100 Jahre Schule in Gemünden

"Schlüssel zu den Herzen der Kinder"

Noch heute wird der „Neubau“ von 1912 zum Unterrichten genutzt – damals war der Bau hochmodern.

Gemünden - Kriege, Flüchtlingsströme, gesellschaftlicher Wandel: Seit 100 Jahren wird an der Stadtschule in Gemünden gelehrt. Sie hat eine wechselvolle Geschichte.

„Ich bin klein, mein Herz ist rein...“ - der Junge steht vor Kurt Koch und trägt in gebrochenem Deutsch das Gedicht vor, das ihm seine Großmutter beigebracht hat. Eigentlich hatte sich der Schulleiter vorgenommen, keine Spätaussiedlerkinder mehr in die Grundschule aufzunehmen. Seit der Wende vor zwei Jahren erlebt Gemünden eine wahre Flut: Neubürger kommen, einige bleiben, einige gehen nach Monaten wieder - aber alle schicken sie ihre Kinder an die Mittelpunktschule in der Rosenthaler Straße. Dort stoßen Gebäude und Lehrer an ihre Grenzen, deshalb sollen die neuen Kinder auf Grundschulen im Umkreis verteilt werden - nicht jedoch dieser kleine Junge mit seinem herzerweichenden Gedicht.

Es ist eine Episode aus der 100-jährigen Geschichte der Gemündener Stadtschule. Schule und Stadt, das zeigt sie ganz deutlich, sind eng miteinander verzahnt: Was in der Stadt geschieht, beeinflusst die Schule; was an der Schule geschieht, wirkt auch auf die Stadt.

Einzug in die „luft- und lichtvollen Säle“

Die ersten Kinder zogen im Oktober 1912 in den Neubau an der Rosenthaler Straße. In den „neuen, luft- und lichtvollen Sälen“, wie es in einer Chronik heißt, werden noch heute Kinder unterrichtet. Die Schule allerdings hat in den Jahrzehnten mehrfach Wandlungen durchgemacht. Das fängt beim Namen an: Stadtschule, Mittelpunktschule, Cornelia-Funke-Schule. Doch die Namen sind die kleinsten Änderungen: Schüler und Lehrer kamen und gingen, Gebäude wurden angebaut, Lehrpläne erweitert, zusammengestrichen, ergänzt. Und die Schule ging durch zwei Kriege: Von 1914 bis 1918 wurden viele Lehrer zum Kriegsdienst einberufen. Die Verbleibenden mussten sich nicht nur um die Gemündener Schüler kümmern, sondern auch die Dorfschulen in der Nachbarschaft. Über die Zeit des Zweiten Weltkriegs liegen gar keine Aufzeichnungen vor. Doch noch gibt es lebendige Erinnerungen.

Katharina Gaertner hat nicht nur sieben Kinder durch ihre Schulzeit an der Schule begleitet, sondern war selbst Schülerin - im Krieg und direkt danach: Sie besuchte die Stadtschule von 1941 bis 1949. „Anfangs war das eine unruhige Zeit wegen des andauernden Fliegeralarms“, erinnert sie sich: Gemünden wird wegen der Bahnstrecke bombardiert, die Kinder müssen in einen Bunker unter dem Schulhof, der heute nicht mehr existiert. „Und nach dem Krieg wurde die Schule besetzt“, fährt Gaertner fort: Der Unterricht fällt aus, da Mexikaner und Belgier von März bis Oktober 1945 in dem Gebäude einquartiert sind. „Die haben alle Lehrmaterialien verbrannt“ - als der Unterricht Ende 1945 wieder beginnt, müssen die Schüler ihre Materialien selbst herstellen.

Doch rasch geht es mit der Schule bergauf. Bereits 1949 erhält die Volksschule einen Mittelschulzweig. Die Realschüler werden anfangs in einer Holzbaracke unterrichtet, die auf dem heutigen Depro-Gelände stand. Sie ist ein Überbleibsel des Dritten Reiches, diente sie doch der Kinderlandverschickung. Das Angebot zieht viele junge Menschen an, auch von außerhalb Gemündens und der Bunstruth. Entlang der Bahnstrecke liegende Dörfer werden erschlossen, so kommt Kurt Koch an die Gemündener Schule, deren Rektor er später, in den Jahren von 1984 bis 2000 ist. „Die Zeit in der Baracke war eine beschwerliche, sehr spartanische“, erinnert er sich.

Anbauten verändern das Gesicht der Schule

Als Koch 1962 als Junglehrer an seine Schule zurückkehrt, ist die Baracke bereits Geschichte. Als fünf Jahre später die Landschulreform das Aus der kleinen Dorfschulen besiegelt, wächst die Zahl der Schüler sprunghaft. Die Stadtschule wird zur Mittelpunktschule, die Zeit der Anbauten beginnt und das Gesicht der Schule ändert sich.

Es ist die Zeit, in der Hannelore Seibert die Schule besucht. „Der Herr Koch war mein Lehrer - dann war er mein Chef“, sagt sie. Seibert ist seit 1992 Erzieherin an der Gemündener Schule und für die Jüngsten zuständig. Sie kann bestätigen, dass sich vieles verändert hat - und dennoch vieles gleich geblieben ist an der Rosenthaler Straße. Wenn Gaertner erzählt, dass sie sich früher zum Ende der Schulpause in Reih und Glied aufstellen mussten, um wieder in die Klassen zu gehen, bestätigt Seibert, dass das heute bei den Grundschülern auch der Fall ist. Eine Parallele sieht sie auch zwischen den „Schulspeisungen“, die die Amerikaner nach dem Krieg angeboten haben, und dem Spekulieren einiger Kinder auf kostenlose Reste nach dem Essen im Atrium heutzutage. Und schließlich, wie es auch Konrektor Thomas Mandel bestätigt, die „Verrohung der Sitten“, die jede Lehrergeneration von Neuem beklagt.

Eines jedoch hat sich nicht geändert: Die Schüler stehen im Mittelpunkt. Egal ob knapp 280 wie im Jahre 1912, fast 800 wie zu Hochzeiten oder derzeit etwa 450 - das aktuelle Schul-motto „miteinander - füreinander“ gilt in Gemünden seit 100 Jahren. Bei der Schlüsselübergabe für den Neubau sagte Hauptlehrer Kohl 1912: „Möge es uns Lehrern gelingen, einen zweiten Schlüssel zu finden, nämlich den Schlüssel zu den Herzen unserer Kinder, aus Liebe und Sanftmut gefertigt.“

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