Frankenberger Journalist wandert quer durch Deutschland

Sebastian Christ sucht den demografischen Wandel

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Frankenberg - Auf einen außergewöhnlichen Weg hat sich Sebastian Christ am 19. Februar begeben. Der gebürtige Frankenberger wandert von Slubice in Polen durch acht Bundesländer nach Venlo in den Niederlanden. „Dabei soll eine sehr persönliche Wanderreportage entstehen“, erläutert der Journalist.

Er gehört zu den besten Beobachtern Deutschlands. Und zählt zu den Journalisten, die ihre Eindrücke auf eine Art niederschreiben, die andere Menschen fasziniert. Die sie unterhält, die sie aber auch zum Nachdenken bringt. Um diese Beobachtungen anstellen zu können, hat Sebastian Christ den Mut, ausgetrampelte Pfade zu verlassen. Wie zuletzt, als er mit öffentlichen Verkehrsmitteln von seiner Wahlheimat Berlin aus nach Bagdad fuhr, um Menschen vorzustellen. Um Begegnungen nachzuzeichnen. Und diese Wahrnehmungen wie ein Puzzle zusammenzusetzen, das als Ganzes ein detaillierteres Bild von Bagdad ergibt.

Erzählungen vom 
demografischen Wandel

Mitte Februar hat sich der vor Jahren vom Medium-Magazin als einer der „Top 30 Journalisten unter 30“ gekürte Schreiber wieder auf einen Weg gemacht. Zu Fuß. Bei Minusgraden. Auf eine knapp 1000 Kilometer lange Strecke. Er will von Slubice in Polen nach Venlo in den Niederlanden wandern. Durch acht Bundesländer. „Dabei soll eine sehr persönliche Wanderreportage entstehen“, schreibt Christ. Auf seiner Facebook-Seite und in seinem Blog „Deutschland zu Fuß“, zu finden unter der Adresse http://deutschlandwanderung.wordpress.com, schildert er seine Eindrücke. Und die lassen erkennen, dass er andere Wege verfolgt als andere Wanderer vor ihm. Sein Ziel ist es auch, nach der Erkundung Deutschlands ein Buch zu schreiben. „Kein Almanach, der die nötigen Zahlen liefert.“ Er will „ein Stück literarischen Journalismus abliefern“: Erzählen will er vom demografischen Wandel und warum „vielleicht doch alles anders kommt, als wir heute glauben“ (siehe Interview).

„Bis Frankenberg brauchen Trends ein Jahr länger“

Warum er diesen außergewöhnlichen Ansatz verfolgt? „Das Buch hat auch mit meiner Geschichte zu tun“, schreibt Christ, der an der Deutschen Journalisten-Schule das Handwerk lernte und seitdem schon für viele der großen Medien gearbeitet hat: Für das Handelsblatt, für den Stern, für die Zeit. „Als ich jung war, wollte ich unbedingt weg aus Frankenberg.“ Heute freue er sich über jeden, der dageblieben sei. „Meine kleine Heimatstadt in Nordhessen hat weder Showmaster noch Olympiasieger hervorgebracht. Es ist eine Stadt, die 45 Fahrminuten von der nächsten Autobahn entfernt liegt, für nichts auf der Welt bekannt ist und in der jeder große Trend mit mindestens einem Jahr Verspätung imitiert wird. Nach dem Abitur packte ich mein Auto bis unters Dach voll und fuhr ab Richtung Süden.“

Christ: „Schrullige Ideen aus der Provinz“

Von dort aus habe er Deutschland beobachtet, erzählt Christ im Internet. Eine Erkenntnis: „60 Prozent der Arbeitsplätze in diesem Land stellt der Mittelstand“, der mehrheitlich in der Provinz zu Hause sei. Seine Schlussfolgerung: „Wenn es nicht die vielen Menschen im ländlichen Deutschland gäbe, die immer wieder schrullige und geniale Ideen haben“, wäre Deutschland niemals Exportweltmeister geworden. Christ verweist auf das in Friedrichsdorf erfundene Telefon und Konrad Zuse, der in Hoyerswerda den Computer erfand. „Spätestens während eines Auslandsaufenthaltes in Frankreich merkte ich, wie außergewöhnlich es ist, in einem Land zu leben, das von innen heraus wächst – und nicht aus einer einzigen Metropole heraus seine gesamte Bedeutung schöpft.“

Christs These: „Eine starke Provinz bedeutet Freiheit.“ Der demografische Wandel bedrohe jedoch diese Freiheit. „Deutschland wächst nicht mehr von innen heraus, sondern schrumpft. Demografen zeichnen drastische Zukunftsszenarien, im Jahr 2050 soll der Altersdurchschnitt in den meisten Landkreisen außerhalb der Metropolregionen bei über 55 Jahren liegen.“ Sein Ansinnen sei es nicht, in das Klagelied der düsteren Zukunft einzustimmen. „Es soll ein Buch entstehen, das entgegen vieler anderer Beschreibungen nicht nur vom Niedergang handelt, sondern auch vom Besonderen im Kleinen. Denn wir können uns ein Deutschland ohne Provinz nicht leisten.“

Knapp drei Wochen ist der ehemalige Edertalschüler schon unterwegs durch die Provinz. Berlin hat er hinter sich gelassen. Am Montag erreichte Christ Bitterfeld. In südwestlicher Richtung geht es in den nächsten Tagen gen Heimat: Kassel, Bad Wildungen, Frankenberg, Willingen sollen Stationen der Wanderung sein, ehe er den Ruhrpott durchquert. Die vergangene Woche war hart: Deutschland im Winter – für einen Wanderer kein Märchen. Geklagt hat er nicht. Aber gefreut hat er sich, als am Wochenende die Sonne zeigte, dass es sie noch gibt.

