarbeiter den Arbeitseinsatz vorbereitet: etwa die Dachkonstruktion des Gebäudes geplant. „Vor Ort sah dann aber alles etwas anders aus, als es ursprünglich geplant war“, erzählt Ulrich Paffe, der die Azubis als Betreuer begleitete. Den haupttragenden Balken mussten die Fertighausspezialisten beispielsweise aus einzelnen Bohlen zusammenleimen. „Mit Stemmeisen und Holzhammer wurden die Zapfenlöcher hergestellt.“ Und Muskelkraft statt Kraneinsatz lautete ebenso die Devise für die Facharbeiter aus Frankenberg.

Außer der ein oder anderen Handmaschine, Schrauben, Leim und Nägeln hatten sie vor allem ihr Fachwissen „im Gepäck“. Und das vermittelten die Betreuer und die Azubis den 14 ruandischen Lehrlingen in theoretischem und praktischem Unterricht. Denn die Ausstattung der Lehrwerkstatt ist gut: Über ein Spendenprojekt eines Maschinenherstellers hat die Schule wenige Jahre alte Holzbearbeitungsmaschinen erhalten, die zuvor in der Holzfachschule in Bad Wildungen eingesetzt wurden. Einen Einblick gewährten die FingerHaus-Mitarbeiter aber auch in die deutsche Handwerkskultur. Als der Dachstuhl fertig war, wurde Richtfest gefeiert: statt mit deutscher Fichte mit einem Bananenbaum - und mit einem zünftigen Zimmermannsklatsch.

Ansehen gesteigert

In der ersten März-Woche sind die FingerHaus-Mitarbeiter nach zweiwöchiger Reise zurückgekehrt. Mitgebracht haben sie einen Erfahrungsschatz, den sie ansonsten wohl nie in ihrem Leben gesammelt hätten. „Man ist dankbar für die Umstände, in denen wir leben und arbeiten“, sagt Betreuer Fabian Bartsch. „Jetzt weiß man zu schätzen, was wir hier haben.“ Von tollen Erfahrungen, die alle sehr geprägt hätten, berichten die Auszubildenden.

Tim Bluthardt ist vom Einsatz der Frankenberger in Rubengera begeistert. Hinterlassen hätten­ sie viel mehr als einen fertigen Dachstuhl und Wissen.­ „Die Menschen haben gesehen, dass es weiße Menschen gibt, die mit dem Hammer auf dem Dach stehen und arbeiten.“ Die FingerHaus-Mitarbeiter hätten für positive Aufruhr gesorgt und zu einer Veränderung des Berufsbildes beigetragen. „Sie sind nicht mit großen Autos vorgefahren und haben das iPhone gezückt und Bilder gemacht, sondern sie haben gearbeitet und gezeigt, dass Handwerk Zukunft schafft und Perspektiven bietet.“

Mehr über das Projekt in Ruanda auch im Internet unter der Adresse www.dgd-foerderstiftung.org.

Von Rouven Raatz

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