Jahrespraktikantin Jennifer Godzik entdeckt durch das Ehrenamt ihren Traumberuf

Schreiben lernen mit Frau Jenni

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Frau Jenni und ihre Schüler: Die 20-jährige Jennifer Godzik macht ein Jahrespraktikum an der Wigand-Gerstenberg-Schule. Durch die Arbeit in der Inklusionsklasse hat sie zu ihrem Traumberuf gefunden.

Frankenberg - Die Frankenbergerin Jennifer "Jenni" Godzik arbeitet ein Jahr lang ehrenamtlich in der Wigand-Gerstenberg-Schule. Die 20-Jährige bekommt dafür kein Geld, sondern etwas viel Wertvolleres als das: Sie hat ihre Berufung und ihren Traumberuf gefunden.

Das Lesen fällt der Schülerin noch schwer. Jenni übt geduldig jedes einzelne Wort mit ihr. Dann hilft Jenni einem anderen Kind, ein „J“ zu schreiben, das es heute gelernt hat. Sie teilt Arbeitsblätter aus und beantwortet Zwischenfragen. Dann geht sie durch die Reihen und überprüft die zehn großen „J“ und die zehn kleinen „j“ aller Kinder. Ein Kind bittet Jenni um Hilfe, also geht sie auf Augenhöhe mit dem Schüler und erklärt ihm leise nochmal den Arbeitsauftrag.

Was wirkt wie eine erste Klasse mit ihrer Lehrerin, ist in Wirklichkeit eine Inklusionsklasse der Jahrgangsstufe eins mit ihrer Hospitantin Jennifer Godzik. „Ich kenne die Kinder seit ihrer Einschulung. Am Anfang konnten sie weder lesen noch schreiben. Jetzt können sie schon kleine Texte lesen, ihre Hausaufgaben notieren und sich organisieren“, meint „Frau Jenni“, wie sie von den meisten Kindern genannt wird. „Ich bin weder die Spielkameradin Jenni, noch eine richtige Lehrerin, die man „Frau Godzik“ nennen würde.Da war „Frau Jenni“ ein netter Kompromiss.“ Sie sei erstaunt gewesen, was Kinder im ersten Schuljahr alles lernen würden.

Zu ihrer Aufgabe als Hospitantin ist Jennifer Godzik eher durch Zufall gekommen. Nach der zwölften Klasse verlässt die Frankenbergerin die Edertalschule, weil sie bis dahin noch keinen Berufswunsch hat. Die junge Frau informiert sich und findet heraus, dass sie mit dem Abschluss der zwölften Klasse und einem absolvierten Jahrespraktikum das Fachabitur bekommt - mit diesem kann sie später auch studieren.

„Ich wusste: Das ist es“

Und die 20-Jährige hat Glück: Da sie gerne unter Menschen ist, bewirbt sie sich und bekommt einen Platz für ein Halbjahres-Praktikum bei der Frankenberger Zeitung. Jennifer Godzik liebt es, mitten im Geschehen zu sein, doch der Teil, in dem am Computer gearbeitet wird, füllt sie nicht richtig aus.

Anders ist das beim zweiten sechsmonatigen Praktikum in der Kindertagesstätte in Geismar. Die Arbeit dort gefällt ihr so sehr, dass sie Sozialpädagogik studieren möchte. Jennifer Godzik schreibt acht Bewerbungen an Universitäten, doch keine nimmt sie. „Ich war zu naiv, habe zu lange gewartet. Also wollte ich nach einem Platz für ein freiwilliges soziales Jahr oder einem weiteren Praktikum schauen.“ Dann besucht sie rein zufällig die Homepage ihrer alten Grundschule, der soeben die Jahrespraktikantin abgesprungen ist. „Ein Anruf - und ich konnte sofort anfangen.“

Für die Schulleiterin Christiane Lücke ist die 20-Jährige ein Glücksfall: „Wir brauchten zusätzliche Unterstützung in den einzelnen Klassen, besonders in der Inklusionsklasse. Und wir wussten noch nicht, woher wir die bekommen sollten. Dann kam Jenni.“ Wissend, dass es als Schulabgänger schwierig ist, gleich in den Arbeitsalltag reinzukommen und flexibel zu sein, werden im Kollegium Absprachen getroffen, wie eine Vollzeithilfe im Schulalltag integriert werden kann. „Jenni ist so unbekümmert und den Schülern sehr nahe, weil sie selber gerade noch Schülerin war“, sagt die Schulleiterin. Damit gebe sie auch dem Kollegium wertvolle Impulse und helfe, manche Dinge aus einer anderen Perspektive zu bewerten.

Als Frau Jenni als Vertretung mit Material und Anweisungen bestückt zum ersten Mal allein vor einer Klasse steht, ändert sie all ihre Pläne. „Ich stand vor den Kindern und wusste: Das ist es.“ Vom Vorhaben des Studiums der Sozialpädagogik rückt sie ab. Nun strebt sie ein Grundschullehramt an. „Ich kam ohne Erwartungen und dachte, ich komme zum Hospitieren, Bücher ausleihen und Kaffee kochen“, schmunzelt sie, „ich hätte nie erwartet, so viel Verantwortung zu bekommen. Ich liebe diese Arbeit, auch weil die Kinder hier Werte vermittelt bekommen und ich von den Kindern alles bedingungslos zurückbekomme.“ Diese Erkenntnis sei für sie mit Geld nicht zu bezahlen.

Die hohe Akzeptanz durch Kinder und Kollegium beruht auch auf der enormen Entlastung, die sie durch Jennifer Godziks einjähriges Vollzeit-Ehrenamt erfahren haben: Engpässe bei der Betreuung von Kindern oder krankheitsbedingte Ausfälle konnten zumindest teilweise spontan kompensiert werden. (dwa)

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