„Ziel ist unabhängiger 
Reportagejournalismus“

Ins Konzept hat ihm der Wintereinbruch gepasst. „Es gibt genug schöne Werbebilder, die das deutsche Mittelgebirge im Sommer zeigen.“ Er wolle ein Buch für all jene schreiben, „die neugierig auf das Deutschland jenseits von Berlin, Hamburg und München sind“. Für eine Variante jenseits der üblichen Herangehensweise hat sich Christ auch bei der Finanzierung von „Deutschland zu Fuß“ entschieden: „Es geht um unabhängigen Reportagejournalismus, der jenseits der großen deutschen Redaktionen und Verlage entsteht. Es geht um ein Projekt, für das ich seit fünf Jahren kämpfe – und dessen Verwirklichung nun ganz nah ist.“

Der Reporter bittet um Spenden, um finanzielle Unterstützung seiner Arbeit (siehe Hintergrund). Christ beziffert die Kosten für das Projekt auf 3000 Euro: für Übernachtungen, Wanderstiefel etc. Jeder Euro mehr gebe ihm später beim Schreiben des Buches mehr Freiheit. „Eure Beteiligung ist eine Investition in meine schreiberische Freiheit“, sagt Christ.

Hintergrund:

Auf der Internetseite startnext.de/winterwanderung wirbt Sebastian Christ um finanzielle Unterstützung des Projekts „2013: Was von Deutschland übrig bleibt“. In der Branche wird der Ansatz des Spendensammelns als Crowdfunding bezeichnet – in Deutschland eine noch seltene Form der Geldbeschaffung: Viele Menschen fördern ein Projekt und tragen gemeinsam zur Realisierung bei. Christ hat bereits 80 Freunde gefunden, die bereit sind, ihn finanziell zu unterstützen. In den nächsten Tagen will er das „Konto“ öffnen. Christ verspricht sogar Gegenleistungen: Wer 15 Euro überweist, erhält ein Wanderfoto, für 50 Euro eine gebundene Farbkopie seines Skizzenbuches, für 300 Euro eine „Premium-Lesung“ und für 500 Euro „Einmal alles“.

Interview mit Sebastian Christ

Was suchen Sie genau bei Ihrer Tour durch die Republik?Es geht mir darum, ein sich schnell veränderndes Land zu entdecken. Der demografische Wandel ist seit Jahren Realität, aber wohin führt er uns? Lange hieß es, dass die Provinz ausblutet, immer mehr Einwohner verliert. Spätestens seit meiner jüngsten Wohnungssuche in Berlin möchte ich daran aber nicht mehr so recht glauben. In den Großstädten explodieren die Mieten, gleichzeitig gehen dadurch auch Freiräume in der Lebensgestaltung verloren. In Amerika ziehen junge Künstler genau aus diesen Gründen wieder verstärkt aufs Land – in der Nähe von New York haben sich Dutzende von ihnen in einer Kleinstadt eingemietet. Ich glaube zwar nicht, dass überall in der deutschen Provinz Künstlerkolonien entstehen würden. Das kann ein Zeichen für einen neuen Trend sein. Gerade habe ich einen Imbissbudenbesitzer getroffen, der von Berlin nach Bitterfeld gezogen ist. Er bereut es keine Sekunde lang.

Auf Ihrer Tour wollen Sie auch in Ihrer Heimat Station machen. Welche Pläne haben Sie in Frankenberg – außer bei Ihren Eltern zu übernachten?In Berlin habe ich versucht, mich als Fremder durch meine neue Heimat zu bewegen. Und genauso versuche ich, auch in meiner alten Heimat Frankenberg die Dinge mit frischen Augen zu sehen. Vielleicht setze ich mich einfach auf den Obermarkt und schaue den Leuten zu? Vielleicht spreche ich mit ein paar Leuten? Mal sehen.

Sie werben im Internet auf www. startnext.de/winterwanderung um finanzielle Unterstützung. Wie ist bislang das Echo auf diesen ungewöhnlichen Ansatz der Geldbeschaffung?Die Resonanz ist hervorragend. Auf der Plattform, die ich für meine Kampagne nutze, braucht man für die Summe, die ich werben will, 50 Unterstützer, bevor die Finanzierungsphase beginnt. Ich hatte binnen 15 Stunden fast 80 Unterstützer gesammelt. Bald kann ich mit dem Spendensammeln beginnen, und ich bin sehr zuversichtlich, mein Ziel auch zu erreichen. Für mich ist das Ganze übrigens ein Experiment: Schaffe ich es, einen Teil meiner journalistischen Arbeit durch Spenden zu finanzieren? In Zeiten schrumpfender Honorarsätze im Journalismus ist das ein wichtiger Versuch, ein neues Geschäftsmodell zu entwickeln.

Der Winter hatte Deutschland in den vergangenen Tagen fest im Griff. Haben Sie schon bereut, diese Wanderung nicht im Sommer gestartet zu haben?Niemals! Ich möchte mir dann Deutschland anschauen, wenn niemand hinschaut. Der Winter ist dafür ideal. Außerdem bekomme ich nun mit, wie der Schnee schmilzt und der Frühling langsam erwacht. Ein wahnsinnig schönes Erlebnis.

Von Rouven Raatz

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