Christoph Sieber zeigte beim Frankenberger Kulturring seine vielfältigen Talente

Schrei des Wutbürgers

Witzig, schlagfertig, treffsicher: Der aus der SWR-Sendung „Spätschicht“ bekannte Kabarettist Christoph Sieber zog in der Ederberglandhalle alle Register seiner Bühnenkunst. Foto: Völker

Frankenberg. Erst einmal vergewissert er sich, dass keiner vom Verfassungsschutz im Saal sitzt. „Vermutlich sind die gerade alle wieder auf irgendeiner rechten Demo“, meint der Kabarettist Christoph Sieber, als er die Ederberglandhalle betritt. Und dann geht es um tagesaktuelle Ereignisse, um nach Brüssel abgeschobene Politiker und um die FDP: „Die gab’s noch, als ich das letzte Mal in Frankenberg war.“

Im Auftrag des Frankenberger Kulturrings machte sich der bekannte SWR-Moderator, Autor und Comedian, der schon so viele Kleinkunstpreise abgeräumt hat, auf die Suche nach dem Glück, sein Publikum immer dichtauf, fesselnd, unterhaltsam, manchmal geradezu anrührend. Er zitierte Hölderlin und Ambrose Bierce: „Glück ist das Gefühl, was sich einstellt, wenn man dem Elend des anderen zuschaut“. Und dann verwies er darauf, dass der schwächelnde Dax und die Milliarden für die geretteten Banken in Europa die Schlagzeilen beherrschen, während in Afrika täglich unbemerkt Tausende an Hunger sterben.

Nein, Sieber moralisiert nicht, aber er lässt schon gern mal die Stimmung so unvermittelt umkippen, dass einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Er karikiert den Alltag im Baumarkt, die Schnäppchenkultur von „20 Prozent auf alles“, verteilt selbst Schokolade aus der Einkaufstüte und greift spontane Stichworte aus dem Publikum auf, um daraus Luft für den kräftigen, kollektiven Aufschrei des Wutbürgers zu sammeln: „Sie sagen mir, was Sie wütend macht, und ich lass’ es raus!“

Medien sind für Sieber, selbst längst ein subversiver TV-Unterhalter, eine breite Zielscheibe. Er regt sich über die floskelstarre Talkshow von Günter Jauch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ebenso auf wie über die „grenzdebilen Deppen“ der Privatkanäle oder über die Inflation der Zootiere und Kochsendungen auf allen Kanälen.

Dem Publikum gefielen beim Gastspiel des schwäbischen Kabarettisten nicht nur seine gesellschaftskritischen Attacken mit dem messerscharfen Wort, sondern auch sein schauspielerisches Talent, seine Gestik und sein Körpereinsatz bei der Pantomime, sein Gefühl für Musik und Rhythmus, sein Solo als Rapper ohne Brille.

Von Karl-Hermann Völker

Quelle: HNA

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